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Schlachthof in Perleberg weg: Schweinemast in Ostdeutschland fährt drastisch zurück

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01.03.2026

Um sieben Uhr morgens beginnt der Tag im Schweinestall bei Henrik Oevermann in Groß Bäbelin in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Blick aufs Display. Sein Sohn Carl, nach Ausbildung und Studium frisch in den Betrieb eingestiegen, läuft durch die Hallen und prüft, ob alles läuft. „Letzte Woche war zum Beispiel der Fütterungscomputer ausgefallen, das war ein Problem“, sagt er.Schweinemast ist heute Präzisionsarbeit. Die Tiere wachsen schnell, wie bei Hochleistungssportlern. „Sie nehmen ungefähr ein Kilo pro Tag zu“, sagt er. Dafür braucht es exakt abgestimmtes Futter.

Doch seit Anfang Dezember steht dieses präzise System unter Druck. In Perleberg in der Prignitz, im bis dahin wichtigsten Schweineschlachthof Brandenburgs, wurden die Schlachtungen eingestellt.

Kosten nach Perleberg-Aus: Die Marge verschwindet

Perleberg war für viele Betriebe im Nordosten – auch für Henrik und Carl Oevermann – der Abnehmer in einer ohnehin ausgedünnten Infrastruktur des Schweinemarkts. Rund 20.000 Schweine pro Woche konnten am Standort geschlachtet werden – in Brandenburg zuletzt einzigartig. Rund 400 Beschäftigte gab es. Doch damit ist jetzt Schluss.

„Perleberg ist 100 Kilometer entfernt“, sagt der 26‑Jährige. „Das war machbar. Jetzt ist der nächste Schlachthof für uns in Kellinghusen (Schleswig‑Holstein), rund 250 Kilometer, oder in Weißenfels (Sachsen‑Anhalt), eher 350 Kilometer weit weg.“ Die Transportkosten tragen die Landwirte selbst. Und die seien bisher ihre Gewinnmarge gewesen. Drei bis fünf Euro Unternehmergewinn pro Schwein in „normalen“ Jahren träfen nun auf „vier Euro mehr Transportkosten“.

Was im Stall als Präzisionsarbeit beginnt, endet nun in einer einfachen Rechnung: Die Marge verschwindet.

Denn Schweine werden nicht „pro Stück“ bezahlt. Maßstab ist der wöchentliche Vereinigungspreis der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG). Derzeit liegt er bei 1,45 Euro je Kilogramm. Im Vorjahr waren die Preise deutlich höher – 1,73 Euro im Oktober oder 1,60 Euro im Dezember. „Im Schnitt sind sie nachher nochmal 5 Cent höher oder 10 Cent drunter“, sagt Carl Oevermann.

Schweinemast auf ein Drittel reduziert

Dabei ist die Mast bis ins Detail durchoptimiert. Ein Berater kommt regelmäßig, analysiert die Bestandteile und mischt die Rezeptur passend zu Alter und Gewicht. „Unsere Schweine werden viel genauer ernährt als Menschen“, so der Landwirt. „Jeden Tag gibt es ein anderes Futter – je nachdem, was das Tier gerade leisten soll.“

Am Ende der Mast zählt nicht nur die Gesundheit. Das Schwein muss auch genau die Form haben, die der Markt verlangt. Kamerasysteme vermessen die Tiere im Stall: Wie schwer sind sie? Wie hoch ist der Magerfleischanteil? Wie groß der Schinken? Die Tiere werden so sortiert, dass möglichst viele in die „Abrechnungsmaske“ der Schlachthöfe fallen. Wenn ein Tier aus der Maske fällt, bekommt der Landwirt weniger Geld.

Carl Oevermann ist Mäster: Er kauft Ferkel ein und füttert sie bis zur Schlachtreife. Ein Ferkel kostet aktuell grob 50 Euro – im Vorjahr zeitweise 100 Euro. Das ausgewachsene Schwein bringt bei rund 100 Kilo Schlachtgewicht rund 145 Euro ein. Von den verbleibenden 95 Euro müssen aber die Kosten für Futter, Tierarzt, Energie, Technik, Arbeit, Stall, Zinsen, Abschreibungen abgezogen werden. Futter ist der größte Block. Wer vereinfacht mit Getreide rechnet, landet schnell bei 65 bis 80 Euro pro Tier – da ist noch kein Mensch bezahlt und kein Kredit getilgt. „Aktuell ist das ein Minusgeschäft“, sagt Oevermann.

In den vier Ställen seines Betriebs in Mecklenburg‑Vorpommern stehen derzeit nur rund 2000 Tiere auf eigentlich 6000 Plätzen. Seit der Schließung in Perleberg musste der Betrieb die Schweinemast auf ein Drittel reduzieren. Der jüngste Stall ist zehn Jahre alt, ausgelegt auf zwanzig – und muss weiter bei der Bank abbezahlt werden.

Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch liegt bei 135 Prozent, trotzdem wird importiert

„Wenn das geschlachtete Schwein am Haken hängt, essen wir davon nur noch 50 Prozent“, sagt der Landwirt. Früher war es üblich, ein Schwein komplett zu verwerten – „Schweinskopfsülze“ mag manchem noch ein Begriff sein. Heute gilt vielerorts „nose to tail“ (von der Nase bis zum Schwanz), in Deutschland aber werden vor allem Edelteile nachgefragt. Der Rest muss ins Ausland exportiert werden, weil er hier kaum Absatz findet. Das bringt eine verrückte Situation hervor: Man kann rechnerisch viel produzieren, und doch fehlen in Deutschland bestimmte Teilstücke – also wird gleichzeitig exportiert und importiert.

Deutschlands rechnerischer Selbstversorgungsgrad bei Fleisch lag 2024 bei 120 Prozent, bei Schweinefleisch bei 135 Prozent. Gleichzeitig stagniert der Schweinefleischverzehr: 2024 lag er bei 28,4 Kilogramm pro Kopf.

Für die Bauern vor Ort gibt es noch ein weiteres Problem. „Der Verbraucher sagt: Ich will regional, ich will möglichst Öko“, so Oevermann. „Aber wenn er an der Theke steht, entscheidet er sich doch oft für das günstigste Produkt.“ Dazu komme die Konzentration im Handel: Ein Großteil des Absatzes läuft über wenige Konzerne. Der Handel sehe in Echtzeit, was gekauft werde, gebe die Einkaufsvorgaben an die Schlacht- und Verarbeitungsindustrie weiter. Die Schlachthöfe wiederum sind das Scharnier zwischen Supermarktregal und Stall.

Marktkonzentration in der Fleischbranche: Monopolstellung im Osten?

Früher hatte fast jeder Ort einen Schlachter, später jeder größere Kreis einen Schlachthof. Heute dominieren wenige Großbetriebe den Markt. Fällt in einem dünn besetzten Raum ein großer Standort aus – wie in Perleberg –, wird aus einem regionalen Problem ein strukturelles.

Reinhard Jung, Geschäftsführer des Bauernbundes Brandenburg, warnt vor den Folgen. „Mit Weißenfels verbleibt nur noch ein großer Schweineschlachthof in den neuen Bundesländern. Das bedeutet weite Transportwege sowie eine Monopolstellung des Tönnies‑Konzerns und verschlechtert gravierend die Vermarktungsbedingungen für unsere Schweinehalter. “

Die Zahl der Schlachtstandorte sei seit Jahren rückläufig, sagt Jung. Es gebe eine „wettbewerbsschädliche Machtzusammenballung“. Nicht nur in der Schlachtbranche, auch bei Molkereien und im Lebensmitteleinzelhandel. Zwar habe die jüngste Reform des Kartellrechts dem Bundeskartellamt weitergehende Eingriffsmöglichkeiten eingeräumt. „Aber offenbar fehlt der politische Wille, diese auch konsequent zu nutzen“, so Jung.

Kartellamt ermittelt wegen möglicher Marktabsprache

Das Bundeskartellamt untersagte im Sommer 2025 die Übernahme mehrerer Vion‑Schlachthöfe durch die Premium Food Group (Tönnies), weil es in einzelnen regionalen Märkten eine zu starke Marktstellung befürchtete. Im Fall Perleberg wurde die Übernahme durch die nordrhein-westfälische Uhlen‑Gruppe 2024 dagegen freigegeben – die Marktanteile galten formal als unkritisch.

Ende 2025 durchsuchten Ermittler des Bundeskartellamts mehrere Schlachtbetriebe in Deutschland. Verdacht: wettbewerbswidrige Absprachen – etwa im Zusammenhang mit Schließungen wie in Perleberg. Die Wettbewerbshüter prüfen noch, ob Kapazitäten gezielt zurückgefahren oder Standorte strategisch geschlossen wurden, um Marktanteile zu bündeln. Eine solche „Kapazitätssteuerung“ könnte den Wettbewerb einschränken – mit direkten Folgen für Landwirte.

Mehr Tierwohl, unsicherer Markt: Das Investitionsrisiko für Oevermann

„Die Preise sind ja eigentlich festgesetzt“, sagt Carl Oevermann. „Aber wenn einer sagt: Ich habe für euch keine Schlachtkapazitäten, ich schlachte eure Schweine nicht, dann bringt uns auch der beste Preis nichts.“ Der 26-Jährige ist gerade erst richtig in den Betrieb eingestiegen und muss schon Grundsatzfragen stellen: Was bleibt als Ausweg? Höhere Haltungsstufen, mehr Tierwohl, mehr Wertschöpfung pro Tier? Auch das ist ein Investitionsprogramm.

„Wir hatten schon Probleme, Haltungsform 2 bezahlt zu bekommen“, sagt er. „Warum also auf 3 oder 4 umbauen, wenn der Markt den Aufpreis nicht zuverlässig trägt?“ Die Handelskennzeichnung „Haltungsform“ reicht von Stufe 1 (gesetzlicher Mindeststandard) bis 5 (Bio); mehr Tierwohl beginnt praktisch erst ab 3, weil dort Frischluft und deutlich mehr Platz eine bauliche Umstellung erzwingen.

Für den Betrieb der Oevermanns wäre ein Umbau auf Stufe 3 bei einem Stall relativ einfach, weil der Stall leicht zu öffnen wäre. Günstig wird es dennoch nicht. Landwirtschaft, sagt Carl Oevermann, sei nach der Chemie eine der kapitalintensivsten Industrien. Und während Politik, Kartellbehörden und Konzerne über Marktstrukturen diskutieren und der Landwirt versucht, gewinnbringend zu wirtschaften, nimmt im Stall jedes Schwein weiter zu. Fast ein Kilo pro Tag.Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gern! briefe@berliner-zeitung.de


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