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Zwischen Illegalität und Utopie: Was frühere Militante der Gen Z mitgeben

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11.02.2026

Die weltweiten Krisen spitzen sich zu – und mit ihnen die Angriffe auf Demokratien und fortschrittliche Projekte. Die kurdische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien steht unter massivem Druck, autoritäre Regime gewinnen an Einfluss, während zugleich junge Menschen in vielen Ländern auf die Straße gehen. Ereignisse wie die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA machen sichtbar, wie offen Machtpolitik heute betrieben wird und wie brüchig das Völkerrecht geworden ist.

In dieser Phase wachsender Widersprüche lohnt der Blick zurück – nicht aus Nostalgie, sondern um Erfahrungen früherer Kämpfe für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Thomas Walter und Anja Flach entschieden sich in den 1990er Jahren für militante Politik: er als Teil der Gruppe K.O.M.I.T.E.E. in Deutschland, sie als Internationalistin in der kurdischen Frauenarmee.

Ihre Wege führten ins Exil, in die Illegalität und in den bewaffneten Kampf – und schließlich zurück ins zivile Leben, ohne die politische Haltung aufzugeben. Im Gespräch mit dem Freitag erzählen sie von Biografien zwischen Hoffnung und Scheitern, von Solidarität und Repression – und von der Frage, was heutige Bewegungen aus vergangenen Kämpfen lernen können. Ob und wie sich diese Erfahrungen übertragen lassen, bleibt eine offene Frage.

der Freitag: Frau Flach, Herr Walter, Sie haben sich beide bewusst für militante Politik entschieden. Heute denkt man da vielleicht an Bilder vom „schwarzen Block“ oder an Anschläge auf das Stromnetz wie jüngst in Berlin. Diese Aktionen wurden von fast allen sehr kritisch gesehen. Was heißt „Militanz“ für Sie persönlich – damals und heute?

Anja Flach: Für mich heißt Militanz, das kapitalistische Patriarchat nicht zu akzeptieren – und alles daran zu setzen, dass es nicht weiterbesteht. Militanz bedeutet in der kurdischen Bewegung nicht primär die Frage von Waffen, sondern eine Haltung: die Konsequenz und die Bereitschaft, persönliche Bedürfnisse zurückzustellen. Es heißt, eine Persönlichkeit zu entwickeln, durch die man in der Lage ist, an der Veränderung der Verhältnisse mitzuwirken.

Thomas Walter: In Deutschland wird Militanz schnell mit Gewaltanwendung gleichgesetzt. Hier in Lateinamerika heißt „militant“ schlicht ernsthaftes Zugehörigsein zu einer Sache. Für mich bedeutet Militanz, alle ethisch vertretbaren Mittel zu wählen, um politische Ziele durchzusetzen – das hängt ab von den jeweiligen sozialen Verhältnissen und soll nicht nur Ritual oder Provokation sein. Es geht darum, sich die Mittel in politischen Aktionen selbst auszusuchen und sich nicht vom Gegner vorschreiben zu lassen, was richtig ist und was falsch. Im Sinne des Schwarzen US-Aktivisten Malcom X: by all means necessary (mit allen notwendigen Mitteln).

Militanz ist für Sie beide eine persönliche Haltung. An welchem Punkt haben Sie sich in Ihren Biografien entschieden, dass diese Haltung legitim ist?

Walter: Bei mir war es die Subkultur. Ich kam 1984 vom Dorf nach Berlin, um dem Wehrdienst zu entgehen. In Westberlin hat mich dann die autonome Szene geprägt: Dort wurden unterschiedliche Mittel völlig normal angewendet. Zudem gab es starken Zusammenhalt, praktische Solidarität und eine klare Feindbestimmung gegenüber dem Staat. Als diese Szene zerbrach, suchten wir Wege, sichtbar zu bleiben.

In dieser Situation entstand dann die Gruppe K.O.M.I.T.E.E. und 1995 der Plan, einen Sprengstoffanschlag auf den ehemaligen DDR-Frauenknast in Berlin-Grünau durchzuführen, der damals zu einem Abschiebegefängnis umgebaut wurde – nicht aus Lust an Gewalt, sondern aus der politischen Analyse, durch diese Art von „bewaffneter Propaganda“ unsere Themen – speziell die Solidarität mit Kurdistan und die Kritik an Abschiebungen – stärker in die Debatte zu bringen. Leider ist das gescheitert, da der Anschlag nicht geklappt hat. Wenn man sich für Militanz entscheidet, sollte es schon erfolgreich sein (lacht).

Flach: Ich komme aus der Punk- und Hausbesetzer-Szene der 1980er Jahre, in der militante Aktionsformen sehr verbreitet waren: Es gab die Aktionen gegen Wackersdorf, die Hafenstraße in Hamburg oder die Proteste gegen die........

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