Chameneis Tod: „Nur Hitler zu töten, hätte die Nazi-Diktatur nicht beendet“
Guten Abend Herr Shalicar. Sie sind nach meinen Informationen derzeit in einem Vorort von Tel Aviv. Wie ist die Lage bei Ihnen?
Guten Abend, ich sitze derzeit mit meiner Familie im Schutzraum unserer Wohnung. Alle hier sind natürlich extrem wachsam und es gibt immer wieder Raketenalarm.
Was bedeutet Schutzraum?
Viele Wohnungen hier haben einen Raum in ihrer Wohnung, der besonders gesichert ist. Mit bruchsicheren Fenstern, dickeren Mauern und Decken. Bei einem direkten Raketentreffer bringt das zwar auch nichts mehr, aber eine gewisse Sicherheit zu haben, fühlt sich dennoch beruhigend an.
Sie sind in Berlin groß geworden und der Sohn persisch-jüdischer Eltern. Was denken Sie über die aktuellen Ereignisse, die Angriffe der USA und Israels auf Iran?
Ich finde das gut, weil ich ja schon seit langem drauf warte, dass dieses Hauptproblem hier in der Region endlich angegangen wird und dass dieses Regime endlich in die Knie gezwungen wird. Wir bezahlen natürlich einen persönlichen Preis dafür. Du musst im Schutzzimmer abhängen, Du kannst Dich hier nicht mehr aus der Wohnung herausbewegen, die Raketen aus dem Iran erreichen Israel und treffen auch teilweise. Das ist hier im Moment lebensgefährlich, das ist kein Spiel. Aber diese dunkle Wolke, die seit langem über uns schwebt, löst sich nun hoffentlich bald auf.
Was sagen denn die persischen Wurzeln in Ihnen zu dem, was momentan vorgeht?
Die sind am glücklichsten von allen drei Wurzeln, weil da natürlich das Herz mitfiebert, dass endlich der Geburtsort meiner Eltern befreit wird. Meine Eltern, die auf die 80 zugehen, würden so gerne noch einmal in ihrem Leben ihren Geburtsort besuchen. Ebenso wie den Ort, an dem sie ihre Jugend verbracht haben. Sie haben dort lange gelebt, mein Vater war ja auch in der iranischen Armee. Aber das alles geht unter diesem Schreckensregime leider nicht.
Wie sehr fühlen Sie sich als Perser?
Persische Sprache, persische Teppiche, persische Musik, persischer Reis, das alles hat mich sehr geprägt. Und ich fühle mich ein Stück weit wie ein Exil-Iraner, der in Richtung Iran blickt. Und sich so sehr die Freiheit für das Land seiner Eltern wünscht. Haben Sie noch aktuelle Kontakte in den Iran und wenn ja, was hören Sie von dort?
Ich habe Familie ersten Grades im Iran, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, einige davon direkt in Teheran. Direkten, persönlichen Kontakt habe ich mit ihnen aktuell aber ganz bewusst nicht, das wäre im Moment zu gefährlich für sie.
Mittlerweile ist bestätigt: Nach fast vier Jahrzehnten an der Macht wurde Ajatollah Ali Chamenei, der oberste geistliche Führer im Iran, bei den jetzigen Angriffen getötet. Sie kennen das Land, sie kennen die Menschen, Sie kennen die Strukturen. Was bedeutet der Tod Chameinis für das Land?
Sein Tod ist von der Symbolik her äußerst wichtig, aber er ist noch lange nicht der Game Changer.
Stellen Sie sich vor, man hätte 1945 nur Adolf Hitler in Grund und Boden gebombt, aber das gesamte Nazisystem wäre mehr oder weniger aufrechterhalten worden. Was wäre passiert? Irgendein anderer Nazi hätte dann einfach übernommen. Nur Hitler beseitigen oder eben nur Chamenei beseitigen, das reicht einfach nicht. Es haben sich sehr viele Menschen herbeiersehnt, dass dieser Mörder endlich beseitigt wird. Aber um einen wirklichen Regimechange zu erreichen, muss noch sehr, sehr viel passieren.
Sie waren lange Zeit offizieller Sprecher der Israel Defense Forces (IDF) und haben eine ausgezeichnete militärische Expertise. Was denken Sie, wie wird es nun weitergehen?
Ich kann natürlich nicht in die Zukunft schauen. Was ich aber sagen kann: Die letzten Angriffe im Juni, das waren zwölf intensive Tage, und diese Tage waren wichtig. Allerdings denke ich, dass die Angriffswelle im vergangenen Sommer vor allem dazu diente, um sich auf den eigentlichen Schlag vorzubereiten. Man wollte vermutlich austarieren: Mit welcher Kraft kann Iran auf Angriffe reagieren, welche Art ballistische Raketen haben sie wirklich, welche Drohnen können sie einsetzen?
Iran-Konflikt eskaliert: Drohne trifft Stützpunkt auf Zypern – Hisbollah greift Israel an
Und sicherlich wollte man auch herausfinden: Wie diszipliniert funktionieren die Menschen an der Homefront, wenn es ernst wird und Iran Israel attackiert? Das alles hat man im letzten Juni mehr oder weniger schon lernen können. Ich würde daher fast sagen: Der letzte Juni war die Theorie, und jetzt findet der praktische Teil statt.
Wie lange werden die Angriffe nach Ihrer Einschätzung diese Mal dauern?
Ich sage es so: Für mich persönlich kann und soll es solange dauern, wie es dauern muss, damit wir dieses riesige Monster, das sich in den letzten vier Jahrzehnten gebildet hat, endlich in die Knie zwingen können. Ich denke, es passiert jetzt - oder nie. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, wird das derzeitige Regime in Iran in den nächsten Jahren höchstwahrscheinlich einen Status erreichen, der sie letztlich unantastbar macht. Ähnlich wie Nordkorea. Und das wäre sehr ungesund für alle freiheitlichen Menschen dieser Welt.
