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Umbau der Torstraße: Hoffentlich fährt es Berlin nicht wieder vor die Wand

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28.02.2026

Berlin hat in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen, wie man Straßenumbauten und Neugestaltungen im Sinne einer Verkehrswende gegen die Wand fährt.

Die Friedrichstraße wurde weit über die Stadt hinaus zum Symbol für ideologisch aufgeladene Verkehrspolitik ohne tragfähiges Konzept, mal verkehrsberuhigt, mal Durchfahrtsstraße, mal autofreie Flaniermeile, ohne Plan und ohne Ziel. Ein paar Parklets und ein paar Blumenkübel schaffen eben noch keine Atmosphäre, die den Einzelhandel zum Blühen bringt und die Besucher anzieht. Das Gegenteil war der Fall, am Ende war niemand zufrieden. Jetzt ist die Friedrichstraße nur noch eine an vielen Stellen runtergekommene Innenstadtmeile.

Verkehrsführung wie auf Drogen

Die Bergmannstraße in Kreuzberg steht dem in nichts nach: Was als „Begegnungszone" mit Tempo 20 und neuer Aufenthaltsqualität angekündigt wurde, entpuppte sich als planerisches Stückwerk. Poller, Findlinge, Diagonalsperren, die wieder verschwanden, Verkehr, der in Nebenstraßen auswich, eine Verkehrsführung wie auf Drogen, die bis heute weder für Anwohner noch für Gewerbetreibende restlos nachvollziehbar ist. Wer die Bergmannstraße passiert – egal ob mit dem Rad, dem Auto oder zu Fuß –, erlebt, was dabei herauskommt, wenn man es allen recht machen will, aber keinen Plan hat.

Die Verkehrswende in Berlin entfällt - zumindest auf den 500 Metern Friedrichstraße

Bergmannstraße jetzt wieder ohne Felsbrocken

Jetzt also die Torstraße. Rund zwei Kilometer zwischen Chausseestraße und Karl-Liebknecht-Straße, fünf Jahre Bauzeit, zwei Teilabschnitte. Es ist das nächste Großprojekt, mit dem der Senat belegen kann (und muss), ob er aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Besonders pikant: Wie schon bei den beiden oben genannten Straßen ist es so, dass auch die Torstraße nicht irgendeine Meile ist, sondern eine der lebendigsten Achsen der Stadt. Cafés, Galerien, Clubs, hippe Läden, Touristen, Hostels etc. – hier ist Berlin schneller und jünger als an anderen Ecken der Stadt. Wer hier scheitert, scheitert nicht leise in einer Nebenstraße, sondern auf offener Bühne.

Die Torstraße braucht dringend einen Umbau. Der Straßenraum ist in die Jahre gekommen, Radverkehrsanlagen fehlen weitgehend, die Gehwege sind an vielen Stellen zu schmal für das Aufkommen, das dieser Abschnitt täglich bewältigen muss. Also Umbau, aber wie?

Geschützte Radstreifen sind mittlerweile standard

Wenn man liest, dass der Radverkehr auf der Südseite auf Gehwegniveau geführt werden soll, klingeln wahrscheinlich bei jedem, der sich mit moderner Verkehrsplanung beschäftigt, die Alarmglocken. Radwege auf dem Gehweg sind ganz sicher ein Konfliktherd. Fußgänger und Radfahrer werden gegeneinander ausgespielt, statt dass beide den Platz bekommen. Der ADFC Berlin nennt die Planung „inakzeptabel" – und hat damit einen Punkt. Geschützte Radfahrstreifen („Protected Bike Lanes“) auf Fahrbahnniveau sind mittlerweile der international bewährte Standard. Dass Berlin im Jahr 2026 immer noch Planungen vorlegt, die dahinter zurückbleiben, ist nicht nachvollziehbar.

Gleichzeitig wäre es zu simpel, den Autoverkehr einfach aus der Gleichung zu streichen, denn die Torstraße ist eine Hauptverkehrsader. Lieferverkehr, Rettungswege, Anwohner mit Fahrzeugen, all das muss funktionieren. Und eine Verkehrswende gelingt nicht, indem man eine Verkehrsart gegen die andere ausspielt wie es in der Vergangenheit der Fall war. Sie gelingt, indem man den vorhandenen Raum so intelligent aufteilt, dass alle Beteiligten sicher und effizient vorankommen.

Berlin: Die verkehrsberuhigte Friedrichstraße ist ein absoluter Reinfall

Der Bezirk Mitte hat sich bereits gegen die Senatspläne positioniert, bezeichnet sie als absurd und warnt vor Baumfällungen und einem zu autofreundlichen Querschnitt. Die Fronten verhärten sich wenig überraschend, und genau das ist das Muster, in dem sich diese Stadt immer wieder findet und das Berlin durchbrechen muss. Nicht wieder jahrelange Grabenkämpfe zwischen Senat und Bezirk, nicht wieder eine halbgare Planung, die auf halbem Weg ohnehin umgeworfen wird. Was die Torstraße braucht, ist ein Entwurf, der von Anfang an konsequent gedacht ist und dann auch umgesetzt wird.

Die Torstraße ist der Lackmustest. Nicht nur für diesen Senat, sondern für die Frage, ob Berlin Verkehrswende überhaupt kann. Ob diese Stadt in der Lage ist, einen Straßenraum so umzubauen, dass er in zwanzig Jahren noch funktioniert – für Fußgänger, die flanieren wollen, für Radfahrer, die sicher ankommen wollen, und für den Autoverkehr, der nun einmal nicht verschwindet, nur weil man ihn ignoriert.


© Berliner Zeitung