Gesichtserkennung im Iran: Wie russische KI-Software die iranische Opposition jagt
Im Iran tobt ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Trotz massiver Internetsperren fluten Bilder jubelnder Menschen nach dem Tod von Ayatollah Ali Chamenei das Netz. In den Straßen Teherans reagieren die Behörden deshalb mit Härte: Mobiltelefone von Passanten werden kontrolliert, während staatliche Medien die spontanen Versammlungen von Protestierenden weitgehend totschweigen.
Die Zusammenkünfte der zivilen Opposition, die im Januar ihren bisherigen Höhepunkt erreichten, entgingen jedoch nicht den Blicken der Überwachungskameras. Die Mullahs, die nach erheblichen strategischen Verlusten durch amerikanische und israelische Angriffe um ihre Zukunft ringen, verdanken ihre Langlebigkeit auch einem umfassenden Überwachungs- und Repressionsapparat. Die eigentliche Jagd findet längst im Verborgenen statt – gesteuert von Algorithmen, die aus Russland importiert wurden.
Die Achse Russland-Iran weitet sich auf Algorithmen aus
Recherchen von Le Monde und dem Investigativnetzwerk Forbidden Stories zeigen, dass der iranische Überwachungsapparat inzwischen auf einer Technologie basiert, die nicht im Iran entwickelt wurde, sondern in Russland. Im Zentrum steht eine Software namens FindFace, entwickelt von der russischen Firma NtechLab. Sie gilt als eine der leistungsfähigsten Gesichtserkennungs-KIs auf dem Markt.
Die Technologie kann Gesichter in riesigen Datenbanken identifizieren, Bewegungen nachverfolgen und Personen über verschiedene Kameras hinweg erkennen. Medienberichten zufolge soll die Software auch während der Fußballweltmeisterschaft 2018 im Umfeld der Stadien und Fanbereiche eingesetzt worden sein. Zuvor hatte der Spiegel dazu berichtet.
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Seit 2023 steht NtechLab auf der Sanktionsliste der Europäischen Union. Die EU begründet dies damit, dass das Unternehmen „technische oder materielle Unterstützung für schwere Menschenrechtsverletzungen in Russland“ geleistet haben soll. Die Technologie sei unter anderem zur Überwachung unabhängiger Journalisten sowie von Unterstützern des Oppositionellen Alexej Nawalny und Gegnern des Krieges gegen die Ukraine eingesetzt worden, berichtete Le Monde.
Zwischen den Verbündeten Iran und Russland kam es also zum Technologieaustausch. Während iranische Drohnen im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt wurden, scheinen russische Technologien die Straßen Teherans zu durchlaufen.
Über ein Netzwerk aus iranischen Tarnfirmen gelangte die russische Technologie ins Land. Eine Firma kaufte die Software 2019 – kurz darauf wurde sie von einem größeren Unternehmen übernommen, das enge Verbindungen zu den Islamic Revolutionary Guard Corps hat, den mächtigen Revolutionsgarden. Von dort gelangte sie in das System der Islamischen Republik und wurde innerhalb der Institutionen verteilt.
Überwachung an Eliteuni und öffentlichen Plätzen
Wie aus den Dokumenten hervorgeht, standen vor allem Drehkreuze im Fokus der Überwachung – etwa an der Sharif University of Technology in Teheran. Die Universität gilt seit Jahren als Zentrum studentischer Proteste und bringt gleichzeitig einen Großteil der technischen Elite des Landes hervor; in nationalen Rankings belegt sie in den Ingenieurwissenschaften nach Angaben von Times Higher Education (THS) den ersten Platz. Doch die Kontrolle beschränkt sich nicht auf den akademischen Bereich: Auch öffentliche Räume wie U-Bahnen, zentrale Plätze und andere Verkehrsknotenpunkte werden von den Behörden lückenlos überwacht.
„Der flächendeckende Einsatz solcher Systeme ist kein neues Phänomen“, erklärt Corbinian Ruckerbauer, Experte für digitale Überwachung und deren gesellschaftliche Auswirkungen, der Berliner Zeitung. Vor allem China habe früh damit begonnen, Gesichtserkennung gezielt zur gesellschaftlichen Kontrolle und zur Unterdrückung politischer Proteste einzusetzen.
In den Händen autoritärer Regierungen entfalte die Technik eine besonders drastische Wirkung. „Der Einsatz funktionierender Gesichtserkennungssoftware erhöht den Repressionsdruck erheblich“, weiß der Experte. Während Sicherheitskräfte früher massiv auf der Straße präsent sein mussten, um Proteste zu kontrollieren, ermöglicht die automatisierte Erkennung heute die Identifizierung und spätere Festnahme von Demonstrierenden im Nachgang.
Vom Kamerabild zum Bewegungsprofil
Mit Blick auf den Iran liegt eine der größten Gefahren für die Zivilbevölkerung in der Verknüpfung massiver Datenmengen. Verfügen Behörden über ausreichende Rechenkapazitäten, können sie Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführen – etwa aus staatlichen Überwachungskameras, privaten Sicherheitssystemen oder der automatisierten Auswertung sozialer Netzwerke.
So können Sicherheitsbehörden detaillierte Bewegungsprofile erstellen: Wer sich wann wo aufhält, wer sich regelmäßig trifft und welche Wege Menschen nehmen. Werden diese Daten zusätzlich mit staatlichen Informationen – etwa Ausweis- oder Passdaten – verknüpft, entsteht Schritt für Schritt ein präzises Bild sozialer Netzwerke und persönlicher Kontakte.
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Gesichtserkennung macht Repression kostengünstiger und effizienter. „Damit steigt die Überlebenswahrscheinlichkeit geschwächter Regime, wie es im Iran derzeit der Fall ist“, meint Ruckerbauer. Während auf den Straßen Teherans Menschen unter Lebensgefahr protestieren, arbeitet das System im Hintergrund weiter: Kameras filmen, Algorithmen vergleichen Gesichter und Datenbanken rekonstruieren oppositionelle Netzwerke.
Die Macht der Islamischen Republik stützt sich damit nicht mehr nur auf die Polizei und die Revolutionsgarden, sondern auch auf eine Software, die Tausende Kilometer entfernt entwickelt wurde.
