Endlich Freitag: Gerechtigkeit, Brezeln und Kapitalismus-Kino
Politik : Endlich Freitag: Gerechtigkeit, Brezeln und Kapitalismus-Kino
Bernhard Schlink hat einiges über Gerechtigkeit zu sagen, auch nach der Wahl gibt es in Baden-Württemberg Wahlkampf-Kuriositäten zu bestaunen – und eine Kapitalismus-Satire, die Sie nicht verpassen sollten: der „Freitag“-Blick auf den Tag
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ich muss Ihnen etwas gestehen. Ich habe eine Lektüre-Lücke. Vielleicht kennen Sie das auch, dieses Gefühl: Es ist von einem Buch oder einer Autorin die Rede, die oder das man einfach gelesen haben „muss“, und einen selbst beschleicht ein gewisses Unbehagen. Man nickt wissend in der Redaktionskonferenz oder beim Party-Gespräch am Abend und hofft, davonzukommen.
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Ich hatte dieses Gefühl unlängst mit Bernhard Schlink. Sollte man gelesen haben. Aber irgendwie habe ich mich durch die westdeutsche gymnasiale Oberstufe gewurstelt, ohne zumindest mal den Vorleser gelesen zu haben. Jetzt ist mir Bernhard Schlink beim Freitag wiederbegegnet. In einem Interview, in dem er über Gerechtigkeit spricht. Darin geht es um unsere Sehnsucht nach Gerechtigkeit, aber auch um die Frage, wie Gerechtigkeit und Ungleichbehandlungen zusammenhängen. Das Gespräch steckt voller Denkanstöße für unsere Debatten der Gegenwart – von Grundsicherung bis Steuergerechtigkeit.
Danach habe ich mir vorgenommen, Schlinks Buch dazu zu lesen. Und was soll ich sagen: Ich habe es noch nicht geschafft. Zum Glück hat Freitag-Autor Jörg Phil Friedrich Gerechtigkeit gelesen und rezensiert. Denn nach der Lektüre seiner Rezension bekommt man noch mehr Denkanstöße zum Thema Gerechtigkeit – und was Bernhard Schlink dazu zu sagen hat. Mit anderen Worten: Danach kann man mitreden. Für das Party-Gespräch sind Sie also gerüstet. Wobei ich aus eigener Erfahrung weiß, dass es nicht wehtut, Lektüre-Lücken zuzugeben. Denn meistens kommt heraus, dass man damit nicht alleine ist. Bernhard Schlink werde ich aber auf jeden Fall noch lesen.
Zur Rezension ➜ | Zum Interview ➜
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➜ Von Brezeln und Glatzen: Normalerweise kehrt nach einer Wahl etwas Ruhe ein, weil man endlich wieder den schrillen Ton des Wahlkampfes runterdrehen kann. In Baden-Württemberg geht es indes einfach schräg weiter.
Da ist zum Beispiel FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner. Die versprach, sie werde sich eine Glatze rasieren, wenn es die FDP nicht in den Landtag schaffen würde. Man könnte nun sagen, diese „Wette“ war schon im Grund-Design etwas fehlerhaft. Denn normalerweise werden Haare ja eher bei großen Erfolgen gestutzt, weshalb Meister-Trainer oder Medaillensieger überdurchschnittlich oft haarlos unterwegs sind. Aber jetzt ist es so, wie es ist – Spielschulden sind bekanntlich Ehrenschulden. Wie viel Ehre die aktuelle Riege der FDP-Politiker haben, ist bislang weniger bekannt. Zumindest für Nicole Büttner wissen wir es jetzt aber: Sie werde sich die Haare abrasieren, hat sie erklärt. Wir (und alle anderen deutschen Medien) bleiben dran.
Eine andere Stilblüte des Postwahlkampfes: Bei der Wahlparty der Grünen war Medienberichten zufolge ein Tätowierer anwesend. Wer wollte, konnte sich direkt im Endorphin- oder Tannenzäpflerausch ein kleines Erinnerungs-Tattoo stechen lassen – eines der angebotenen Motive: die Brezel, eine Leibspeise von Wahlsieger Cem Özdemir. Ich als gebürtiger Bayer kann da nur lachen. Denn erstens macht uns in Sachen „Brezn“ niemand was vor – und zweitens freue ich mich schon auf die nächste Wahlparty der CSU in Bayern, wenn man sich eine södersche Bratwurst stechen lassen kann. Denn dass der Bayer nichts mehr liebt als Wurstwaren aller Art, wissen sogar die Medien in Frankreich. Dazu hier ein Video ➜, das regelmäßig meine Tage versüßt.
➜ Gut zu sehen: Es gibt kaum eine bessere Jahreszeit, um ins Kino zu gehen. Man verpasst noch keine lauen Sommernächte, aber der Spaziergang nach Hause ist auch kein Kampf gegen die Kälte mehr. Gestern war ich also mal wieder im Kino, in No Other Choice (zum Trailer hier ➜entlang). Jede einzelne der 139 Minuten lohnt sich. No Other Choice ist eine düstere Satire über die Rolle, die Arbeit in der Gesellschaft spielt. Im Zentrum der Handlung steht der Familienvater Man-su. Er verliert seinen Job in einer Papierfabrik und beschließt, im Kampf um eine neue Anstellung, seine Konkurrenten um die Ecke zu bringen. Eine perfekte Mischung aus schwarzer Komödie und Thriller, in der es um Identität, Lebensträume und die zuweilen absurde Kälte des Kapitalismus geht. Das ist mitunter sehr berührend, aber auch urkomisch. Noch ist der Film in recht vielen Kinos zu sehen, aber schnell sein lohnt sich.
Einen Text über den Regisseur Park Chan-wook gibt es hier ➜
➜ Meister der Herzen:Wahlsieger und SPD – das ist ein Begriffspaar, das man so auch eher selten hört. Freitag-Autor Wolfgang Michal hat sich nicht beirren lassen und erklärt, inwiefern Sozialdemokraten zu den Gewinnern in Baden-Württemberg gehören: „Liberale und Sozialdemokraten scheinen ein besonders großes Herz für andere zu haben“, kommentiert er mit einem Augenzwinkern die Wählerwanderung bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg.
Uneigennützig handelnde FDP-Wähler (eigentlich ein Widerspruch in sich) haben ihre Partei geopfert, um einen CDU-Ministerpräsidenten zu ermöglichen. Denn 145.000 FDP-Wähler (von 508.429 FDP-Wählern bei der Landtagswahl 2021) wanderten laut Wählerstromanalyse von Infratest dimap bei der Baden-Württemberg-Wahl am vergangenen Sonntag zur CDU. Das sind immerhin 28,5 Prozent der bisherigen FDP-Wähler.
Ähnlich hilfsbereit waren die SPD-Wähler. Sie haben ihre Partei fast umgebracht, nur um im Ländle einen grünen Ministerpräsidenten zu ermöglichen. 100.000 SPD-Wähler (von 535.489 SPD-Wählern bei der Landtagswahl 2021) votierten diesmal für die Grünen. Das sind 18,7 Prozent der bisherigen SPD-Wähler.
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Und damit verabschiede ich mich für heute. Ich gehe jetzt mal in den Buchladen meines Vertrauens, um mir den neuesten Schlink zu besorgen. Und welche Lektüre-Lücke schließen Sie? Schreiben Sie es mir gerne, dann fühle ich mich nicht ganz so allein.
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