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Şeyda Kurt: „Die Bundesregierung unterstützt die Zerstörung von Rojava“

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23.01.2026

Die Armee der syrischen Regierung hat die kurdische Selbstverwaltung im Nordosten des Landes umzingelt. Am Wochenende soll ein fragiler Waffenstillstand auslaufen – wie es dann weitergeht, ist unklar.

Die Bedingungen sind schlecht: Es gibt viele Regierungen, die kein Interesse an Frieden zwischen den Völkern in Syrien haben, sagt die Schriftstellerin und Aktivistin Şeyda Kurt. Ein Gespräch über Fehler der Selbstverwaltung, die Rolle Israels und der Türkei und die Doppelmoral der „feministischen Außenpolitik“ angesichts der Angriffe auf Rojava.

der Freitag: Frau Kurt, Sie haben verschiedene Kontakte nach Syrien und beschäftigen sich viel mit der Region. Wie haben Sie die vergangenen Tage persönlich erlebt?

Şeyda Kurt: Die Ereignisse haben sich in den vergangenen Tagen überschlagen. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich aus einer Schockstarre herauszukämpfen. Auch die Proteste in Köln, wo ich gerade lebe, waren am Anfang relativ unkoordiniert. Privatpersonen haben Demonstrationen angemeldet, es war ein Flickenteppich an Aktionen. Mich bedrückt auch, was der Angriff im persönlichen Umfeld auslöst: arabisch-syrische Freund*innen etwa, die auf Instagram Storys teilen, in denen sie das Vorgehen der syrischen Übergangsregierung verteidigen. Oder ein Teil meiner türkischen Familienseite, der gerade gleichklingende Staatspropaganda ins Internet schleudert. Ich habe einige belastende Gespräche führen müssen.

Sie waren erst selbst vor Kurzem in der Grenzregion. Woran denkt man da?

Erst im September habe ich kurdische Städte entlang der türkisch-irakischen Grenze besucht. Ich denke an die gute Stimmung von damals, wie zuversichtlich und hoffnungsvoll die Menschen dort auf den aktuellen Friedensprozess in der Türkei mit den Kurd*innen geblickt haben – der jetzt natürlich auch ins Stocken geraten ist. Und natürlich denke ich an Freund*innen in Rojava, obwohl sie am ehesten diejenigen sind, die sagen: „Gut, damit haben wir gerechnet. Wir sind seit Jahren im Krieg und wir werden jetzt weiterkämpfen.“

Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 war die Erleichterung erst mal groß. Auch in unserer Berichterstattung. Haben Sie noch Hoffnung, dass es Frieden mit der syrischen Übergangsregierung geben könnte?

Natürlich freute auch ich mich damals. Ich schrieb einem syrischen Freund unter Tränen eine Nachricht und meinte: „Mabrouk, Habibi, herzlichen Glückwunsch!“ Aber ich weiß noch, dass ich schon im nächsten Moment nur noch blanke Panik spürte. Ich habe mich vor Angst fast übergeben.

Warum?

Ich habe wie viele kommen sehen, dass mit den neuen syrischen Machthabern besonders für die Minderheiten im Land kein Frieden einkehrt – sondern ganz im Gegenteil: noch mehr Gewalt. Einerseits, weil damals schon bekannt war, dass der Übergangspräsident Al-Scharah oder Al-Jolani ein ehemaliges Mitglied der Al-Nusra Front ist, die offiziell mit Al-Qaeda verbunden war und auch Beziehungen zum IS pflegte. Also genau jenen, die in Syrien für den Genozid an den Ezid*innen und die Versklavungen und Massaker verantwortlich waren.

Andererseits, weil er für seine Übergangsregierung direkt Menschen wählte, die nachweislich an Kriegsverbrechen beteiligt waren und zum Teil sogar von der EU deswegen sanktioniert wurden. Die Befürchtungen haben sich sehr schnell bestätigt. Es gab schon drei Monate nach dem Sturz Assads die Massaker an den Alawit*innen. An diesen Verbrechen waren Einheiten beteiligt, die der Übergangsregierung zugerechnet werden.

Al-Scharah ist ehemaliges Mitglied der Al-Nusra Front, die offiziell mit Al-Qaeda verbunden war und Beziehungen zum IS pflegte. Also genau jenen, die in Syrien für den Genozid an den Ezid*innen verantwortlich waren.

Wie könnte es für die Kurd*innen in Syrien überhaupt Frieden geben?

Es wird keinen Frieden geben, solange die syrische Übergangsregierung wie in den vergangenen Tagen die vollständige Kapitulation der autonomen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien fordert. Die Verhandlungen sind gescheitert, weil es diese Kapitulation nie geben wird. Weil die Menschen dort niemals aufgeben werden, was sie sich in mehr als einem Jahrzehnt unter enormen Opfern aufgebaut haben.

Es wird keinen Frieden geben, solange die syrische Übergangsregierung wie in den vergangenen Tagen die vollständige Kapitulation der autonomen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien fordert.

Was ist es, das für die Menschen vor Ort so verteidigenswert ist?

Dazu gehören basisdemokratische Strukturen, Frauenbefreiung als politisches Prinzip, lokale Selbstverwaltung,........

© der Freitag