Roger Willemsen: Weil er gegen Aufrüstung war, wurde er als „pazifistischer Gefühlslinker“ beschimpft
Es gibt wohl keinen anderen Intellektuellen, der so geliebt und gleichzeitig so missverstanden wurde wie Roger Willemsen. Er war geistiger Grenzgänger, hoffnungsloser Idealist und erbarmungsloser Boulevard-Talker, konnte über Robert Musil und das Konzept Selbstmord genauso ekstatisch sprechen wie über die Abgründe des Dschungelcamps.
Vor zehn Jahren starb er mit nur 60 Jahren an einer Krebserkrankung. Viel zu früh hat uns Roger Willemsen, dieser groß geratene, gut gelaunte und immer ein bisschen Mysterium bleibende Intellektuelle, verlassen.
Er war ein „Public Intellectual“, einer, dessen unkonventionelle Stimme in Talkshows quer durch die Bundesrepublik gefragt war und der mit seiner Meinung niemals aufdringlich wurde. Er konnte den Focus-Gründer Helmut Markwort live vor Fernsehpublikum rhetorisch auseinandernehmen und scheute sich nicht, Madonna zu fragen, ob sie eine Botschaft für die Impotenten habe.
Mit seinen Fernsehgesprächen wurde Willemsen in den 90er-Jahren ganz groß. Auf Premiere startete er mit seiner Talkshow „0137“ durch, mit „Willemsens Woche“ schrieb er Fernsehgeschichte. Seit einem Jahrzehnt ist Willemsen jetzt tot und seitdem hört man die nicht enden wollenden Beileidsbekundungen über Willemsens viel zu frühen Tod von Journalisten und Medienmachern aus der ganzen Bundesrepublik. Dabei lassen die Vermissenden außer Acht, dass sich seine bissige Kritik auch an jenes mediale Establishment richtete, das ihm heute hinterhertrauert.
Besonders deutlich wurde das in der Rezension seines 2014 veröffentlichten Buchs „Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament“. Dafür besuchte Willemsen ein ganzes Jahr lang jede Sitzung des Deutschen Bundestags und schrieb seine Beobachtungen von der Besuchertribüne in dieses 496 Seiten umfassende Buch. Sein Urteil über die Außendarstellung des Deutschen Parlaments war zum Teil vernichtend.
So beklagte er sich über die........
