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Identität | Deutsches Narrativ in deutscher Erinnerungskultur: Wo bleiben die Migras?

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09.03.2026

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Debatte : Deutsches Narrativ in deutscher Erinnerungskultur: Wo bleiben die Migras?

Deutschland versuchte durch die Erinnerung an das eigene Verbrechen eine neue nationale Identität aufzubauen. Das geschah allerdings unter Ausschluss der Migrant:innen. Warum die Migra-Communitys ihre eigenen Narrative etablieren wollen

Illustration: Jo Rüßmann

Betrachten wir die Debatten über das Thema Identität, taucht der Begriff Narrativ in den letzten Jahren geradezu endemisch auf. Die Frage also, welche Deutungserzählungen unsere Kultur dominieren und unsere Wahrnehmung formen.

Die MeToo-Debatte erlaubte uns, den sexuellen Missbrauch aus der Perspektive der Opfer zu betrachten, und änderte unsere Art, über das Thema zu reden. Infolge dieser entstand in Deutschland die MeTwo-Debatte, in der die Migra-Community über ihren täglichen Kampf gegen Rassismus berichtete, und erlaubte so der Mehrheitsgesellschaft, über das Thema neu nachzudenken.

Beide Narrative haben unsere Wahrnehmung verändert und sie in einen neuen Rahmen eingebettet. Inzwischen ist es zur gängigen Floskel geworden, nach Narrativen zu verlangen (Europa braucht ein neues Narrativ!). Doch Narrative neigen selten dazu, friedlich zu koexistieren. Viel häufiger konkurrieren sie miteinander.

In Deutschland versucht man durch die Erinnerung an das eigene Verbrechen eine neue nationale Identität aufzubauen. Damit wurde ein „grand narrative“ geschaffen, wie man in der Narratologie sagt. Also eine identitätsstiftende Erzählung, die die Erfahrungen und Erwartungen der Gemeinschaft leitet. Sie ist die Antwort auf die Frage, was es heißt, heute ein Deutscher zu sein.

Die Integrationsdebatte

Der Soziologe Michal Bodemann weist eindrucksvoll nach, wie Trauertagungen, Gedenkfeiertage, offizielle Veranstaltungen zum Holocaust explosionsartig ab den 1970er Jahren zugenommen haben. Entscheidenden Einfluss hatte auch die US-Serie "Holocaust", die 1979 im deutschen Fernsehen lief. Plötzlich wollte jeder über das Dritte Reich reden. Die Opfer rückten in den Mittelpunkt, füllten Abendprogramme, Schulbücher und Museen. In meiner Schulzeit schärften Lehrkräfte meine Wahrnehmung für das Leid der jüdischen Opfer. Heute tue ich das als Lehrer auch in meinem Unterricht.

Das neue deutsche Narrativ führte aber zu zwei Problemen. Da nationale Erzählungen immer positiv sein müssen, kommt es unweigerlich zu dem, was ich auf freitag.de als das ,Monsterproblem‘ bezeichnet habe. Es geht um das Paradox, eine nationale Identität aus der Erinnerung an ein moralisches Grauen zu gebären. Das zweite Problem sind wir. Ob hier geboren oder nicht, als Migra begreifen wir schnell, dass wir im „grand narrative“ nicht mitgemeint sind. Die Schuldfrage ist eine, die wir uns nicht zu stellen brauchen. Stattdessen vertröstet man uns mit einem Integrationsnarrativ, bekannter als Integrationsdebatte.

Wenn Zugehörigkeit über kulturelle Anerkennung verhandelt wird

Sie erzählt im Grunde eine Aufsteigergeschichte mit einem Versprechen: Wer Deutsch lernt, sich bildet, arbeitet, Steuern zahlt, soll dazugehören. Sie wird aber zum Problem, wenn Zugehörigkeit nicht über Leistung, sondern über kulturelle Anerkennung verhandelt wird.

Je weiter Migras aufsteigen, umso mehr merken sie, dass jeder Nazi – egal, wie sehr er die Demokratie verachtet – eher als Deutscher wahrgenommen wird als sie. Das „grand narrative“ hält ihm freundlicherweise stets einen Platz in seiner Erzählung frei. Eine Weile hat das Integrationsnarrativ funktioniert, stößt aber längst an seine Grenzen. Ein Drittel der Deutschen hat inzwischen eine internationale Herkunft und akzeptiert weder das Integrationsnarrativ noch das deutsche „grand narrative“.

Wie der Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt in seinem Buch Das narrative Gehirn zeigt, sind neue Narrative oft eine Reaktion auf eine Krise. Es ist kein Zufall, dass die letzten großen Identitätsdebatten den Fokus auf die Opfer gelegt haben. Wie in der deutschen Erinnerungskultur wird ihnen eine große Bühne geboten, lautstark politische Aufmerksamkeit eingefordert. Da sie im deutschen „grand narrative“ nicht auftauchen, sagen sie ihm den Kampf an.

Auch rechte Narrative konkurrieren mit der „grand narrative“

Konkurrierende Narrative werden dort besonders deutlich, wo moralische Deutung und Zugehörigkeit politisch aufgeladen sind – etwa im Gaza-Konflikt. Am 7. Oktober 2023 hat die terroristische Hamas 1.200 Menschen ermordet und mehrere Personen als Geiseln festgenommen. Die israelische Regierung reagierte zwei Jahre lang mit massiven militärischen Angriffen.

Das „grand narrative“ der Deutschen verlangte von der Politik, ihre Rolle als reumütiges Tätervolk wie gehabt weiterzuspielen und Israels Interessen als Staatsräson zu betrachten und praktisch jede Kritik am maßlosen Vorgehen der rechten israelischen Regierung zu unterbinden. Als Teile der Bevölkerung dagegen aufbegehrten, sprachen Politiker schnell vom importierten Antisemitismus der Migras. Gibt es ein solches Antisemitismusproblem? Bei einigen bestimmt.

Doch was, wenn es weniger um einen importierten Antisemitismus geht, auch nicht um einen urdeutschen, sondern um ein Aufbegehren gegen das bestehende Narrativ? Denn zur selben Zeit erstarken rechte Narrative, die die Erinnerungskultur aufweichen wollen. Auch sie stehen im Wettkampf mit den aktuellen Narrativen und sprechen gern von uns als Passdeutschen. Auch sie geben eine alte Antwort auf die Frage, was es heißt, heute ein Deutscher zu sein.

Alle Narrative haben etwas Therapeutisches

Narrative beschreiben aber nicht nur Krisen, sondern auch ihre Überwindung. In dieser Hinsicht sind alle Narrative therapeutisch. Sie streben eine Form der Heilung an. Das deutsche „grand narrative“ wollte durch das Erinnern nicht nur die Verbrechen beschreiben, sondern es diente als Versuch, ein neues Zusammenleben mit Juden zu ermöglichen.

Und migrantische Identitätsdebatten beschreiben nicht nur das Gefühl, in der deutschen Erinnerungskultur nicht mitgemeint zu sein, sondern sie versuchen über ihre Opfer- oder Gegen-Narrative Teil der großen deutschen Erzählung zu werden. Sie geben eine neue Antwort auf die Frage, was es heißt, heute ein Deutscher zu sein.

Massoud Doktoran, geboren 1987 in Berlin, ist Philosophielehrer und Romanautor, als Drehbuchautor schrieb er mit Babak Ghassim die Serie ETHNO für den WDR

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