Ludwigsfelde: Was wird aus dem Gelände der Deutschlandhalle?
Immer wieder gibt es in kleinen Gemeinden Aufregungen und umstrittene Themen, die nur die Städter dort selbst kennen. Die Diskussionen mögen regional sein, aber sie reichen dann in ihrer Bedeutung weit über die Stadtgrenzen hinaus, weil es in anderen Kommunen ähnliche Fälle gibt.
Die sogenannte Deutschlandhalle in Ludwigsfelde und der Umgang mit dem „historischen Erbe“ sind daher ein aktuelles Beispiel ostdeutscher Empfindungen. Sie werden von den großen Medien oft nicht aufgegriffen, weil sie zu kommunal erscheinen. Aber genau dort spielt sich das Leben ab, dort werden Stimmungen erzeugt. Dort ist es wichtig, wie Martin Luther einst treffend formulierte, „dem Volk aufs Maul zu schauen“.
Zwangsarbeiter in Ludwigsfelde
Und genauso verhält es sich bei einem aktuellen Thema, das an Eskalation noch zunehmen kann. Die Geschichte der sogenannten Deutschlandhalle in Ludwigsfelde/Genshagen beginnt mit dem Aufbau des Daimler-Benz-Flugmotorenwerks in der Genshagener Heide in den 1930er-Jahren. Recherchiert man weiter, so ergibt sich folgendes Bild, was zur historischen Einordnung notwendig ist.
Das Reichsluftfahrtministerium beauftragte Daimler-Benz mit dem Bau eines Flugmotorenwerks in der Nähe Berlins; errichtet wurde das Werk seit Frühjahr 1936, und ab Februar 1937 lief dort die Produktion an. In dem Werk wurden Flugzeugmotoren der damaligen Typen DB600, DB601, DB603 und DB605 hergestellt. Auf dem Werksgelände befand sich ab 1940 eine Endmontagehalle mit dem Namen „Deutschlandhalle“.
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Diese Halle war Teil eines großflächigen Rüstungsstandorts. Mit dem Kriegsausbruch verschärfte sich der Arbeitskräftemangel im Werk. Deshalb wurden dort ab 1940 Kriegsgefangene und seit 1941 auch „Fremdarbeiter“ oder auch „Zwangsarbeiter“ in der Produktion eingesetzt; dafür entstanden auf dem Betriebsgelände und in der unmittelbaren Umgebung mehrere Lager.
Weibliche KZ-Häftlinge wurden ab November 1944 im Keller der größten Produktionshalle des Werkes, also der „Deutschlandhalle“, untergebracht. 500 Frauen „lebten“ in kleinen, abgeteilten Kellerräumen unter der Ostseite der Halle; bewacht wurden sie von SS-Aufseherinnen und Wachmannschaften aus Ravensbrück und Sachsenhausen.
Bisher keine Gedenkstätte
Die Halle wurde 1945 demontiert und abgerissen. Zu DDR-Zeiten wurde die Freifläche als Stellplatz für dort produzierte W50-Lkw genutzt. Heute stellt sich der ehemalige Standort der Deutschlandhalle als teilweise bewaldetes Wiesengelände dar. Das ehemalige Gebäude wurde wie viele Gebäude in der DDR als Altlast erklärt, abgerissen und wartet auf neuen Nutzen.
Und hier beginnen die Fragen, die sich nicht nur die Ludwigsfelder Bewohner stellen, sondern auch Bürgerinitiativen. Das Thema Zwangsarbeit wird in der Stadt durch Einzelaktionen, Initiativen, politische Gruppen und Gedenkspaziergänge getragen. Hauptkritikpunkt sind und bleiben: Warum wird dieser sensible und historisch belastete Ort so wenig sichtbar markiert, warum gibt es keine spezifische Gedenkstätte?
Vergabe an Großlogistiker?
Nun soll dieser belastete Ort, so ergeben Recherchen unserer Zeitung, ausgerechnet an einen westdeutschen Großlogistiker vergeben werden. Das Hamburger Unternehmen Garbe Industrial Real Estate ist als Immobilienentwickler international tätig und ist besonders stark beim Betreiben von Logistik- und Gewerbeimmobilien. Könnte es also sein, dass an einem sehr sensiblen Ort nun ein Hochregallager gebaut wird? Das Unternehmen hat bereits in der kleinen Stadt ein großes Grundstück im Industriepark Ost (ca. 24.000 Quadratmeter) 2022 erworben; es war Teil des früheren VEB Industriewerke Ludwigsfelde.
Darauf wurde eine Logistik- und Gewerbehalle mit rund 12.000 Quadratmetern errichtet. Zusätzlich wird in Ludwigsfelde von Garbe ein neues Logistikzentrum mit rund 10.500 Quadratmetern gebaut und vollständig an einen Autohersteller vermietet. Bis heute weiß man nicht, welcher Eigentümer hier an Garbe verkauft hat.
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Eine weitere dringende Frage ist ebenso entstanden: Wurde die Ausschreibung transparent und öffentlich gemacht? Die staatlich geführte GESA ist eine Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten. Sie kümmert sich auch in Ludwigsfelde um die Altsanierungen, die Erschließung und schließlich den Verkauf an Investoren. Bei GESA in Berlin nachgefragt, wird nur darauf hingewiesen, dass man sich bei dem Thema Fläche der ehemaligen Deutschlandhalle in Verhandlung mit einem Großunternehmen befinde und die Ausschreibung damit abgeschlossen sei.
Würde also GESA an Garbe verkaufen, würde dort wieder gebaut und weitervermietet. Wir fragten auch beim Unternehmen Garbe an, aber bekamen eine ausweichende Antwort.
Das Mindeste, was Ludwigsfelder Bürger und regionale Immobilienentwickler jetzt verlangen, ist eine faire Wiederholung der Ausschreibung und ein Denkmal, das an die dunkle Geschichte dieses Ortes im Dritten Reich erinnert. Ansonsten zementiert sich wieder einmal westdeutsche Dominanz in der kleinen Stadt.
