menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Baggy-Jeans oder Skinny-Jeans, das ist hier die Frage

15 0
13.03.2026

Früher waren die Hierarchien in  Jeans-Angelegenheiten ganz klar: Es durfte nur eine Anführerin geben. Die 70er hatten die Schlagjeans, die 80er hatten ihre Karottenhose, in den 90ern war die dominierende Silhouette gerade geschnitten, in den 2000ern wurde sie weit und der Bund rutschte nach unten – bevor er in den 2010ern nach oben auf die Taille wanderte und die Skinny-Jeans die Regentschaft übernahm.

Wenn man sich das so vor Augen führt: Wir haben uns ganz schön rumschubsen lassen! Heute sind die Zeiten der Monarchie zumindest in Sachen Jeans vorbei und viele Modelle können koexistieren. Unsere Autorinnen haben dennoch klare Favoriten.

Baggy-Jeans: Höher, besser und vor allem weiter!

Auf die Gefahr hin, mein Alter preiszugeben, gestehe ich: Zu meiner Schulzeit waren Baggy-Jeans der absolute Hit. Der HipHop hatte Deutschland fest im Griff, und mit ihm war die Uniform des Sprechgesangs über den großen Teich geschwappt: Baggy-Jeans und Sneaker.

Wir Mädels hörten damals Tic Tac Toe und trugen Homeboy-Jeans oder Adidas-Adibreak, die mit den Druckknöpfen an der Seite. Wer etwas auf sich hielt, kombinierte zu diesen tief und locker sitzenden Hosen Skaterschuhe von DC und Etnies und ein bauchfreies T-Shirt. Den Begriff „Crop Top“ gab es noch nicht. Es waren eben simplere Zeiten.

Natürlich gab es eine ganze Genese dieser Hosen, die uns herzlich wenig interessierte: Baggy-Jeans entstanden in den 1980er-Jahren in der afroamerikanischen und lateinamerikanischen Straßenkultur der USA. Sie waren ein Zitat des Zoot Suits und ein Ergebnis der im HipHop glorifizierten Gefängniskultur, in der Gürtel verboten waren und Hosen daher tief saßen.

Künstler wie MC Hammer, Kris Kross und später Tupac Shakur oder The Notorious B.I.G. machten den weiten, lässigen Schnitt zum Markenzeichen urbaner Streetwear. Marken wie JNCO, Cross Colours und Karl Kani trieben den Trend mit extrem weiten Schnitten auf die Spitze. Parallel wurden Baggy-Jeans auch in der Skater- und Grunge-Kultur populär. Ende der 1990er und in den 2000ern erreichte der Trend seinen Mainstream-Höhepunkt, bevor Skinny Jeans ihn ab etwa 2008 weitgehend ablösten.

Ein paar Jahrzehnte, und eine lange Phase der hautengen Hosen mit Bauarbeiter-Dekolleté, später brachten Gen Z, Y2K-Nostalgie und Designer wie Balenciaga oder Vetements den Oversized-Look zurück auf die Laufstege.

Und ich? Ich bin nach wie vor Anhängerin der gemütlichen, weiten Beinkleider. Ich liebe sie in jeder Form: ob als Bundfaltenhose, im Palazzo-Stil, oder eben als Jeans mit weitem Bein. Nur eines darf sie heute bitte nicht mehr: tief sitzen.

Der Lowrider-Schnitt, bei dem früher unbedingt (!) der Tanga über dem Bund herausblitzen musste, ist heute – schon aus reinen Bequemlichkeitsaspekten – undenkbar. Ich kaufe meine Jeans mit weitem Bein und hohem Bund. Wobei das Modell (siehe oben) von Tommy Hilfiger, getragen mit einem verkürzten Poloshirt und Blazer, das hat schon was. Ich überlasse es aber denjenigen, die nicht beim Gedanken an ein offengelegtes Midriff sofort eine Erkältung bekommen. Ich reiche die Fackel weiter an die Gen Z.

Skinny Jeans: Aerodynamisch, Feminin und Unaufhaltbar

Wer hätte gedacht, dass ich mich einmal für die Skinny-Jeans starkmachen würde? Ich selbst vermutlich am wenigsten. Das hängt zuallererst damit zusammen, dass ich die Skinny-Jeans noch von früher aus den 2010ern kenne. Damals bin ich zur Schule gegangen und sie war das einzig sozial akzeptierte Beinkleid – wenn man im Haifischbecken überleben wollte. Am besten sah die Skinny-Jeans sogar so aus, als wäre sie frisch von Haifischen zerfetzt und zerrissen worden. Aber vor allem musste sie hauteng sein, durfte bloß keine Falten werfen.

Miley Cyrus und Vanessa Hudgens zeigten auf den Seiten der Bravo, wie man sie richtig trägt. Damit einher ging auch ein bedenkliches Schönheitsideal: Je dünner, desto besser. Als ich mich nach einigen Monaten Diät auf einer Shopping-Tour mit Freundinnen in der Umkleidekabine irgendeiner Fast-Fashion-Kette in die XS einer pastellrosa Skinny Jeans quetschen konnte, hatte ich das Gefühl: Ich habe es geschafft.

Ich war mir sicher: Nie wieder Skinny-Jeans

Es sollte nicht lange dauern, bis ebendiese Skinny Jeans auf dem „Aussortiert“-Stapel landete. Die Ära der sogenannten Mom-Jeans brach an – ein lockerer 80s-Schnitt, die Silhouette durfte weiter werden. Zum ersten Mal stellte ich fest, dass Jeans nicht unbequem sein müssen. Zunächst bewahrte ich meine Skinny-Jeans noch eine Weile auf, wohlwissend, dass alle Trends früher oder später zurückkommen. Doch wenig später war ich mir sicher: Nie wieder Skinny-Jeans – weg mit ihnen in die Altkleidersammlung, und auch mit dem normierten Schönheitsideal!

Nun, rund zehn Jahre später sieht die Welt anders aus. Es ist eingetreten, was schon eine Weile von Modeexperten prophezeit wurde: Die Skinny-Jeans ist zurück. Auf den Laufstegen von Celine, Gucci oder Saint Laurent ist sie schon seit drei Jahren wieder vermehrt zu sehen, nun ist sie auch im Streetstyle angekommen. Die modebewussten jungen Frauen in Berlin und anderen Modehauptstädten dieser Welt tragen sie im rockig-schicken Indie-Sleaze-Look, der an Kate Moss in den 90ern erinnert.

Zunächst habe ich das neuerliche Comeback der Skinny-Jeans ignoriert. Eine alte Bekannte, die ich nicht vermisst habe. Unsere toxische Beziehung habe ich nicht vergessen. Außerdem muss man ja wirklich nicht jeden Modetrend mitmachen!

Ich weiß nicht, ob ich dem Stockholm-Syndrom erlegen bin, aber irgendwie hat sich die Skinny-Jeans nun doch wieder in mein Herz getrickst. Denn ich habe festgestellt: Sie hat sich verändert. Im Gegensatz zu den 2010er-Jahren umspannt sie die Beine nicht mehr wie eine zweite Haut, sodass man Gefahr läuft, den Füßen die Durchblutung abzuschneiden. Die Skinny-Jeans von heute zeigt sich entspannter.

Jetzt wird’s eng: Die Skinny Jeans wird wieder Trend

Auch auf Berlins Straßen: Die Skinny Jeans kommt zurück

Kürzlich, im Secondhand-Shop meines Vertrauens, war es so weit: Ich probierte ein schlichtes, schwarzes Modell an. Einfach, um es mal wieder auszuprobieren. Der Anblick im Spiegel war ungewohnt – aber nicht schlecht. Viel besser als erwartet sogar. Also nahm ich sie kurzerhand mit. Und ich musste feststellen: Auch ich habe mich verändert. Die Größe auf dem Etikett könnte mir nicht egaler sein. Es geht mir darum, wie ich mich in einem Kleidungsstück fühle.

Wenn ich meine Skinny-Jeans trage, dann fühle ich mich feminin und unaufhaltbar. Vielleicht liegt das an ihrer aerodynamischen Form. Oder daran, dass ich gelernt habe, mich nicht mehr in Trends hineinzupressen – auch nicht in Jeans. Die Skinny-Jeans ist in meinem Kleiderschrank in bester Gesellschaft von weitgeschnittenen, geraden oder Schlag-Modellen. Meine Stimmung bestimmt, welcher Schnitt dran ist. Anything Goes!


© Berliner Zeitung