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Die Porzellan-Apokalypse: Warum Hunderte Millionen Menschen „Brainrot“-Videos schauen

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12.01.2026

Gestehen Sie es sich ein: Ihr erster Reflex war herablassendes Mitleid. Sie haben diese verzerrten Gesichter gesehen, die aus Porzellan ragen, dieses blecherne „Skibidi Dop Dop Yes Yes“ gehört und die Generation Alpha bereits abgeschrieben. „Brainrot“, haben Sie gemurmelt, während Sie sich für Ihre Netflix-Dokus und Ihren Qualitätsjournalismus beglückwünscht haben. Doch während Sie noch an Ihrer Überlegenheit kauen, hat die Realität Sie längst weggespült.

Diese Realität ist kein Nischenwitz, sie ist eine digitale Naturgewalt. Was im Februar 2023 als elfsekündiger, bizarrer Clip des Animators Alexey Gerasimov (bekannt als DaFuq!?Boom!) begann, hat sich mit der Wucht von über 70 Milliarden Aufrufen (!) ins kollektive Bewusstsein gefräst. Gerasimov nutzt für seine Schöpfungen Garry’s Mod – einen anarchischen digitalen Baukasten, der ursprünglich als Spielerei ohne festes Ziel konzipiert wurde. In dieser „Sandbox“ können Nutzer mit den Physik-Gesetzen und den Charakter-Modellen alter Videospiel-Klassiker experimentieren, sie verzerren und neu zusammensetzen. Es ist ein virtueller Schrottplatz der Popkultur, auf dem die bizarren Albträume der Internet-Anarchie aus den grafischen Überresten der Gaming-Geschichte zusammengezimmert werden.

Aus diesem technologischen Sperrmüll hat Gerasimov ein Imperium errichtet, das YouTube Shorts nicht nur dominiert, sondern regelrecht........

© Berliner Zeitung