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„Herrlich Hosting“: Ein Kochbuch zwischen Kartoffelsalat und Chanel

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28.03.2026

Ein aus cremiger Butter geformter Pokal wird auf einem Silbertablett präsentiert. Das Tablett in der Hand hält Hannah Kleeberg, von Kopf bis Fuß in Chanel gehüllt – ein Tweed-Ensemble in hellem Aquablau. Die Kulisse dieser Szenerie bildet ein schottische Landhause aus grauem Naturstein. Es ist eines der ersten Bilder aus dem Kochbuch „Herrlich Hosting – Anyone, Anytime, Anywhere“, das am 31. März im Gestalten Verlag erscheint.

Wer hier klassische, fast schon klinische Rezept-Fotografie von akkurat drapierten Speisen auf weißen Tellern erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Opulent gedeckte Tische und dekadente Inszenierungen wie etwa ein sich auftürmender, gefährlich wankender Pancake-Stapel treffen auf detailverliebte Outfits und Orte fernab der Küche.

Es ist eine Absage an das Konventionelle, die Entscheidung, Essen bewusst mit Mode und Editorial-Charakter in Verbindung zu bringen. „Ich hatte keine Lust auf ein verkrampftes, spießiges Kochbuch, in dem jemand auf dem Cover pflichtbewusst hinter dem Herd steht“, sagt Kleeberg. „Ich wollte etwas Trotziges, fast schon Anarchisches.“

Gastgeberin müsste man sein

Dieser Ansatz überrascht kaum, wirft man einen Blick auf die Vita der 27-jährigen. Die Leidenschaft für Mode und Kulinarik begleitete sie schon früh, doch das Inslebenrufen ihrer Marke „Herrlich Dining“ passierte eher zufällig. Was vor knapp vier Jahren als Instagram-Account für Rezepte begann, entwickelte sich zu einem der bekanntesten kulinarischen Kreativstudios in Berlin.

Bis zu ihrer ersten großen Anfrage hatte sie privat nicht für mehr als vier Gäste gekocht. Was sie jedoch beherrschte, war der Service: Sie hatte zuvor schon gekellnert und wusste genau, wie man die Bestellungen und Extrawünsche mehrerer Tische jongliert. Ihr erstes Dinner für fünfzig Personen – ein Sprung ins kalte Wasser – , war die Bestätigung, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben: Kleeberg will nicht bloß Catering liefern, sie will Gastgeberin sein. Ihr geht es darum,  bei ihren Gästen für wohlige Gemütlichkeit zu sorgen.

Ein kulinarisches It-Girl?

In der Berliner Szene hat sich Kleeberg seither als kulinarisches „It-Girl“ etabliert. Sie prägt Trends – man denke nur an die dekadenten Butter-Berge, die mittlerweile kaum einem Event fehlen dürfen. Doch trotz der luxuriösen Inszenierung bleibt sie im Kern unaufgeregt und bodenständig. „Ein Spagatakt zwischen meiner NRW-Herkunft und dem Schönen und Ästhetischen“ beschreibt Kleeberg ihren Stil. Es sollen Rezepte sein, die man unbefangen nachkocht, an die sich jede und jeder herantraut.

Und so finden sich im Buch Gerichte wie Radieschensalat mit Johannisbeer-Dressing, Zwiebelringe im Bierteig mit Joghurt-Dill-Dip oder Kleebergs geliebter Kartoffelsalat. Es sind Rezepte, die in den letzten drei Jahren – unter anderem in ihrem gefeierten Pop-up-Restaurant in Neukölln – zu echten Klassikern des Studios gereift sind.

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„Der Anspruch an Perfektion nimmt uns wahnsinnig viel Schönes“

Hosting ist für Kleeberg indes eine ganzheitliche Disziplin. Konsequenterweise liefert ihr Buch nicht bloß Rezepte, sondern versteht sich als sanfte Begleitung für stressfreie Abende: Auf den letzten Seiten finden sich kuratierte Menü-Anleitungen, etwa für ein „Cozy Season Dinner“ oder eine dreigängige Tafel zum Teilen. Darin führt sie einzelne Gerichte zu einem stimmigen Ganzen zusammen und liefert die nötige Logistik – von der Einkaufsliste bis zum Zeitplan für die Vorbereitung und das eigentliche Finale in der Küche – direkt mit.

Dabei geht es ihr jedoch nie um makellose Performance. „Der Anspruch an Perfektion nimmt uns wahnsinnig viel Schönes“, ist sie überzeugt. „In der Zufälligkeit, in Fehlern und in der Spontaneität liegt oft die größte Ästhetik und der meiste Humor.“

Dieser Mut zur Lücke und zum Abenteuer spiegelt sich auch in der Entstehung des Buches wider. Gemeinsam mit ihrem Team reiste sie von einer alten Olivenfarm auf der griechischen Insel Naxos über eine in Ruinen stehende Werkstatt im Süden Albaniens zu den Highlands am nördlichsten Punkt Schottlands bis hin zu einer Kegelhalle in ihrer Heimat, um ihre im Kern einfachen Rezepte in besonderen Locations abzulichten.

„Herrlich Hosting“ ist mehr als eine Rezeptsammlung. Es ist eine Einladung, das Kochen spielerisch zu begreifen und die Rolle der Gastgeberin mit einer frischen Leichtigkeit auszufüllen. Oder wie Hannah Kleeberg es zusammenfasst: „Ich spiele hauptberuflich mit Essen.“ Und wir schauen ihr dabei nur zu gerne über die Schulter und machen es ihr nach.

Rezept: Vodka Orzotto

Zutaten:SalzPfefferParmesan2 TL Butter1 mittelgroße Zwiebel2 Zehen Knoblauch1 1/2 TL Tomatenmark75 ml Vodka270 g Orzo-Pasta550 g Passata130 g Schlagsahne750-1000 ml Gemüsebrühe

Das Vodka-Orzotto aus Kleebergs Kochbuch ist simpel, da es zum einen mit nur einer Pfanne auskommt und zum anderen nur wenige Zutaten nötig sind. In einer Pfanne werden zwei Teelöffel Butter geschmolzen und darin eine große, fein geschnittene Zwiebel sautiert, bis sie glasig ist. Anschließend kommen für einen kurzen Moment zwei Zehen Knoblauch und 1 ½ Teelöffel Chiliflocken hinzu.

Im nächsten Schritt werden 1 ½ Teelöffel Tomatenmark untergerührt und ein bis zwei Minuten mitgekocht, bis die Masse etwas dunkler wird. Nun geht es ans Eingemachte: 75 ml Wodka werden hinzugegeben. Sobald der Alkohol verkocht ist, kommen 270 Gramm Orzo-Pasta, 550 Gramm Passata und 550 Milliliter heiße Gemüsebrühe in die Pfanne.

Bei mittlerer Hitze kann alles köcheln, dabei gelegentlich umrühren. Wenn die Flüssigkeit etwas reduziert ist, werden nach und nach weitere 200 bis 350 Milliliter Gemüsebrühe unter Rühren hinzugegeben. Nach etwa 12 bis 15 Minuten sollte die Pasta al dente sein.

Bevor das Orzotto die Pfanne verlässt, werden etwa 130 Gramm Schlagsahne untergehoben, mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt und 100 Gramm frisch geriebener Parmesan eingerührt. Den Abschluss bildet ein Teelöffel Butter – Kleebergs Tipp, damit das Gericht am nächsten Tag noch genau so gut schmeckt: einfach erneut eine kleine Menge unterrühren.

„Herrlich Hosting - Anyone, Anytime, Anywhere“ vom Gestalten Verlag. Erhältlich für 45 Euro unter www.herrlichdining.de


© Berliner Zeitung