menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

„Möchte ein gutes Gefühl haben“: Arbeitsagentur-Chef arbeitet am Tesla-Band

30 0
19.03.2026

Zwei Tage lang tauschte Jochem Freyer Hemd und Sakko gegen Arbeitskleidung. Der Chef der Arbeitsagentur Frankfurt (Oder) verbrachte seine Arbeitszeit nicht wie gewohnt hinter dem Schreibtisch, sondern am Produktionsband der Tesla-Gigafactory in Grünheide. Er schraubte Bauteile zusammen und bezog Autositze. Ein ungewöhnlicher Perspektivwechsel für einen Behördenchef, der sonst eher mit Statistiken, Strategien und Verwaltung zu tun hat.

Den Gerüchten auf der Spur

Die Fabrik des US-Autobauers in Brandenburg steht regelmäßig im Fokus der Öffentlichkeit. Berichte über das Arbeitsklima, den Druck auf die Belegschaft und die allgemeinen Bedingungen fallen dabei höchst unterschiedlich aus. Anstatt sich bei der Bewertung auf Berichte Dritter oder Unternehmensmitteilungen zu verlassen, wählte Freyer den direkten Weg in die Werkshalle. Er wollte die Realität vor Ort am eigenen Leib erfahren.

Doch was treibt einen obersten Arbeitsvermittler dazu an, sich in den Takt der Maschinen einzureihen? Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärte Jochem Freyer seine Beweggründe nun im Detail. „Zum einen gibt es überwiegend positive Stimmen zu den Arbeitsbedingungen bei Tesla, aber hin und wieder auch Kritisches“, sagte er. Für die Arbeitsagentur stehe in Grünheide viel auf dem Spiel, denn das Werk sei ein entscheidender Faktor für die Region. „Zum anderen sind wir guter Hoffnung, auch in den nächsten Jahren viele Jobsuchende zu Tesla vermitteln zu können. Ich möchte ein gutes Gefühl haben, dass unsere Arbeit für Arbeitgeber und Jobsuchende passt.“

Darüber hinaus sei es ihm ein persönliches Anliegen gewesen, den Bezug zur Basis nicht zu verlieren: „Ein zweiter Grund war, dass ich generell den Kontakt zu Menschen und Jobs außerhalb der Verwaltung halten möchte.“

Freyer verzichtete bei seinem Besuch auf eine heimliche Aktion. Er machte aus seiner Funktion kein Geheimnis und gab sich gegenüber den Kollegen in seiner Schicht als Chef der Arbeitsagentur zu erkennen.  Durch die körperliche Anstrengung der Schichtarbeit und das direkte Mitanpacken erhielt er Einblicke in den Fabrikalltag und erfuhr in Gesprächen, welche Themen die Belegschaft umtreiben.

Über zwei Euro für Diesel: Warum Tesla in Grünheide jetzt der Gewinner ist

Tesla öffnet die Gigafactory für Schüler aus Berlin und Brandenburg

Hoher Krankenstand und Kritik der Gewerkschaft

Dass Freyer das Thema Arbeitsbedingungen explizit anspricht, kommt nicht von ungefähr. Die Gigafactory sah sich in der Vergangenheit immer wieder massiver Kritik ausgesetzt. Die Gewerkschaft IG Metall prangert seit langem eine extrem hohe Arbeitsbelastung, häufige Arbeitsunfälle und einen enormen Druck auf die Beschäftigten an. In Gewerkschaftsumfragen klagte die überwiegende Mehrheit der Angestellten über körperliche Erschöpfung; die Arbeit am Band wurde mehrfach als regelrechter Knochenjob bezeichnet.

Besondere Schlagzeilen machte das Werk durch einen phasenweise exorbitanten Krankenstand, der in der Spitze Werte von 15 Prozent und mehr erreichte. Das Management reagierte daraufhin mit einer höchst umstrittenen Maßnahme: Werksleiter und Personalverantwortliche statteten krankgemeldeten Mitarbeitern unangekündigte Hausbesuche ab, um die Arbeitsmoral zu überprüfen. Ein Vorgehen, das von der IG Metall als völlig unzulässige Einschüchterung verurteilt wurde, vom Tesla-Management jedoch als notwendiger Schritt zur Senkung der Ausfallquoten verteidigt wird.

Zwischen Vermittlungsquote und Werksalltag

Trotz dieser bekannten Kontroversen fiel Freyers persönliches Resümee auf dem Karriereportal LinkedIn nach dem Schichtende ausgesprochen positiv aus. Die meisten Kollegen, so seine Beobachtung aus den Gesprächen am Fließband, seien mit ihrer Tätigkeit sehr zufrieden und schätzten die beruflichen Chancen, die das Unternehmen biete. Tatsächlich ist die intensive Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsagentur und Tesla auf dem Papier bereits ein Erfolg: In den Aufbaujahren des Werks konnte die Behörde rund 1600 zuvor arbeitslose Menschen an die Gigafactory vermitteln – etwa die Hälfte davon galt zuvor als langzeitarbeitslos.

„Elon hatte nicht nur Tesla im Sinn“: Autopapst Dudenhöffer über das Werk in Grünheide


© Berliner Zeitung