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Zukunft ungewiss: Steht das RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain vor dem Aus?

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14.04.2026

Es ist ein regnerischer Dienstagvormittag, an dem Florian Falkenhagen, Sprecher und Vorstandsmitglied der RAW Kultur L e.G., zum Kampagnenauftakt von „Berlin ist RAW“ ins Crack Bellmer auf dem RAW-Gelände lädt. Die Stimmung ist gut. Und das ist weniger wegen des Wetters erstaunlich als wegen des Anlasses: Die Zukunft des flächenmäßig größten Kulturzentrums in Deutschland steht auf dem Spiel.

Im Jahr 2015 kaufte ein Investor das Areal: die Göttinger Kurth-Gruppe. Sie möchte auf dem Gelände Büros bauen, Wohnungen und eine Markthalle. Im Gespräch war auch einmal ein 100 Meter hohes Hochhaus. Nun ringen Bezirk, Senat, Eigentümer und Mieter des Areals um eine Lösung. Das gemeinsame Ziel, erklärt Falkenhagen, sei ein integrativer Weg, der allen Seiten dient: Einerseits soll das begehrte Areal, das im S-Bahn-Ring direkt an der Warschauer Straße liegt, städtebaulich entwickelt werden.

Andererseits soll der soziokulturelle Wert des Areals erhalten bleiben. Und das heißt für Falkenhagen und den Verein RAW Kultur L e.G., der die Interessen der meisten Mieter auf dem Gelände vertritt, konkret: Mietverträge für 30 Jahre. Denn momentan, verrät Falkenhagen, basiert der Verbleib von Clubs wie Astra oder Suicide Club auf dem Areal mietrechtlich nur auf einer Duldung. Das heißt, theoretisch könnte für die Betreiber jeder Tag der letzte sein.

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Falkenhagen: „Hätte nicht gedacht, dass wir an diesen Punkt kommen“

„Dass so eine Duldung nicht leicht ist, liegt auf der Hand“, sagt Falkenhagen, der selbst Geschäftsführer des Clubs Cassiopeia auf dem Gelände ist. Doch die Nutzer nehmen die Unsicherheit für ein höheres Ziel hin. „Wenn es unser Preis ist, am Ende auf diese 30 Jahre zu kommen und diese Verhandlungen so zu unterstützen, dass man miteinander reden kann, dann nehmen wir diesen Preis in Kauf.“

Falkenhagen ist an diesem Dienstagvormittag zuversichtlich: „Wenn Sie mich vor fünf oder vier Monaten gefragt hätten, hätte ich nicht gedacht, dass wir überhaupt an diesen Punkt kommen“, sagt er. Die große Hoffnung liegt nun darauf, dass der bislang errungene Teilerfolg auch rechtlich fest abgesichert werden kann.

Worin der Teilerfolg genau besteht, möchte Falkenhagen nicht sagen. Die Verhandlungen laufen schließlich noch. Im Gespräch ist aber ein Generalmieter, der als Zwischeninstanz zwischen den Mietern und dem Eigentümer fungieren soll. Falkenhagen zufolge wurde hier mit den gemeinnützigen Gesellschaften für StadtEntwicklung (GSE) und Kulturraum Berlin, der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) und der Holzmarkt-Genossenschaft gesprochen. Diese würde dann rechtssicher an die Clubs weitervermieten. Mitte Mai soll es dazu eine Einigung geben.

Falkenhagen hofft damit auf ein weitreichendes Modellprojekt. Das RAW-Gelände könnte als Blaupause dafür dienen, wie Stadtentwicklung in Berlin funktionieren kann. Es könnte zeigen, wie europäische Metropolen den Umgang mit Renditedruck und Subkultur vereinen.

Freiräume wie das RAW verschwinden in Berlin zusehends

30 Jahre sind nach Gewerberecht das Maximum an Mietdauer. Falkenhagen zufolge ist dieser Zeitraum aber eine Voraussetzung dafür, dass sich die Kultur hier verlässlich weiterentwickeln kann. Das Gelände funktioniert als Brutstätte, an der sich Künstler professionalisieren. Sie fangen in kleinen Ateliers oder Proberäumen an und spielen erste Konzerte, etwa im Crack Bellmer. Solche Freiräume verschwinden in Berlin zusehends. Falkenhagen denkt in langen Linien: „In 30 Jahren möchte ich den Club Cassiopeia nicht mehr führen, dann soll es die nächste Generation machen“, sagt er.

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Viele Berliner kennen das Gelände an der Revaler Straße vor allem nachts. Sie trinken dort Bier, tanzen zu Techno oder suchen sonntags auf dem Flohmarkt nach Schätzen. Doch das Areal bietet weit mehr. Kinder trainieren im Zirkus Zack. Jugendliche skaten in der Skatehalle Berlin. Kletterer hängen am Kletterkegel. Musiker proben in ihren Räumen, Künstler malen in Ateliers. Die neue Kampagne möchte diese Vielfalt ins Zentrum rücken.

„Wir wollen mit der Kampagne sichtbar machen, wie vielfältig und gesellschaftlich relevant die Angebote auf dem RAW-Gelände sind“, sagt Falkenhagen. Bei einem Ort, der für viele so selbstverständlich zu Berlin gehört, sei es gar nicht so leicht, darauf aufmerksam zu machen, wenn diese Selbstverständlichkeit auf dem Spiel steht.


© Berliner Zeitung