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„Wir sind kein Betongold“: Mieter am Herrfurthplatz wehren sich gegen Verkauf

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16.02.2026

Aus Fenstern hängen Transparente, als hätte jemand das Haus mit Sprechblasen beklebt. „Mensch vor Profiten“, steht da. „Berlin mach faire Mieten.“ Daneben: „Wir sind kein Betongold.“ Und gleich gegenüber: „Berlin, bitte vorkauf mich!“ Wer derzeit am Herrfurthplatz vorbeigeht, kommt an diesem Gebäude nicht vorbei – nicht nur wegen der Kreuzung, sondern weil es wie ein Denkmal aus einer anderen Zeit in der Straße steht. In der Gegend, sagen die Bewohner, sei es das einzige Haus, das noch nicht saniert ist.

Auf dem Gehweg steht Beate Flechtker, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, seit 2008 Mieterin im Haus. Neben ihr läuft Fritz Bornstück, bildender Künstler, seit 2006 in dem Haus. Sie wehren sich derzeit mit anderen Bewohnern gegen ihre eigene ungewisse Situation als Mieter und gegen Gentrifizierung.

Wer das Treppenhaus betritt, sieht nicht nur abgetretene Stufen, alte Fliesen und Graffitis, sondern auch die Zeit: Jugendstil-Ornamente, einen Boden, auf den die Bewohner fast zärtlich zeigen, wenn sie Besucher herumführen. Noch ein Detail hier, ein repariertes Ornament dort. Bornstück erzählt von einem Hausmeister, der fehlende Fliesen nachgemacht habe. „Da steckt viel Liebe drin“, sagt er. Die Liebe, das ist in diesem Haus nicht nur bauliche Sorgfalt, sondern auch ein soziales Prinzip. So beschreibt er es seufzend.

„Heißt das jetzt, ich muss ausziehen?“

Alles begann damit, dass Mitte Januar ein Brief vom Bezirksamt im Haus lag: Das Gebäude sei verkauft, eine Vorkaufsprüfung laufe nun an – so schildern es die Bewohner. Und genau daran knüpft sich ihre Hoffnung: Dass am Ende nicht ein Investor den Ton angibt, sondern dass die Stadt – direkt oder über eine Wohnungsbaugesellschaft oder Genossenschaft – doch noch eingreift.

„Berlin bitte vorkauf mich!“, steht deshalb nicht zufällig auf den Transparenten. Der Lärm, die Banner und die Kundgebung sind auch ein Versuch, Aufmerksamkeit zu erzeugen, damit die Politik das Haus nicht einfach „durchrutschen“ lässt.

Und das machen sie seit Wochen auch laut: Beim ersten Protest-Treffen der Mieter kamen laut den Bewohnern 30 Menschen: der Älteste war Ende 80, der Jüngste ein Kleinkind. Der älteste Bewohner, sagt Bornstück, sei 1968 eingezogen. Als am 16. Januar vom Bezirksamt der Brief kam – das Haus sei bereits verkauft worden –, hätten sich die Mieter im Hausflur getroffen. Der alte Mann habe gefragt: „Heißt das jetzt, ich muss ausziehen?“ Bornstück habe geantwortet: „Nein. Aber das heißt, wir müssen uns jetzt für das Haus einsetzen.“ Und dann habe der Mann trocken gesagt: „Gut, dann erst mal ein Bier.“

Das Bier, das war naheliegend. Unten im Erdgeschoss liegt die Kneipe Daffke – ein Treffpunkt, sagen die Bewohner, auch für Menschen, die „nicht viel Geld auf der Tasche haben“. Ein Ort, den manche im Kiez wie ein Stück altes Berlin betrachten: Wandmalereien, ein Fresko, „Berliner Charme“, wie Flechtker sagt.

Aber auch dem Daffke ist gekündigt worden. „Die wurden tatsächlich gekündigt – noch bevor der Kaufvertrag unterschrieben wurde“, sagt Bornstück. Wer die Kündigung ausgesprochen habe? „Vom Testamentsvollstrecker“, sagt er. Im Haus sei man ratlos, warum so „hart durchgegriffen“ werde. „Man hätte erst mal mit den Menschen reden können, die hier leben“, sagt er. „Am besten, bevor das Haus überhaupt zum Verkauf angeboten wird.“

Verkauft und doch nicht gefragt

Die Besitzer des Hauses waren Carl-Heinz und Helga Kliemann. Helga Kliemann sei im Februar 2024 gestorben, erzählen die Bewohner. Danach sei das Erbe an eine Stiftung übergegangen, die – so schildern sie es – zum Stadtmuseum Berlin gehöre und das Haus etwa anderthalb Jahre verwaltet habe. In dieser Zeit habe es keine Neuvermietung gegeben, keine Sanierung, keine großen Maßnahmen. Dann, so die Darstellung der Hausgemeinschaft, sei ein Erbe gefunden worden und das Haus sei verkauft worden.

Wer genau gekauft hat? Einen Namen kennen die Bewohner nicht; sie sagen, ihnen sei mitgeteilt worden, es handle sich um eine Kapitalgesellschaft. „Eine Kapitalgesellschaft will hier nicht wohnen“, sagt Flechtker. „Die hat kein Interesse an der Bewohnerschaft.“ Was sie befürchten: Modernisierung, Umlagen, steigende Mieten und am Ende Verdrängung.

Bornstück formuliert es schärfer, fast wie eine Diagnose: „Letztendlich wurden nicht nur Steine verkauft, sondern die Mieter.“ Viele hätten alte Mietverträge, aus der Zeit, als der Schillerkiez noch nicht „Hipsterkiez“ gewesen sei. Nun werde ein Wert gehoben, der mit den heutigen Mieten nicht zusammenpasst.

Vorkaufsrecht: ein Instrument, das nicht greift

Doch die Mieter hoffen vor allem, dass die Stadt Berlin von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch macht. Beim Vorkaufsrecht handelt es sich um ein zentrales Werkzeug im Berliner Milieuschutz. Es erlaubt Bezirken, Kaufverträge für Immobilien in sozialen Erhaltungsgebieten zu übernehmen, um die Umwandlung von Miet- und Eigentumswohnungen oder teure Sanierungen zu verhindern. Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2021 ist diese Möglichkeit jedoch stark eingeschränkt. So können Bezirke nur noch Immobilien erwerben, die sich in einem schlechten baulichen Zustand befinden.

Die Bewohner haben Gespräche geführt, sagen sie – mit Politikern, vor allem von der SPD, den Grünen und Linken. Es sei viel Solidarität signalisiert worden, sagen sie. Doch die Hoffnung, dass das Vorkaufsrecht greift, sei früh gedämpft worden. Das Instrument sei seit Reformen und Gerichtsentscheidungen so eingeschränkt, dass Kommunen faktisch kaum noch handeln könnten – zumindest nicht in Fällen, in denen Häuser zwar unsaniert, aber nicht „schlimm genug“ seien.

Flechtker beschreibt es als absurdes Prüfverfahren: Die Stadt müsse nachweisen, dass genügend gravierende Mängel oder illegale Umbauten vorlägen – sonst könne sie nicht zugreifen. „Wie sollen die an Informationen rankommen?“, fragt sie. „Die fragen uns Mieter, ob es Bleileitungen gibt. Woher sollen wir das wissen?“ Ihrer Meinung nach liege die Beweislast falsch.

Bornstück sagt: „Das Irre ist doch: Was will die Stadt denn prüfen und warum muss sie es beweisen, wenn ein Käufer ohnehin wissen muss, was er kauft?“ Er finde es grundsätzlich „bizarr“, dass ein vollständig bewohntes Haus verkauft werden könne, ohne dass die Bewohner einbezogen werden.

Unsichtbare Käufer, sichtbare Mieter

Ein Motiv kehrt im Gespräch immer wieder: Sichtbarkeit. „Wir zeigen uns“, sagt Flechtker. „Uns können alle sehen.“ Sie würden gern auch den Käufer sehen – nicht als Feindbild, sondern als Teil eines Prozesses, der in ihren Augen zu viel im Hintergrund stattfindet.

Bornstück sucht nach einem Bild: „Das fühlt sich ein bisschen an wie: Jemand verkauft einen Jugendstilschrank, der hat Holzwurm, und wir sind dann der Holzwurm.“ Die Bewohner seien in dieser Logik nicht Subjekte, sondern Störfaktoren.

Um dem etwas entgegenzusetzen, haben die Bewohner inzwischen einen eigenen Instagram-Account für das Haus eingerichtet. Dort berichten sie über neue Entwicklungen, dokumentieren Aktionen und stellen die Menschen vor, die hinter den Bannern an den Fenstern leben. Es ist zugleich Öffentlichkeitsarbeit und Selbstschutz: Wer sichtbar ist, so die Hoffnung, lässt sich schwerer geräuschlos verdrängen.

Der Kanal ist aber auch als Brücke gedacht. Denn während Anwälte, Bezirksamt und Fristen im Hintergrund laufen, suchen die Bewohner ein Gespräch mit dem Käufer. Sie sagen, sie würden gern wissen, was konkret geplant ist: Eigentumswohnungen oder Mietwohnungen, Dachausbau, Modernisierung, Aufzüge – und vor allem, ob und wie Mieterhöhungen drohen. Bislang, so schildern sie es, sei der Käufer nicht greifbar. Die Hausgemeinschaft hofft, dass er Kontakt aufnimmt – per E-Mail oder auch direkt über Instagram.

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Angst vor der „legalen Baustelle“

Die Bewohner betonen: Sie müssten „erst mal gar nicht“ ausziehen. Mietverträge schützen, Kündigungsschutz greift. Aber der Schutz hat Grenzen.

Die größere Sorge heißt „Modernisierung“. Dachausbau, neue Leitungen, Fenster, vielleicht ein Aufzug: Maßnahmen, die in vielen Berliner Häusern zu jahrelangem Lärm führen und zu Umlagen, die Mieten sprunghaft steigen lassen können. „Man verwandelt das Haus dann in eine Baustelle“, sagt Bornstück. „Gerüst, Lärm, Dreck – und viel Spaß beim Leben.“

Petra Schmidt-Wiborg, Publizistin und Bewohnerin, nennt das, was viele fürchten, beim Namen: Sanierung könne auch als Druckmittel funktionieren. Legal, aber zermürbend. „Das kann so gemacht sein, dass Leute irgendwann sagen: Ich halte das nicht mehr aus.“

Flechtker erzählt, wie schnell sich dadurch Lebensplanungen verschieben: weniger Einkommen, steigende Kosten, wachsende Unsicherheit. „Man muss organisiert bleiben“, sagt sie. Viele seien inzwischen in Mietervereinen, hätten Rechtsschutz. Solidarität im Haus sei nicht mehr nur ein schönes Gefühl, sondern eine Strategie.

Ein Ausrufezeichen über das Haus hinaus

Die Hausgemeinschaft betont allerdings, ihr Protest drehe sich nicht allein um dieses Gebäude. Es gehe um die Frage, wie Berlin aussehen soll und wer bleiben kann. Gerade im Schillerkiez, wo die Entwicklung in wenigen Jahren ganze Straßenzüge verändert hat.

Vieles bleibt ungewiss und das wissen die Bewohner selbst. Ob die Stadt tatsächlich noch eingreift, ist offen. Ihr Protest speist sich daher aus der Hoffnung und dem Versuch, politische Handlung „wahrscheinlicher“ zu machen: durch Öffentlichkeit, Druck, Bilder und Stimmen.

Ausgerechnet dieses letzte unsanierte Haus am Herrfurthplatz wird nun zum Symbol – nicht allein wegen seines baulichen Zustands, sondern vor allem wegen der Geschichten seiner Bewohner. Sie erzählen von einem Haus, in dem Menschen seit Jahrzehnten leben, in dem Nachbarn gemeinsam Geburtstage feiern und füreinander einstehen. Von einem Ort, der mitten in der Großstadt ein Gefühl von Nähe bewahrt hat – manchmal fast wie eine Familie.


© Berliner Zeitung