Bin ich schon drin oder was? Was Boris Beckers AOL-Werbung über die Generation X verrät
Soso: Wir Mittfünfziger sind also „die neue Problemgeneration“. So will es zumindest eine News-Geschichte, die derzeit auf Social Media die Runde macht: „Sie nehmen Drogen, haben ungeschützten Sex, trinken und werfen das Geld zum Fenster hinaus!“
Dass uns die großzügig rechnenden Urheber dieser Story dabei als „Boomer“ titulieren statt als Gen X, sei geschenkt: So schlecht klingt das ja nicht, von „ungeschützt“ vielleicht mal abgesehen. Man fühlt sich regelrecht an eine ikonische Zeile von Neil Young erinnert, den genial dilettierenden Cowboyhut-Folkrocker Jahrgang 1945, den Kurt Cobain persönlich zum Ehrenmitglied unserer sozio-kulturellen Alterskohorte ernannt hat: „It's better to burn out than to fade away!“
Cobain hat diese Zeile tatsächlich in seinem Abschiedsbrief zitiert – und viele der heutigen Plus-Minus-Fiftysomethings konnten sich in besseren Tagen auf einen solchen Habitus einigen. Aber mal ehrlich, liebe Jahrgänge 1965 bis 1980, werden wir hier nicht etwas überschätzt? Haben wir nicht pünktlich zur Legalisierung das Kiffen aufgegeben, weil es uns nur noch müde machte? Wann waren Sie zuletzt auf einer wilden Orgie – und klingt die Sache mit dem „Burn Out“ heute nicht etwas anders als auf Youngs berühmten Album Rust Never Sleeps?
Aber nehmen wir die Story doch zum Anlass, auf der Gen-X-Erfindung YouTube – Nerd Check: Wussten Sie, dass einer der drei Gründer dieser Plattform 1979 in der DDR geboren wurde? – das zitierte Neil-Young-Stück anzuklicken, uns ganz Boomer-mäßig zurückzulehnen und sowas wie eine generationelle Bilanz zu ziehen: Was, wenn schon nicht wirklich der Exzess bis zum Rollator, könnte einmal von uns bleiben in der populären Kultur?
Gehen wir die Liste also einmal durch und beginnen vielleicht beim Sport, zu dem wir immer eine etwas ambivalente Haltung hatten. Nach außen befanden viele von uns diese neuen, erlebnisorientierten „Funsportarten“ als cool, Snowboard, Windsurfing und so. Dennoch haben wir viel herkömmlichen Sport geguckt, und die ersten Exemplare unserer Generation, die dort hierzulande große Karriere machten, spielten ausgerechnet Tennis.
Das tat seinerzeit gefühlt kein Mensch, bis „Bumm-Bumm-Boris“ Becker und Steffi Graf sich mit ihren frühen Wimbledon-Siegen unsterblich machten. Das war seinerzeit nicht nur ein nationales Medienereignis von heute nur noch schwer vorstellbarem Sättigungsgrad, sondern führte auch diesen Sport etwas aus seiner gutbürgerlichen Ecke heraus.
Plötzlich wollten jedenfalls alle Tennis gucken, Tennis spielen und das passende Auto zur Sportart fahren, nämlich einen Golf Cabrio: Gewissermaßen trug der Boris-Steffi-Boom zu jenem oberflächlichen, neoliberalismus-offenen Jugend-Zeitgeist bei, den Gen-X-Chronist Florian Illies zum Millennium in seinem Bestseller Generation Golf........© der Freitag
