menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Indien zwischen Iran und Israel: „Die Weltordnung, die wir kannten, ist zerfallen“

21 0
02.03.2026

Die gezielten Angriffe auf den Iran und die Ermordung von Ali Khamenei ist weitaus mehr als nur eine regionale Eskalation. Für Indien, das zwischen Teheran, Tel Aviv und Washington politisch balanciert, verschärft sich ein strategisches Dilemma. Smruti Pattanaik, Senior Fellow am Institute for Defence Studies and Analyses in Neu-Delhi, analysiert im Gespräch mit der Berliner Zeitung die Grenzen der indischen Neutralität, die Erosion multilateraler Institutionen und die Folgen eines amerikanischen Unilateralismus unter Präsident Donald Trump.

Frau Pattanaik, Indien hat auf die Angriffe gegen Iran und auf die Ermordung Khameneis auffallend zurückhaltend reagiert. Könnten Sie das Meinungsspektrum in Indien zu den Strikes skizzieren?Es lassen sich grob zwei Strömungen unterscheiden. Die erste ist die offizielle Regierungsposition, die sehr zurückhaltend ausfiel. Bedenken wurden geäußert, gleichzeitig aber zu Deeskalation aufgerufen und Dialog betont. In einer solchen Lage ist es schlicht schwierig, öffentlich klar Partei zu ergreifen. Der Angriff kam in einem bestimmten Sinne überraschend: Zwischen Iran und den USA fanden über Omans Vermittlung in Genf aktive Gespräche statt. Dass etwas in dieser Größenordnung passiert, während beide Seiten noch am Verhandlungstisch sitzen – damit hatte kaum jemand gerechnet.

Mega-Öltanker aus Venezuela rollen an: Russlands Öl rutscht in Indien ins Abseits

Iran-Newsblog: Drohne trifft Stützpunkt auf Zypern ++ Hisbollah greift Israel an

In der breiteren Öffentlichkeit – bei Experten, Analysten und Meinungsmachern – wird das Geschehen als Ausdruck amerikanischen Unilateralismus gewertet und als Versagen multilateraler Institutionen wie der Vereinten Nationen gelesen. Dieser Unilateralismus zeigte sich bereits in Trumps Zollregime und im Fall des venezolanischen Präsidenten, der in einer Aktion, die faktisch einer Verletzung staatlicher Souveränität gleichkam, aus dem Verkehr gezogen wurde. Die indische Regierung wird den durch den amerikanisch-israelischen Angriff demonstrierten Unilateralismus nicht offen billigen – und eine solche Position würde innenpolitisch ohnehin keinen Rückhalt finden.

Was bedeutet das geopolitisch für den Subkontinent?Die Besorgnis ist real und vielschichtig. Es geht um Energieversorgungsketten, um Indiens Beziehungen zu westasiatischen Ländern, um die Millionen indischer Arbeitskräfte in der Region. Es ist davon auszugehen, dass die Regierung nun einen Evakuierungsplan ausarbeiten muss, auch wenn bislang keine entsprechende Ankündigung gemacht wurde. Erschwerend kommt hinzu, dass Irans Gegenangriffe sich nun auf Dubai, Bahrain, Abu Dhabi und Katar ausweiten – allesamt amerikanische Partner. Das zeigt, wie weitreichend Iran auf das gesamte Netzwerk amerikanischer Verbündeter in der Region reagiert.

Indien und Iran verbinden tiefe zivilisatorische Bindungen und strategische Interessen – vom Chabahar-Hafen bis zum Nord-Süd-Transportkorridor. Welche strategische Bedeutung hat Iran für Indien?Iran ist ein unverzichtbares Bindeglied für Indiens Konnektivität nach Zentralasien und Afghanistan – über den Internationalen Nord-Süd-Transportkorridor (INSTC) und den Hafen Chabahar. Man sollte auch daran erinnern, dass Iran 1993, als Pakistan die Kaschmir-Frage vor der OIC brachte, eine wichtige Rolle dabei spielte, die Situation zu entschärfen und Indien zu unterstützen. Im Energiebereich war Iran einst eine bedeutende Quelle für indische Importe, wenngleich diese Abhängigkeit inzwischen abgebaut wurde.

Die aktuellen Entwicklungen verschärfen Indiens Dilemma erheblich. Die Konzession für Chabahar, die bis April dieses Jahres lief, taucht im Unionshaushalt nicht mehr auf – das Projekt ist faktisch eingefroren. Und ohne Zugang zu Iran: Wie soll Indien Zentralasien oder Afghanistan erreichen? Pakistan bietet sich als Transitroute nicht an. Iran bleibt damit strategisch unersetzlich – nicht nur in Energiefragen, sondern für Indiens gesamte westliche Konnektivitätsarchitektur. Hinzu kommt die innenpolitische Dimension: Indien hat eine bedeutende schiitische Bevölkerung, und dass der Angriff ausgerechnet während des Ramadan stattfand, macht das Ganze innenpolitisch noch heikler.

Premierminister Modi hatte wenige Tage vor den Angriffen Israel besucht und in der Knesset gesprochen. Signalisiert dieser Besuch eine Verschiebung in Indiens Balance zwischen Israel und Iran – und war Modi möglicherweise vorab informiert?Ob er vorab informiert wurde, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, wenngleich viele Menschen ahnten, dass etwas bevorstand. Es gab Berichte über amerikanische Kriegsschiffe, die sich Iran näherten. Die laufenden Gespräche in Genf erzeugten jedoch gleichzeitig Ungewissheit. Bilaterale Staatsbesuche dieser Art werden Monate im Voraus geplant und sind kein Zeichen politischer Neuausrichtung. Aufschlussreich ist auch, dass der iranische Außenminister einige Monate zuvor Indien besuchen sollte, dies aber wegen innenpolitischer Unruhen in Iran nicht möglich war. Beide Seiten sind gleichermaßen daran interessiert, die Beziehung eng zu halten. Iran versteht die Zwänge, denen Indien ausgesetzt ist – darunter den Druck, von iranischen Energieimporten Abstand zu nehmen, und Drohungen bezüglich seiner Investitionen in Chabahar.

Gleichzeitig bleibt Israel ein sehr bedeutender Partner für Indien: in Technologie, künstlicher Intelligenz und zunehmend bei kritischen Rohstoffen, die zum zentralen Pfeiler indischer Außenpolitik geworden sind. Beide Länder teilen eine grundsätzlich konvergierende Haltung in Terrorismusfragen. Indien hat auch Trumps Gaza-Plan grundsätzlich unterstützt und an der Washingtoner Konferenz dazu als Beobachter teilgenommen. Das Bild ist komplex – es ist keine Entweder-oder-Entscheidung. Indiens Beziehung zu Israel negiert nicht seine Iran-Politik; beide Partner erfüllen unterschiedliche Dimensionen indischer Außenpolitik.

Einige frühere indische Botschafter haben argumentiert, Indien habe im vergangenen Jahrzehnt seine Nahostinteressen den amerikanischen Prioritäten untergeordnet. Gleichzeitig hat Indien tiefe Bindungen zu den GCC-Staaten (Golf-Kooperationsrat), insbesondere den Emiraten und Saudi-Arabien, aufgebaut. Welche strategischen Implikationen hat der Angriff für Indiens Haltung in der Region?Was mich am stärksten beunruhigt, ist die Wirkung auf Indiens Beziehungen zu genau jenen Ländern, die nun unter iranischem Beschuss stehen: Bahrain, Abu Dhabi, Katar, Saudi-Arabien – Länder, in denen Millionen indischer Arbeitskräfte beschäftigt sind. Viele mögen versucht sein, die Frage auf „Israel oder Iran“ zu reduzieren – aber so einfach ist es schlicht nicht. Indien kann eine Beziehung nicht zugunsten der anderen aufgeben. Indiens gesamte Afghanistan- und Zentralasienpolitik basiert auf dem Iran-Verhältnis. Hat sich irgendein Land der Welt eindeutig auf eine Seite gestellt? Ich glaube nicht.

Iran-Krieg legt Luftraum lahm: Südkaukasus wird zur neuen Drehscheibe

Jeffrey Sachs zur Iran-Krise: „Ein Weltkrieg ist möglich“

Die Konnektivitätsprojekte, die Indien in Richtung Westen und Nordwesten aufbaut – INSTC, die Verbindungen zu Zentralasien und weiter nach Europa – sind allesamt mit dem Iran-Verhältnis verknüpft. Wenn Irans Gegenangriffe eine koordinierte Reaktion der Golfstaaten gegen Teheran provozieren, wird die gesamte Region destabilisiert – und das ist für Indien in keiner Weise von Vorteil.

Wo sehen Sie die Zukunft der indisch-iranischen Beziehungen? Innenpolitisch zeigen die Proteste in Kaschmir nach Khameneis Ermordung die Sensibilität des Themas, und Oppositionspolitiker haben die Strikes offen verurteilt. Außenpolitisch hat China den Raum besetzt, den Indien in Iran einst füllte. Welche Perspektive ergibt sich nach einem möglichen Führungswechsel in Teheran?Vieles hängt davon ab, wie Iran seine aktuelle Führungskrise navigiert. Es ist kein klarer Nachfolger in Sicht; die Richtung in Kernfragen – Nuklearprogramm, Haltung gegenüber Hamas – bleibt offen. Ich rechne dennoch nicht mit einem signifikanten Bruch in den indisch-iranischen Beziehungen, es sei denn, eine neue Führung nimmt eine Haltung ein, die die Beziehung unmittelbar erschwert. Indiens Nahostpolitik war insgesamt sehr behutsam: Wir haben Trumps Gaza-Plan grundsätzlich unterstützt, aber keine konkreten Verpflichtungen eingegangen.

Seit Mitte der 1990er Jahre haben beide Seiten trotz Meinungsverschiedenheiten – über Kaschmir, über die OIC – eine stabile Grundlage aufgebaut. Es gibt einen konsistenten Dialogkanal. Indiens Beziehung zu Iran ist reif genug, um einen Führungswechsel zu überstehen. Sollte eine neue Führung in Teheran eine prowestlich orientierte Außenpolitik verfolgen, hätte Indien damit kein Problem. Neu-Delhi will letztlich ein stabiles, engagiertes Iran – unabhängig von dessen politischer Ausrichtung.

Die Iran-Angriffe scheinen zusammen mit Trumps Vorgehen in Venezuela einen fundamentalen Wandel der Weltordnung einzuläuten. Wie beurteilen Sie diesen, und wie sollte Indien angesichts des Bedeutungsverlusts internationaler Institutionen seinen Weg finden?Dies ist, so glaube ich, ein vollständiger Zerfall der Weltordnung, wie wir sie kannten. Internationale Normen, Regelwerke, Völkerrecht – all das wird ignoriert. Venezuela war bereits ein eklatanter Verstoß gegen staatliche Souveränität. Im Fall Iran ist die Methode eine andere, die Missachtung von Souveränität dieselbe. Das ist Trumpscher Unilateralismus in seiner explizitesten Form: eine vollständige Abkehr von dem über Jahrzehnte gewachsenen internationalen System mit seinen akkumulierten Normen und Prinzipien.

Was mich am meisten besorgt: Dieser Unilateralismus erzeugt Instabilität in ganzen Regionen. Amerika kann intervenieren und sich wieder zurückziehen. Die Region muss mit den Konsequenzen leben. Wir haben das in Afghanistan erlebt. Jetzt sehen wir dasselbe Muster gegenüber Iran durch Regimewechsel. Das schafft ein dauerhaftes und unlösbares Unsicherheitsgefühl: Wer ist als Nächstes dran? Muss man sich vollständig der amerikanischen Linie fügen? Gibt es eine Macht, die diesem Unilateralismus etwas entgegensetzt? Nein – und das schließt China ein, das eine sehr enge Beziehung zu Iran hat. Wir sahen dieses Muster auch beim indisch-pakistanischen Konflikt im vergangenen Jahr, als Trump sich als derjenige inszenierte, der den Konflikt gestoppt habe – eine Behauptung, die in Indien niemand akzeptiert.

Krieg in Nahost: Hunderte Deutsche im Iran, Evakuierung weiter offen

Israels Ex-Premier: „Dieser Krieg wird die Welt sicherer machen“

Die amerikanischen Aktionen in Venezuela und Iran richteten sich gegen Länder mit engen Bindungen zu Peking. Deutet das – trotz Trumps Unberechenbarkeit – auf eine entschlossenere Bereitschaft hin, gegen Länder im chinesischen Einflussbereich vorzugehen? Und signalisiert das aus indischer Sicht eine aggressivere amerikanische Haltung gegenüber chinesischem Einfluss?Sowohl Russland als auch China unterhalten enge Beziehungen zu Iran – der China-Faktor allein erklärt das amerikanische Vorgehen also nicht. Was es jedoch bewirkt, ist ein kraftvolles Signal an viele Länder darüber, wie mit den Vereinigten Staaten umzugehen ist und ob dieser Unilateralismus andauern wird. Das VN-System wird fundamental in Frage gestellt. Für schwächere und militärisch weniger mächtige Nationen stellt sich die Frage: Wohin wenden sie sich? Was ist die Alternative? Wenn morgen ein Angriff stattfindet – welchen Rechtsweg hat ein Land dann?

Das läuft auf einen vollständigen Zusammenbruch der internationalen Ordnung hinaus. In keinem großen Medienkanal ruft irgendjemand noch die Vereinten Nationen an. Was bedeutet das? Dass das Weltsystem, wie wir es kannten, kollabiert ist. Es ist amerikanischer Unilateralismus, schlicht und einfach. Entweder man richtet sich nach der Trump-Linie aus, oder man trägt die Konsequenzen. Das ist die Realität, mit der jedes Land jetzt umgehen muss.


© Berliner Zeitung