Soziologie | Sind rechte Bewegungen im Osten die Fortsetzung der Protestkultur in der DDR?
Seine Gewalt sei nur ein stummer Schrei nach Liebe, so deutete einst die Band Die Ärzte die Genese des Skinheads. Dass die Soziologie bis heute über diese Vulgärpsychologie nicht wesentlich hinausgekommen ist, beweist auch die Debatte über rechte Bewegungen im Osten, nicht nur, aber wesentlich verkörpert durch „den Skin“ oder „den Hool“. Abwesende Väter, Töpfchenzwang und emotionale Verwahrlösung als Erklärung für das, was im Osten schiefläuft: Wen scheren ökonomische Realitäten oder extreme Ungleichheiten in der Vermögens- und Einkommensverteilung, wenn man rechte Neigungen zur sozialpsychologischen Störung umdeuten kann?
Der Soziologe Stefan Wellgraf möchte mit seinem Buch Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren das lieb gewonnene Narrativ durchbrechen und wagt die Analyse der ostdeutschen Gesellschaft über den Umweg der rechten Subkulturen. Wellgraf hat im Grunde zwei Bücher geschrieben: Das eine ist eine Mikrostudie zur Hooligan-Kultur am Beispiel des BFC Dynamo.
Gewaltaffinität, soziale Bruderschaft, Männlichkeit, DDR-Sozialisation, Szenecodes und soziale Herkunft der Hools aus proletarischen Elternhäusern werden entlang biografischer Interviews verhandelt. Das zweite Buch – oder jedenfalls der zweite Teil des Buches – widmet sich dem Versuch einer Makroanalyse rechter Strukturen in der DDR und der Postwende-Gesellschaft im Osten.
Wellgrafs Anliegen ist es, „einen insbesondere in Deutschland einflussreichen Forschungsstrang, in dem rechte........
