Das Rätsel Trump: Warum Chaos im Nahen Osten für die USA ein Gewinn sein könnte
Ein Krieg, ein US-Präsident, eine Weltordnung im Stresstest – und ein Video, das aus all dem eine große geopolitische Erzählung baut. Unter dem Titel „Why is America SPEEDRUNNING the End of the World?“ verbreitet sich derzeit ein Clip des Kanals von Jiang im Netz. Darin versucht Jiang Xueqin, online als Professor Jiang bekannt, die jüngsten Schritte der Trump-Regierung im Iran-Krieg und in der westlichen Hemisphäre zu einer einzigen These zu verdichten: Amerika zerstöre die bestehende Ordnung nicht aus Versehen, sondern mit voller Absicht.
Der Reiz des Videos liegt nicht nur in seiner Dramatik, sondern auch darin, dass Jiang mit echten Reden, realen Drohungen und existierenden Spannungen arbeitet, um daraus einen vermeintlichen Masterplan zu montieren.
Eskalation ohne Endpunkt
Der Einstieg des Videos ist pointiert. Jiang knüpft an Donald Trumps Fernsehansprache vom 1. April an, in der der Präsident erklärte, die USA würden im Iran bis zur vollständigen Erreichung ihrer Ziele weitermachen und den Gegner in den kommenden Wochen extrem hart treffen. Wie Nachrichtenagenturen damals übereinstimmend berichteten, hatte Trump massive Angriffe angekündigt, ohne jedoch einen klaren politischen Endpunkt zu benennen.
Genau in diese Leerstelle stößt Jiang. Wenn Trump ankündige, den Iran in die Steinzeit zurückzubomben, dann sei das nicht der Ton eines Strategen mit einem sauberen Sieg vor Augen. Vielmehr klinge es nach einer Eskalation ohne überzeugendes Ausstiegsszenario.
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Jiangs Kernfrage lautet folglich: Was, wenn Trump diesen Krieg gar nicht gewinnen will? Was, wenn das Scheitern Teil des Plans ist? Im Video formuliert er es fast wie eine Vorlesung in Spieltheorie. Wenn Trump das amerikanische Imperium bewusst demontieren, die Globalisierung sprengen und die USA in eine autarke Festung verwandeln wolle, dann wirke sein Kurs plötzlich nicht mehr wie Chaos, sondern wie Strategie. Trump sei dann nicht der Dilettant, als den ihn viele sähen, sondern der Architekt eines gewollten Bruchs.
Die Festung Nordamerika
An diesem Punkt wird das Video so spannend wie heikel. Jiang unterstellt eine Absicht, die sich empirisch kaum belegen lässt. Für seine These, Washington wolle den Zusammenbruch der alten Ordnung gezielt beschleunigen, liefert er keine internen Belege, keine Strategiepapiere und keine belastbaren Aussagen aus dem direkten Umfeld des Präsidenten. Er liest Trumps Politik wie einen Text und sucht in den Widersprüchen nach einem verborgenen Sinn.
Ganz aus der Luft gegriffen ist allerdings nicht alles, worauf der Kommentator verweist. Tatsächlich sprach US-Kriegsminister Pete Hegseth Anfang März in einer offiziellen Rede von einem Greater North America. Er betonte, jede Nation nördlich des Äquators – von Grönland bis Ecuador und von Alaska bis Guyana – gehöre zum unmittelbaren Sicherheitsperimeter der USA.
Jiang macht aus diesen Aussagen den ideologischen Unterbau seines Videos: eine neue Monroe-Doktrin, die zu einer wirtschaftlichen und militärischen Großraumordnung erweitert wird. Aus dem Iran-Krieg, so seine Lesart, solle am Ende ein Nordamerika hervorgehen, das sich mit Energie, Rohstoffen und Industrie selbst trage und die Krisen der Welt nicht mehr befrieden, sondern für den eigenen strukturellen Umbau nutzen wolle.
Hier liegt die stärkste Passage der Analyse. Jiang bindet Trumps Konflikte mit Verbündeten, die diplomatischen Debatten über Grönland und die Härte gegenüber Mexiko und Kanada in ein stringentes Muster ein. Seine Formel dafür lautet „Technate“: ein nordamerikanischer Block, der sich nach außen abschottet und nach innen auf Ressourcen, Fertigung und nationale Mobilisierung setzt.
Die Welt versinke im Chaos, lautet die Prämisse, Nordamerika aber könne überleben, weil es groß und reich genug sei, sich selbst zu versorgen.
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Zwischen Analyse und Netzmythos
Im weiteren Verlauf kippt der Vortrag jedoch von der Analyse in die bloße Verdichtung. Jiang behauptet, eine amerikanische Bodenoffensive gegen den Iran stehe unmittelbar bevor.
Als Indizien nennt er Truppenbewegungen und ein mahnendes Schreiben des Marine-Reservekommandeurs Leonard F. Anderson IV an seine Soldaten. Er stützt sich aber ebenso auf den sogenannten Pizza-Index des Pentagons, leere Bars in Washington und hohe Einsätze auf Prognosemärkten.
Zwar gibt es tatsächlich Medienberichte über zusätzliche militärische Vorbereitungen. Doch aus gehäuften Pizzabestellungen, dem Ausgehverhalten von Beamten oder Online-Wetten lässt sich eine bevorstehende Invasion nicht seriös ableiten. Solche Hinweise gehören eher in die Folklore der digitalen Krisenbeobachtung.
Sehnsucht nach Sinn im geopolitischen Chaos
Gerade in dieser Vermischung liegt die enorme Zugkraft des Videos als Internetphänomen. Jiang verbindet offizielle Reden, reale Kriegsangst und Netzmythen zu einer Erzählung, die Ordnung in die globale Überforderung bringen soll.
Wer die Bilder aus dem Nahen Osten sieht, die Drohungen aus Washington hört und zugleich spürt, dass die amerikanische Rolle als Garant der Weltordnung brüchig geworden ist, findet bei ihm eine umfassende Erklärung. Trump, so lautet die tröstliche Botschaft im Kern, sei keineswegs planlos; er spiele lediglich auf einem anderen, viel größeren Brett.
Doch auch hier ist Nüchternheit geboten. Jiang ist kein Professor für Geopolitik im klassischen akademischen Sinn. Er ist ein in Peking arbeitender Lehrer, der sich mit seinem Kanal Predictive History eine beträchtliche Reichweite aufgebaut hat. Die Zeitung South China Morning Post beschrieb ihn kürzlich als „viralen Propheten“, wies aber deutlich darauf hin, dass manche seiner Ideen ins Verschwörungstheoretische abgleiten. Diese Einordnung ist entscheidend, da Jiangs Methode weniger auf strenger Quellenkritik als auf Mustererkennung, Zuspitzung und intellektueller Dramaturgie beruht. Er erklärt nicht bloß Politik, er inszeniert Weltgeschichte als packende Serie.
Das macht das Video keineswegs wertlos, denn es trifft einen Nerv. Die Beobachtung, dass Trump nicht nur auf Krisen reagiert, sondern die internationale Ordnung aktiv zurückbaut, ist ernst zu nehmen.
Ebenso haben die harte Rhetorik gegenüber dem Iran und die Drohungen gegen zivile Infrastruktur reale Konsequenzen, die von Völkerrechtlern und internationalen Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz massiv kritisiert werden. An dem Punkt, an dem Jiang der aggressiven Realität eine verborgene Logik aufzwingt, verlässt er jedoch den Boden der Fakten für eine sehr eigene, dramatische Erzählung.
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Weniger Beweisstück als Symptom
Vielleicht ist genau das die treffendste Lesart dieses viralen Hits: Er ist weniger ein geopolitisches Beweisstück als vielmehr ein Symptom. Er offenbart, wie groß das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Sinn und Ordnung geworden ist, wenn eine Weltmacht zeitgleich Kriege führt, alte Bündnisse zerschlägt und mit neuen Großräumen hantiert.
