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„Als Erste lief Frau Margot los“: Als die Honeckers heimlich aus Deutschland flohen

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Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Sperenberg am 13. März 1991: Südlich von Berlin hebt eine Passagiermaschine Tupolew vom Militärflugplatz der Sowjets Richtung Moskau ab. Bis der Flieger die Nato-Außengrenze passiert, zittern Generäle beiderseits des vormaligen Eisernen Vorhangs – holen deutsche Jagdflieger die Maschine vom Himmel?

Erst Stunden später erfährt die im sowjetischen Militärhospital Beelitz wartende Medienmeute: Das mit Haftbefehl belegte Ex-Staatsoberhaupt der DDR entkam. Für die einen war Erich Honeckers heimliche Flucht aus Deutschland ein Erfolg, für andere ein Offenbarungseid des untergehenden SED-Regimes und ein Drücken vor politischer Verantwortung.

Kommunalpolitikerin Doreen Schulze in Sperenberg (Landkreis Teltow-Fläming) entscheidet auf Gemeinde- und Kreisebene mit, zudem ist sie stellvertretende Vorsitzende vom Förderverein Heimatstube Sperenberg. Gern erzählt sie Besuchern: „Sperenberg ist ein kleines Dorf mit vielen prominenten Geschichten: Wir hatten den Kaiser (Wilhelm II., Anm. d. Red.) zu Besuch und Reichspräsident Paul Hindenburg, Wladimir Putin liebte den Neuendorfer See zum Angeln. Und hier verbrachten Erich und Margot Honecker vor der Flucht nach Moskau vom 12. zum 13. März 1991 ihre letzte Nacht auf deutschem Boden – ein wichtiges Datum der Nachwende-Wirren.“

„Wir als Gemeinde waren nicht informiert“

Die Honeckers nächtigten in einem kleinen gelben Bungalow an der langen Allee zu einer der drei Start- und Landebahnen auf dem Militärflugplatz der Sowjets. Heute ist das Häuschen zwischen Bäumen, wie so vieles auf dem rund 3500 Hektar großen Denkmalschutzareal Kummersdorf-Sperenberg, eine Ruine. 1991 hatte dieser Bungalow eine eigene An- und Abfahrt vor der Tür.

Manchmal steht Schulze vor dieser Ruine. „Komisch“ fühle es sich für sie an, erklärt sie, denke: „Was haben die einst mächtigsten Personen der DDR gefühlt und gedacht in jener Nacht hier bei uns?“ Und dann die ersten 15 Minuten auf dem Weg nach Moskau, der Flug von Sperenberg bis zur polnischen Grenze, sinniert Schulze.

Bewerten mag sie Geschichte nicht, sagt jedoch: „Solche Ereignisse sind wichtig und werden in unserem Museum Heimatstube festgehalten, um sie nicht zu vergessen.“ Lebendig bleiben jene Stunden im Buch „Der bittere Weg nach Hause“. Geschrieben hat es der russische Militärhistoriker Michail Boltunow. Ein Exemplar davon steht beim Heimatverein; eine im Ort lebende Russisch-Lehrerin übersetzte es.

Spannend war dieses Buch auch für Dirk Hohlfeld, von 1980 bis Mai 1990 Bürgermeister von Sperenberg. Der heute 76-Jährige arbeitet ebenfalls im Heimatverein und erzählt: „Ich habe die Garnisonstadt sterben sehen.“ 5000 Menschen lebten dort bis zum Mauerfall, mehr als doppelt so viele wie in Sperenberg.

„Wir alle im Ort hörten und sahen Hubschrauber und Flugzeuge, die starteten und landeten. Aber mit dem Leben hinter den Mauern hatten wir Deutschen nichts zu tun“, so Hohlfeld, „egal, wer dort in einer Militärmaschine aus Moskau landete und hier in Zivilfahrzeuge umstieg, ob Breschnew (bis 1982 Staats- und Parteichef der UdSSR, Anm. d. Red.) oder sonst wer. Wir als Gemeinde waren grundsätzlich nicht informiert.“

Auch Hohlfeld wusste: Die Flucht des Ex-DDR-Staatsoberhaupts galt im geeinten Deutschland wegen des Strafbefehls gegen Honecker als völkerrechtswidrig. Doch wie fast alle Zivilisten ahnte auch der Sperenberger Bürgermeister Mitte März 1991 nichts von der militärischen Anspannung: Generäle bei Bundeswehr und Roter Armee sahen die Gefahr, dass bei Bekanntwerden der Aktion die Maschine mit den prominenten Passagieren an Bord abgeschossen werden könnte – solange sie über deutsches Hoheitsgebiet flog. Erst über polnischem Terrain ließ die Anspannung bei den Generälen in Sperenberg und bei der Luftkoordinierung in Wünsdorf (damals Kreis Zossen) nach.

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Besuch von Jassir Arafat

Das Ehepaar Honecker hatte nach dem Mauerfall in Lobetal Unterkunft gefunden. Am 4.  April 1990 zog es ins sowjetische Militärhospital Beelitz um. Dort diagnostizierten Ärzte bei Erich Honecker den „Verdacht Leberkrebs“.

Am 2. Oktober 1990, dem Vorabend der deutschen Wiedervereinigung, übergab die DDR-Generalstaatsanwaltschaft wirtschaftsstrafrechtliche Ermittlungsakten zu Honecker an die Bundesrepublik. Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten erließ am 30. November einen weiteren Haftbefehl gegen ihn wegen des Verdachts, den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze 1961 verfügt und 1974 bekräftigt zu haben. Vollstreckt werden konnte der Haftbefehl nicht – in Beelitz stand Honecker unter sowjetischem Schutz.

„Der bittere Weg nach Hause“, Kapitel 3: Boltunow schreibt, wie oft Honecker in Moskau war, stets mit hohen Gästen und Ehrenwache. Er glaubte, der sogenannte große Bruder vergesse ihn nicht. Doch „Moskau schwieg“, so der Autor. Michail Gorbatschow nähme längst keine Rücksicht mehr „auf den Leiter des Ostens“. Keine offizielle Person besucht ihn mehr. Nur heimlich kam jemand zu ihm nach Beelitz: „Jassir Arafat“, schreibt Boltunow.

Plötzlich endete die Ungewissheit für den früheren SED-Generalsekretär: Die „Schnelle Medizinische Hilfe“ holte Honecker „mit ausgeschalteter Sirene und Blinklicht“ auf einer Trage. Wartenden Journalisten wurde erklärt: „Herzanfall“. Honecker glaubte, alles würde gut, schreibt Boltunow. Und dass er später doch ausgeliefert wurde, 169 Tage im Gefängnis Moabit saß, „das wusste er da noch nicht“.

In Sperenberg habe Flugdienst-Kommandeur Tschabau, Stellvertreter der 16. Fliegerarmee, am 12. März Kräfte „für eine ernste Aufgabe“ zusammengerufen, „Waffengewalt und die Bemächtigung des Flughafens“ seien nicht ausgeschlossen. Ein Hubschrauber Mi 8 holte die Honeckers aus Beelitz. Boltunow schreibt: „MP-Schützen nehmen den Ring des Flugplatzes ein, die Maschinengewehrschützen überzogen 5 Sektoren. Es war befohlen, wenn man im Sektor auf Widerstand trifft, das Feuer zu eröffnen.“

Sektfrühstück mit den Generälen

Nach Ankunft auf dem Flugplatz Sperenberg wurden Honeckers im Gästehaus einquartiert. „Der Tisch war nicht wie gewöhnlich im Saal gedeckt, sondern im Schlafzimmer, weiter von Blicken entfernt“, heißt es im Buch. Im Umkreis erschienen Leute, Objekte leuchteten auf. „Es war klar – hier hatten Journalisten Lunte bekommen“, schreibt Boltunow. Die Sowjets schickten Soldaten, „die Fotokorrespondenten zogen sich eilig zurück“.

Morgens frühstückten Honeckers mit den Generälen Seliwerst und Wasin bei Sekt. Draußen wurde die Passagiermaschine, eine Tupolew, startklar gemacht. Bei Boltunow steht: „Die Piloten kratzten sich den Nacken, als sie erfuhren, wen sie herauszuführen hatten. Es war nicht auszuschließen, dass sie von Jagdfliegern abgefangen werden.“

Absprache sei gewesen, sich bis zur Grenze Polens „durchzuschlagen“, als hätte nichts stattgefunden, Boltunow weiter. „Da ereignete sich ein Vorfall, welcher alle Bewohner des Gästehauses tüchtig aufschreckte. Unerwartet erschallte ein Schuss.“ Alle glaubten, es gehe los. Doch im Vorraum war ein Soldat an eine steinerne Uhr gestoßen; vor Schreck gab der „Trapowtschik“ einen Warnschuss ab.

Zum Abflug schreibt Boltunow: „Als Erste lief Frau Margot los.“ Erich sei es schlecht gegangen. Beide verstünden einfach nicht, dass die ganze Welt schwieg, dass es keine Sache Moskaus war, den ehemaligen Staatschef nebst Gattin auszufliegen.

Selbst ins direkte Umfeld sickerte kaum etwas durch

Später, so Boltunow, habe ihm Oberstleutnant Selkin erzählt: Ein Oberstleutnant der Bundeswehr hätte zugegeben, man sei auf dem grenznahen Flugplatz Forst (Nähe Cottbus) auf eine Landung aus Sperenberg vorbereitet gewesen, weil „die Deutschen beabsichtigten, eine MiG zu nehmen und unsere TU wegzuschnappen“. Während des Honecker-Flugs hatten laut Boltunow beide Regierungen Kontakt.

Als Honecker ausgeflogen wurde, war Danny Eichelbaum 17 Jahre alt, schon CDU-Mitglied und nahm am Goethe-Schiller-Gymnasium Jüterbog Kurs aufs Abi. Heute ist er Jurist, Brandenburger Landtagsmitglied und Kreistagsvorsitzender Teltow-Fläming. Er erinnert sich: „Das war ja eine ganz spannende Zeit – in der Schule, in der Stadt und in der großen Politik gab es jeden Tag Neues und Umbrüche.“ Natürlich sei ihm die Honecker-Flucht so nah vor seiner Haustür noch sehr präsent: „Für mich war das ein Offenbarungseid des untergehenden SED-Regimes und ein Zeichen, dass sich die damalige SED-Führung nicht ihrer Verantwortung stellen wollte.“

Wie genau die dramatische und streng geheim gehaltene Flucht von Erich und Margot Honecker aus Deutschland an jenem 13. März 1991 vom Flugplatz Sperenberg nach Moskau unter sowjetischem Militärschutz lief, ist noch immer kaum bekannt. Selbst ins direkte Umfeld des riesigen Militärgeländes, damals Dreh- und Angelpunkt der GUS-Streitkräfte auf deutschem Boden, sickerte wenig durch.

Stoff für einen Thriller

Manfred Donath war 1991 in Sperenberg SPD-Bürgermeister. Er lebt nicht mehr, erklärte jedoch einst: „Wir bekamen von alldem wirklich nichts mit. Erst als die Westpresse hier bei uns im Ort einfiel, da erfuhren wir, dass Honeckers von Sperenberg ausgeflogen worden sind.“

Alles, was sich dort vor 30 Jahren abspielte und fürs Drehbuch eines Thrillers taugte, unterlag ebenso wie das gesamte Garnisonsleben hinter der Stacheldraht-Mauer strengster Geheimhaltung. Deshalb ist die deutsche Übersetzung von Boltunows „Der bittere Weg nach Hause“ für den örtlichen Verein Heimatstube ein so wichtiges Dokument, „ein Puzzlestückchen aus den Jahren nach dem Mauerfall“, so Doreen Schulze in Sperenberg.

Dort diente auch Dmitriy Rushkovskyy von 1984 bis 1990 als Offizier und Pilot der Roten Armee. Als die Honeckers flohen, war er bereits wieder zu Hause in der Ukraine. Doch getroffen hatte er den einst ersten Mann der DDR im Militärhospital Beelitz: „Ich war mit einem Nierenstein dort. Beim Spazierengehen kam mir ein Mann entgegen.“

Wenige Minuten lang sprachen die beiden miteinander: „Es war warm und ich rauchte. Erich Honecker sagte: ,Kurit wredni‘, ,Rauchen ist ungesund.‘“ Rushkovskyy dachte: „Den kennst du, wer ist das?“ Was er antwortete, weiß er nicht mehr. „Ich kleine Maus. Ein paar Stunden später verstand mein Kopf, wen ich getroffen hatte.“Jutta Abromeit ist Dipl.-Journalistin. Nach ihrer Zeit als Leistungssportlerin im Rudern mit zwei Berufungen in die DDR-Olympiamannschaften 1980 und 1984 sowie zwei WM-Medaillen arbeitete sie von 1986 bis 2025 als Tageszeitungsredakteurin bei der Märkischen Volksstimme Potsdam/ab 3. Oktober 1990 Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ). Ihre Themenpalette umfasste in der Region südlich von Berlin sowohl Kommunalpolitik und außergewöhnliche Ereignisse als auch Historisches, Wirtschaftsansiedlungen oder wissenschaftliche Hintergründe.Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.


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