Konstantin Grcic: Der Designer über Schnee von morgen und Katarina Witts Eislaufdress
Nach der Begrüßung heißt es gleich mal probesitzen. Der dreibeinige Hocker „Thing 1“ gehört zu einer Produktlinie, mit der Konstantin Grcic nun erstmals selbst zum Hersteller und Vertreiber wird. 25kg heißt seine neue Eigenmarke – erst das Gründungsjahr, dann Grcics Initialen.
Unterwegs auf einem erstaunlich ergonomischen Geländer
„Ich wollte, dass man auf dem Hocker sitzt wie auf einem Geländer irgendwo in der Stadt. Du kannst ruhig hibbeln, der kippt nicht“, sagt er mit dem Grcic-typischen ernsten Schmunzeln. Ich balanciere mich auf den Stahlrohrsitz und tatsächlich: Fühlt sich gut an. Als säße ich irgendwo unterwegs auf einem erstaunlich ergonomischen Geländer.Wir setzen uns an seinen großen Arbeitstisch im 300-Quadratmeter-Loft mit Nebenräumen, in das Grcic und sein Team kürzlich umgezogen sind, aus der Kurfürstenstraße ganz in der Nähe. Irgendwo hinten summt ein 3D-Drucker, durch Fensterbänder auf beiden Seiten des Gebäudes fällt diesiges Winterlicht. Wir kennen uns aus beruflichen Zusammenhängen schon Jahrzehnte, darum das „du“ im Gespräch. Die Büromanagerin stellt uns Espresso hin.
Was für schöne Tassen. Dickes Transparentglas, kreisförmiger Grundriss, genau wie der Kopf des Löffelchens – quasi bauhäuslerisch, ich denke da sofort an Wagenfeld und Marianne Brandt. Ist das ein Grcic-Design?Ja, du kriegst hier gleich die volle Dröhnung! Habe ich so vor 10, 15 Jahren für Nespresso gemacht (das Espresso-Set Vertuo kam 2014 auf den Markt, Tasse mit Unterteller kostet 24 Euro, d. Red.) Das Rund der Nespresso-Kapseln wurde dabei rauf und runter dekliniert. Es gibt sogar George Clooney mit so einem Ding in der Hand.Damit wäre deine Beziehung zu Kaffee also geklärt. Und wie sieht es mit dem Wintersport aus? Du kommst ja gerade von einer Woche Skiurlaub mit deiner Familie in Südtirol. Wie war’s?Es war super. Skifahren ist eine große Leidenschaft von mir, das fing schon als Kind an. Als ich in England lebte, hatte ich aufgehört damit. Aber als ich wieder in Deutschland war, dachte ich: Ich muss sofort wieder anfangen damit. Und ja, jetzt fahren wir jedes Jahr von Berlin aus in einen kleinen Ort nördlich von Cortina, Sexten im Pustertal. Ist nicht mehr so einfach wie von München aus, aber wir machen das. Meist mit Zwischenstopp in München, wo meine Mutter lebt. Aber jetzt am Samstag sind wir direkt zurückgefahren, da sitzt du dann zwölf Stunden im Auto. Aber es ist total nett da für die Kinder. Die standen schon mit drei Jahren auf den Skiern. Die Ausrüstung ist ja so viel besser geworden.
Womit wir schon bei unserem Thema wären.Genau. Ich hab ja noch mit Lederskischuhen und Skiern mit so einer seltsamen Bindung angefangen, mit Federspannung und Drahtseil um die Ferse rum. Und jetzt leihst du die ganze Ausrüstung vor Ort für eine Woche und kriegst immer ziemlich gute Sachen. Die Schuhe sind leicht und warm, die Bindungen sind sicher und die Skier sind top.In der Triennale-Ausstellung zeigt ihr das sehr anschaulich, indem ihr einen Ski aus den 1980ern neben einen von heute hängt. Als wären es Reliefskulpturen.Wir gehen in der Ausstellung ja nicht so weit zurück in der Historie. Wenn du die ganze Ski-Entwicklung bis zurück in die 50er- und 30er-Jahre zeigen wolltest, dann wäre die ganze Schau nur darüber gegangen.
Also fingen wir bei der marktfähigen Entwicklung von Snowboards an, die dem Thema Skilaufen einen neuen Schub gab. Damals, in den 80ern, brachte (die US-Marke) Burton die ersten Boards auf den Markt. Wir machen diese Vergleiche mit dem Snowboard, dem Alpinski, dem nordischen Ski, also fürs Langlaufen, und mit dem Skiflugski. Und an allen kann man diese enorme Entwicklung ablesen über die letzten 40 Jahre. Da hat sich sehr viel verändert. Und dennoch haben die allermeisten Skier noch immer einen Holzkern, wie wir feststellten.
Aber die größte Innovation beim Ski brachte eigentlich die Taillierung, für das Carving. Früher hat man sehr lange und gerade Bretter gehabt, jetzt sind Skier eher kurz und tailliert. Damit kann inzwischen jeder gut skifahren. Das siehst du auch, wenn du dich umschaust auf der Piste.
Offenbar lief die Entwicklung bei Skiern wie beim Auto: Erst brauchte man einen Chauffeur, weil dauernd irgendwas zu schrauben und nachzufüllen war. Dann musste man Experte sein, und heute kann sich jeder ins Auto setzen und los geht’s.Es ging immer hin zu mehr Komfort und mehr Sicherheit beim Breitensport. Mit Komfort meine ich auch: mehr Zugänglichkeit. Die meisten fahren ja nur fünf bis zehn Tage pro Skisaison. Und in den wenigen Tagen willst du es ja genießen und dich nicht tagelang abkämpfen, bis es wieder läuft. Einfach draufstellen, völlig untrainiert, und du kommst schon ganz gut den Berg runter. Es ist ja auch verrückt, was das alles kostet.
„Die Prognose: Die Skisaison auf ein Viertel schrumpfen, auf ganze 24 oder 25 Tage pro Jahr.“
Wintersport ist ein teurer Sport geworden. Viel Aufwand für ein bisschen Pistenglück.Das war er immer schon, glaube ich. Es geht da ja nicht nur das Equipment, sondern um den ganzen Aufwand, um überhaupt an die Wintersportorte zu kommen. Das haben wir zu einem eigenen Thema gemacht in der Ausstellung: die Infrastruktur rund um den Wintersport. Denn das ist natürlich ein großes Problem heute. Wenn man über Nachhaltigkeit im Wintersport spricht, ist der Verkehr, der Weg hin und zurück, sozusagen der größte Schädling.
Und dann liegen viele klassische Wintersportorte inzwischen zu tief. Die Schneesicherheit oder die Länge der Saison mit Schneesicherheit schrumpft immer mehr. In der Schau haben wir ein großes Diagramm, wo wir zeigen: Jetzt 2026, hat eine Skisaison maximal 100 Tage, aber prognostiziert wird, dass das bis 2080 auf 24, 25 Tage schrumpfen dürfte. Also auf ein Viertel. Bei Beibehaltung der jetzigen Skiorte. Dazu muss man wissen: Unsere Ausstellung richtet sich an kein Spezialistenpublikum, sondern sie ist für ein ganz breites Publikum gemacht.Das war nicht immer so bei Triennale-Ausstellungen. Wenn ich in den 2000ern mit der Redakteuren von AD Architectural Digest dort war, dann traf man fast nur Designer, Architekten und die entsprechenden Studenten, also Fachpublikum. Ziemlich exklusiv fühlte sich das an„White Out“ macht die Triennale gezielt mit freiem Eintritt. Sie ist ja auch Gastgeber für die Casa Italia, das ist der italienische Stützpunkt für die Athleten, also der Olympia-Pressehub der Winterspiele im Grunde, und da ist viel Publikumsverkehr. Und das Triennale-Gebäude liegt nicht zufällig in der Nähe von Cadorna, wo viele Leute durchkommen. Das haben die clever angelegt beim Bau in den frühen 30er Jahren. Cadorna, das ist in Mailand ein großer Umsteigebahnhof für U-Bahnen und Züge, ein echter Verkehrsknotenpunkt in der Stadt.
So wie ich es verstanden habe, will „White Out“ auch einen Ausblick in die Zukunft des Wintersports geben.Ganz genau. Wir haben diese Prognosen auf drei Argumente reduziert, die wir grafisch darstellen: Die Wintersportorte werden immer höher gehen müssen. Die Wintersportsaison verkürzt sich bis 2080 auf ein Viertel von dem, was wir heute haben. Und die Wasserreserven, die man braucht, um einen Wintersportort zu betreiben, wachsen exponentiell an. Schon jetzt sind heutige Wintersportorte eigentlich totale Maschinen. Denn in die Berge sind unglaubliche Leitungen, Wasserrohre und Reservoire verlegt worden, um die Wasserversorgung zu schaffen für die Schneekanonen. In dem Skigebiet, aus dem ich jetzt gerade komme, stehen 300 Schneekanonen, die jede Nacht laufen und mit Wasser gefüttert werden.
„Heutige Wintersportorte sind eigentlich Maschinen.“
Hoppla. Das heißt, wir mokieren uns hier in Europa über arabische Skipisten in gekühlten Riesenhallen, während wir in ganz anderen Dimensionen auf die Tube drücken. Und das in um 3000 Skigebieten allein in Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich.In jedem davon gibt es diese Armee von Schneekanonen mit den entsprechenden Wasservorräten. Dazu der Energieverbrauch für die Zuführung. Nicht zu vergessen Pistenraupen, die jede Nacht fahren, um die Pisten zu präparieren. Es gehören Liftanlagen dazu, die die Menschen befördern, Sicherheitssysteme, Fangnetze und Schutzbarrieren auf jeder Piste. Alles muss abgesichert sein.
Also nur mehr Skilanglaufen.Naja, die Loipen liegen oft tiefer, in den Tälern, und da ist die Schneesicherheit noch geringer. Letzte Woche hat es viel geschneit in den Dolomiten, dann wird dieser Schnee von Baggern auf große Haufen gesammelt, die werden in Lastwagen verfrachtet und die Lastwagen bringen die in die Täler, um dann die Loipen anzufüttern mit Schnee. Zusätzlich gibt es richtige „Schneefarmen“, wo Schneekanonen künstliche Schneeberge produzieren für Loipen und Pisten.Da steht also eine unheimliche Logistik dahinter. Wir haben im Zusammenhang mit der Ausstellung natürlich auch mit Fachleuten, Wissenschaftlern gesprochen. Besonders wichtig war ein Dr. Steiger von der Universität Innsbruck (Dr. Robert Steiger ist assoziierter Professor am Institut für Finanzwissenschaft der Uni, d. Red.), der sich spezialisiert hat auf genau diese Art von Auswirkung des Klimawandels auf den Wintersporttourismus. Er macht dann auch Prognosen über Datenmodelle, bilanziert aber auch, was wir da eigentlich machen, bereits heute.Es gibt Modelle, wie man diese künstliche Schneeproduktion mit regenerativer Energie betreiben könnte, viel mit Regenwasser oder Schmelzwasser-Reservoiren. Das löst dann aber noch nicht die Sache mit dem Individualverkehr in diese Schneegebiete … Du siehst: Für die Ausstellung haben wir Design einerseits als Gestaltungsdisziplin gesehen, aber auch als eine Disziplin des Nachdenkens, als Suche nach kreativen Lösungen und einer positiven Veränderung.
„Spannend wird es bei den Menschen, die Innovationen im Wintersport auslösten.“
Wie kam es überhaupt dazu, dass du als Produktdesigner da engagiert wurdest?Wir haben anlässlich der Olympischen Sommerspiele 2024 in Paris bereits eine ähnliche Schau gemacht, damals im Musée du Luxembourg. Das hatte Chris Dercon initiiert, als er dort als Präsident der Pariser Nationalmuseen amtierte. Die Ausstellung hieß „Match“, und die hat Marco Sammicheli gesehen, der Direktor der Designabteilung an der Triennale ist. Und er meinte: Das müssten wir in Mailand nur zu Wintersport machen, gemeinsam.Ich würde sagen, das Grundkonzept haben wir hier entwickelt, ich mit Nathalie Opris, die mich bereits bei „Match“ in Paris unterstützt hat. Wir sind ein eingespieltes Team. Sie ist wahnsinnig gut im Research, da wäre ich verloren ohne sie.
In der Ausstellung gibt es nicht nur tolle Diagramme und Objekte, man lernt auch ein paar Helden des Wintersports kennen – Athleten, Designer, Unternehmer.Spannend wird es dort, wo man auf die Menschen trifft, die Innovationen ausgelöst haben. Darum mache ich das: Weil ich diese inhaltliche Auseinandersetzung wichtig finde. Auch um zu verhindern, dass man selbst als Designer immer enger denkt.Der Wintersport ist ja voll mit spannenden Geschichten von Persönlichkeiten, die dahinterstehen. Ein Beispiel: Lino Dainese hat aus Leidenschaft fürs Motorradfahren begonnen, Schutzkleidung für Motorradfahrer zu entwickeln. Daraus hat er eine Firma gegründet. Dann kam ein italienischer Skiabfahrtsläufer auf ihn zu und meinte: Was du da machst für Motorradfahrer, das bräuchten wir als Abfahrtsläufer eigentlich auch. Daraus ist dann irre viel entstanden an Sicherheitstechnik für den Skirennsport.Dainese hat zum Beispiel diesen Airbag entwickelt, der jetzt im Skirennsport zwar noch nicht ganz obligatorisch ist, aber es wahrscheinlich bald wird. Die tragen alle schon diese Rückenprotektoren, die aussehen wie Insektenpanzer. Aber wenn du die Stürze im Fernsehen siehst: Sie fallen ja nicht nur auf den Rücken. Darum ist das jetzt wie ein T-Shirt, das sich innerhalb eines Sekundenbruchteils aufbläst bei einer bestimmten Körperbewegung.
Ein Hybrid aus weicher Pufferjacke und hartem Schutzschild?Ja, das hält ordentlich was aus. In der Ausstellung können die Besucher auf einen roten Knopf drücken und dann schießt dieses Ding auf.
Ein Starstück von „White Out“ ist ein originales Eistanztrikot von Katarina Witt von 1989. Wie seid ihr denn da rangekommen und was soll das Glitzertrikot vermitteln?Die Ausstellung startet mit dem Thema „Skins“, Häute. Also im Grunde alles, was uns Menschen schützt dort, wo es kalt ist, wo es knallhart ist durch das Eis, dort wo es gefährlich wird wegen der Geschwindigkeit. Wir schauten uns also Kleidung an, von einem Skirennläufer, von einem Eishockeyspieler, von einem Skiflieger.
„Nathalie nahm die Papiertüte entgegen - und da war das Kleid.“
Und dann sagten wir: Der größte Kontrast dazu sind Eiskunstläuferinnen, die nur dieses dünne Kostümchen tragen. Wenn du Olympia geschaut hast, da war auch Katarina Witt im TV-Studio und verwies auf das blutige Knie einer Läuferin während der Kür. Das passiert, wenn sie übers Eis schlittert. Deren Schlittschuhe haben natürlich messerscharfe Kufen und heute wird unter dem Dress teils eine schnittfeste Zweithaut getragen, damit da nichts passiert.
Zur Zeit von Katarina Witts großen Triumphen gab es das noch nicht, oder?Nein, sie sind aus 3D-Strick, diese Maschinen kamen erst danach ... Wir wussten: Katarina Witt lebt jetzt in Berlin, aber wie an sie rankommen? Da sagte jemand im Büro: Sie hat doch ein Fitnessstudio in Potsdam. Also haben wir da angerufen. Erst kam keine Reaktion und wir wurden schon nervös. Aber dann, wie aus dem Nichts, rief sie an und fragte: Worum geht es denn? Sie hat wirklich hier angerufen, sie selber. Und dann war sie total kooperativ. Unglaublich nett und aufgeschlossen, und völlig unkompliziert.Sie würde Fotos von den Dingen machen, die sie hat, meinte sie. Daraus haben wir dieses eine Kostüm ausgesucht. Und das hat dann jemand, nicht sie selber, eine Mitarbeiterin oder Freundin, in einer Papiertüte per Taxi gebracht. Nathalie ist runtergelaufen, nahm die Papiertüte entgegen – und da war das Kleid. Das war super easy und sehr nett von ihr. Auch im Namen der Triennale und der Winterspiele: Vielen Dank, Frau Witt! WHITE OUT – The Future of Winter Sports läuft bis 15. März. Triennale Milano, Viale Alemagna 6, Mailand. Onlineshop der neuen Konstantin Grcic-Eigenmarke: 25kg.eu
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