Russlands Seele: Diese fünf Bücher sind mehr als nur große Literatur
Vermessen ist es wohl, dieses riesige Land durch fünf Bücher erklären zu wollen, aber sie sind die Lektüre wert, auch wenn sie zum Teil nur noch antiquarisch zu haben sind. Denn der deutschsprachige Buchmarkt hat sich wegen des Ukrainekriegs fast gänzlich von der russischen Literatur verabschiedet, der heutigen sowieso, aber auch vom literarischen Erbe.
Aber aus früheren Jahren, zumal aus der DDR, gibt es noch einen gewissen Buchbestand. Die hier genannten Titel lassen sich über diverse Online-Anbieter erwerben. Auch Nikolai Tschernyschewskis Roman Was tun? Aus Erzählungen vom neuen Menschen, der 1863 im Gefängnis der Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg entstand und zum Leitbild der revolutionären Bewegung wurde. Schluss mit der zaristischen Alleinherrschaft! Für die entstehende Arbeiterklasse nahm der Autor Partei und setzte seine Hoffnungen auch auf die Landbevölkerung, die mit ihrer Sozialstruktur einer sozialistischen Gemeinschaft nahe sein könnte.
Wobei er in seinem Text alles vermied, was die Zensur alarmieren konnte. Die Literaturwissenschaft erfreute sich später an einem ganzen Arsenal von Tarnbegriffen. So sehr die Zensur zu verdammen war, sie machte Leser ja zu findigen Komplizen, schenkte ihnen die Genugtuung, mit aufrührerischen Autoren im Bunde zu sein. Dieses Bündnis hat die russische, die sowjetische Literatur über die Jahrhunderte geprägt und ist auch auf die DDR abgefärbt.
Schriftsteller als Gewissen der Nation: Sie schrieben nicht nur zum Vergnügen oder zum Geldverdienen, sondern aus geradezu heiliger Verpflichtung. In einer Gesellschaft ohne demokratische Institutionen und ohne freie Presse erhoffte das Publikum von ihnen, das Fehlende zu ersetzen ohne Rücksicht auf Leib und Leben.
Tschernyschewski wurde 1864 nach einer symbolischen Scheinhinrichtung zur Verbannung nach Sibirien verurteilt. Erst 1883 kam er nach mehreren dilettantischen Befreiungsversuchen frei. 1889 starb er in seiner Geburtsstadt Saratow. Aber Was tun? schlug Wellen. Karl Marx soll ein eifriger Leser gewesen sein, und Lenin übernahm für seine programmatische Schrift 1902 über Bildungsbürgertum und Arbeiterklasse sogar den Titel.
Was mich an diesem Buch besonders beeindruckte, war das emanzipatorische Frauenbild, wie es später von Alexandra Kollontai (1872–1952), der ersten Ministerin und Botschafterin der jüngeren Geschichte noch ins Privateste hinein radikalisiert wurde. Freie Liebe, der Mann als Unterstützer der Frau. Der Traum vom „neuen Menschen“, der die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse erzwingen und von ihnen profitieren würde.........
