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Berlin | Vulkangruppe: Es ist gesünder über Sabotage zu sprechen – und nicht über Linksterrorismus

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14.01.2026

Zu Beginn des Jahres konnte man in Berlin viel aus dem Bereich der Elektrotechnik lernen. Es ging um Hochspannungsleitungen, über 35.000 Kilometer davon durchziehen die Stadt. Nach dem gelegten Brand an einer Kabelbrücke wachten etwa 100.000 Menschen im Südwesten der Stadt ohne Strom auf. In 73 Pflegeheimen wurde es kalt. Die Reparatur dauerte vier frostige Wintertage. So etwas braucht rhetorische Begleitung, symbolische Einordnung. Politiker wollten tatkräftig wirken. Im Herbst sind Wahlen in Berlin.

Dafür trat dann der Regierende Bürgermeister, Kai Wegner von der CDU, recht unaufgeräumt auf: Er trug vor, was er alles gemacht habe, als wolle er etwas beweisen. Später stellte sich heraus, dass er zwischendurch Zeit für eine Partie Tennis fand. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) mischte ingenieurwissenschaftliche Fachbegriffe unter Wir-machen-ja-Rhetorik. Wegner aber malte an einem großen Schreckensbild: Hier, sagte Wegner in der Abendschau des RBB, ist ein terroristischer Anschlag passiert, das ist nicht nur Brandstiftung oder Sabotage.

Nun sitzt die Zuschreibung „Terrorismus“ bei vielen ziemlich locker. Sie soll oft als fundamentale Feindzuschreibung funktionieren. Dabei geht es um Positionsgewinne im politischen Spiel. Die erhofften sich rechte Populisten: AfD-Mitarbeiter filmten sich vor einer geschlossenen Tankstelle, wollten etwa den Untergang des Abendlandes erkannt haben. Auf ihren Kanälen empörten sich Menschen, dass alle Stromaggregate in der Ukraine seien, sie frören also für Selenskyj. Über „Linksterrorismus“ schrieben Krawallmedien, der CSU-Generalsekretär betonte ihn sofort als „reale Bedrohung“. Es schien, als verströme der Kabelbrand Erleichterung – mal kein Angriff von rechts.

Der Philosoph Dirk Quadflieg hat den Terroristen als soziale Figur untersucht und in ihm „eine tiefe kulturtheoretische Herausforderung für das Selbstverständnis der westlichen Demokratien“ erkannt: Ebenso individualisiert, auf eigenes Glücksstreben bedacht, unterscheidet ihn „seine gewaltsame Affirmation des Todes“ fundamental von Bürgern westlicher Demokratien,........

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