menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Wenn die Gen Z vor lauter Coolness nur noch in den Arm will: Die ARD-Serie „Exit Einsamkeit“

25 0
07.03.2026

Ja, Einsamkeit ist ein Problem, ein anschwellendes, ein schmerzhaftes, eines, das der Kapitalismus mit sich bringt. Es muss darüber gesprochen werden, und ja, besser noch: Es muss etwas dagegen getan werden, auch wenn sich das Problem bei fortschreitender Digitalisierung, sich aufgrätschender Schere zwischen Arm und Reich und zunehmender Individualisierung kaum in den Griff bekommen lässt. Und erst einmal noch schlimmer zu werden droht.

Man kann also immer abbilden, dass wir eine vereinsamende (Welt-)Gesellschaft sind. Man sollte es sogar. Aber nicht auf die Art, wie es in diesem Fall die ARD tut, die quotentechnisch bei der Jugend noch etwas reißen will. Bei denen sieht dann die Auswahl derer, die sich einsam fühlen, so aus: Berlin-Hipster mit Multi-Medienjob-Portfolio, meist natürlich Influencer, meist mit einer psychischen Krankheit geschlagen, meist aber „mega gut connected“.

Jedem Like hinterherhecheln

Aha, gut connected, aber einsam? „Kann das sein?“, möchte man als Oldie fragen, obgleich man die Antwort längst kennt. Es liegt natürlich an dieser verflixten Digitalität und den sozialen Medien, die zwar „perfekt“, also auf keinen Fall lebensnah ausgestattet sind, die aber so schön mit den Belohnungshormonen in unserem Hirn spielen. Wir Deppen wissen das sogar – und schalten das Smartphone trotzdem nicht aus. Inzwischen steht zwar überall, dass zu viel Social Media krank macht, aber who cares, wenn es die einzige Sucht ist, die einen wenigstens vom Erscheinungsbild her nicht herunterwirtschaftet.

Alles andere lässt sich gut wegdeuten, verschämt unter den Tisch spielen, moderat weginterpretieren. Wenigstens haben die vier Porträtierten ihre „Coolheit“, die sie sonst vorschützen, schon mal dahingehend abgelegt, dass sie über ihre Einsamkeit sprechen und diese nicht schönreden, aber dass diese Pein aus ihnen selbst heraus existiert, aus ihrem Lifestyle, aus der obsessiven Nutzung von Insta & Co. heraus, darauf kommen sie nicht.

Das ZDF beobachtet die Gen Z beim psychisch Kranksein

Berlin hat Nähe verlernt: Einblicke in die Arbeit der Einsamkeitsbeauftragten

Und dafür möchte man sie rütteln und schütteln als Zuschauer, denn leider wirken sie in ihrer Wohlstandsverelendung auch brutalst unsympathisch, wie sie da phlegmatisch sitzen und rauchen und sich von einer edgy Lebensstation zur anderen fantasieren. Natürlich ohne harte Arbeit. Das Publikum wird ihnen ihre Einsamkeitsoffenbarungen nicht abnehmen, ohne wieder auf die Gen Z und deren Verwöhntheit und partielle Stumpfheit zu schimpfen, Und recht hätten sie in diesem Fall. War das im Sinne der Sendungsmacher?

Dafür aber hält das ARD-Team ganz lange drauf, wenn  Ellen, Gordon, Vanelynn und Lilli über „Rechte und Nazis“ reden und wie sie das inzwischen nervt mit denen. Gehört zwar zum Thema Einsamkeit nicht unbedingt dazu, aber sei’s drum. Da schwingen also vier in politischer und auch sonstiger Gesinnung auf ein und derselben Welle –das erinnert fast an die Besetzung einer öffentlich-rechtlichen Talkshow. Nur ist es beim Thema Einsamkeit nicht unbedingt angebracht, weil sie sich in allen Gesellschaftsschichten auswächst und längst als unsichtbare Epidemie bezeichnet werden muss. Man hätte ja auch einen Rentner, eine Alleinerziehende oder sonst wen dazuholen können zur Gen Z.

Den bedauerlichsten Eindruck unter den Protagonisten macht Vanelynn, 34, deren Name schon so nach Verbesonderung schreit und die dann auch ganz stolz erzählt, den Namen hätte ihre Mutter aus Vanessa Paradis und Marilyn Monroe zusammengebastelt.

Da sitzt sie also, die Influencerin mit ihren 29.100 Followern, und sagt, dass ihr Einsamkeitsgefühl auf einer Skala von eins bis zehn bei elf liegt. Die verbale Ausleuchtung ihrer „Karriere“ als – und jetzt kommt’s – Schauspielerin, Synchronsprecherin, Moderatorin, Mental Coach, Fotografin, Dozentin und Model erfüllt sie voller Stolz, nur nicht mit Glück. Früher nannte man das „orientierungslos“, heute ist es ein Portfolio. Vielleicht sollte sich Vannelynn auf einen Job konzentrieren und richtig gut darin werden?! Sie mag alle Ansprüche erfüllen, die in ihrer Peer-Group „voll nice“ wären, dennoch wirkt sie, als würde sie nichts lieber wollen, als dass sie jemand in den Arm nimmt und ihr eine Suppe kocht.

Gefangen im vermeintlichen Fame

Das würde man auch glatt für sie tun, weil unter diesen ganzen Selbst-Empowerment-Gesabbel mitnichten eine „Bitch“ kauert, sondern einfach nur eine junge  Frau, die dringend in den Arm muss. Aber in ihrem vermeintlichen „Fame“ ist sie so gefangen, dass sie tatsächlich vornehmlich mit Sonnenbrille und Basecap rausgeht. Dabei hat sie noch nie jemand groß angesprochen, oder nimmt sie als „Person des öffentlichen Lebens“ wahr, wie es in ihrem Insta-Profil steht. Sie sagt allen Ernstes, aufgrund ihrer Follower „möchte sie nicht auf ein Podest gestellt werden“. Wie konnte es mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung dieser Generation so tragisch enden? Warum wird hier Aufmerksamkeit mit Wert verwechselt? Warum ist Sichtbarkeit wichtiger als Beziehung?

Was die Serie unfreiwillig offenlegt, ist weniger Einsamkeit als eine seltsame Form der Selbstüberhöhung bei gleichzeitiger Selbstverunsicherung. Eine Generation, die gelernt hat, dass Identität eine Aufzählung ist. Vanelynn: „Ich habe so viele Follower, aber ich fühle mich nicht gesehen. Vielleicht, weil „gesehen werden“ und „im Netz sichtbar sein“ zwei unterschiedliche Dinge sind?

„Exit Einsamkeit“ zeigt uns also die Opfer der digitalisierten Selbstoptimierungsgesellschaft, nicht die, die aufgrund tausend anderer Gründe einsam sind: Alte, Single-Mütter, Kinder. Stattdessen bekommt man ein verlängertes Castingband für „Germany’s Next Selbstfindung“. Vielleicht ist das eigentliche Drama, nicht die Einsamkeit der Porträtierten, die doch alle längst in Therapie sind. Da hören sie doch ständig, dass Glück selten „im Außen“ zu finden ist, eher im „Innen“. Aber mit dem Zuhören und Lernen hat es die Gen Z ja leider auch nicht so.


© Berliner Zeitung