Waffen für Irans Kurden: Wiederholt Washington sein altes Nahost‑Muster?
Abdulla Mohtadi wählt seine Worte mit der Sorgfalt eines Mannes, der weiß, was ein falscher Satz kosten kann. „Wir könnten Städte in den kurdischen Gebieten befreien“, sagt der Generalsekretär der Komala-Partei Iranisch-Kurdistans im Exklusivinterview mit dem US-Magazin Newsweek. „Wir könnten unser Volk vor Massakern schützen, Sicherheit schaffen, und es wäre ein gewaltiger Moralschub für das gesamte iranische Volk.“ Dann fügt er den entscheidenden Nebensatz hinzu: „Wenn die Vereinigten Staaten sich entschließen, uns zu schützen und zu unterstützen.“
Dieses „Wenn“ trägt das Gewicht von fünf Jahrzehnten. Denn während der US-israelische Luftkrieg gegen Iran in seine dritte Woche geht und Washington nach Berichten von CNN aktiv mit kurdischen Gruppen über Bodenoperationen verhandelt, wiederholt sich ein Muster, das die Kurden besser kennen als jedes andere Volk der Region: Sie sollen kämpfen. Sie sollen bluten. Ob jemand da sein wird, wenn die Rechnung kommt, steht auf einem anderen Blatt.
Komplexer als alle Schlagzeilen
Mohtadis Interview offenbart dabei ein Bild, das komplexer ist als die Schlagzeilen vermuten lassen. Ja, sechs iranisch-kurdische Fraktionen haben sich trotz jahrelanger interner Fehden zu einer Koalition zusammengeschlossen – ein historischer Schritt, geboren aus der Dringlichkeit des Krieges. Ja, es gab Gespräche mit Washington. Aber nein, ein Abkommen kam nicht zustande. „Es hat sich nie materialisiert“, sagt Mohtadi. Und Trump selbst schwankte innerhalb von 48 Stunden von „Ich finde es wunderbar, dass sie das wollen" zu „Ich habe es ausgeschlossen. Ich will nicht, dass die Kurden reingehen."
Was bleibt, ist eine Situation von gefährlicher Ambivalenz. Die Revolutionsgarden bombardieren bereits kurdische Stellungen im Nordirak. Teherans neuer Oberster Führer Mojtaba Khamenei warnt vor „Teilungsplänen".
Der Irak bleibt zurückhaltend
Die irakische Regierung verbietet grenzüberschreitende Operationen. Und selbst innerhalb der iranischen Opposition tobt ein Streit darüber, ob kurdische Autonomiebestrebungen legitim sind oder die territoriale Einheit des Landes bedrohen – ein Streit, den der prominente Exil-Oppositionelle Reza Pahlavi mit dem Vorwurf des „Separatismus" auf die Spitze treibt.
Mohtadi weist das zurück. „Wir sind keine Separatisten", sagt er. Was die Kurden wollten, sei Unterricht in der Muttersprache, regionale Parlamente, ein Arrangement, das in Verhandlungen mit allen politischen Kräften Irans entstehen müsse.
Doch solche Verhandlungen setzen voraus, was derzeit niemand garantieren kann: dass die Islamische Republik tatsächlich fällt. „Für das Regime", sagt Mohtadi, „bedeutet Sieg nicht, die Amerikaner im Krieg zu besiegen. Sieg bedeutet Überleben. Wenn sie überleben, fühlen sie sich siegreich."
Es ist ein Satz, der die ganze Tragweite des Moments einfängt. Und der die Frage aufwirft, die sich durch die gesamte Geschichte der kurdisch-amerikanischen Beziehungen zieht – von Kissingers Verrat 1975 über Trumps Telefonat mit Erdoğan 2019 bis zu den Gesprächen, die heute geführt werden oder eben nicht: Wer zahlt den Preis, wenn die Strategie sich ändert?
Die Kurden und die Berge
Denn gibt einen Satz, den Kurden seit Generationen weitergeben wie eine bittere Erbschaft: „Die Kurden haben keinen Freund außer den Bergen.“ Er fasst in acht Wörtern zusammen, was ein halbes Jahrhundert Geopolitik nicht erklären konnte – oder nicht erklären wollte. Denn die Geschichte der kurdisch-US-Allianzen ist keine Geschichte der Freundschaft. Es ist eine Geschichte der Nützlichkeit.
Nun berichtet der US-Nachrichtensender CNN unter Berufung auf mehrere mit den Plänen vertraute Quellen, die CIA arbeite daran, iranisch-kurdische Kräfte zu bewaffnen, um einen Volksaufstand gegen das Regime in Teheran anzufachen. Präsident Trump telefonierte demnach persönlich mit Mustafa Hijri, dem Präsidenten der Demokratischen Partei Iranisch-Kurdistans (KDPI).
Kurdische Milizen an der irakisch-iranischen Grenze bereiten sich laut einem hochrangigen iranisch-kurdischen Funktionär auf eine mögliche Bodenoperation im Westen Irans vor. Israel greift nach Angaben einer der Quellen in den vergangenen Tagen iranische Militär- und Polizeiposten entlang der Grenze an, teilweise um die Grundlage für den möglichen Fluss bewaffneter kurdischer Kräfte nach Nordwestiran zu schaffen. Die Kurden sollen wieder einmal die Speerspitze bilden.
Wer diese Nachricht liest, ohne die Geschichte zu kennen, könnte denken: eine vielversprechende Partnerschaft. Wer die Geschichte kennt, denkt etwas anderes.
Der erste Verrat: Kissinger und die Kurden, 1972–1975
Die Urszene der amerikanisch-kurdischen Beziehung spielt sich im Nordirak der frühen Siebzigerjahre ab. Henry Kissinger, damals Nationaler Sicherheitsberater Richard Nixons, orchestrierte eine verdeckte CIA-Operation, die den kurdischen Aufstand unter Mustafa Barzani mit Waffen und Geld versorgte – kanalisiert über den Schah von Iran und unterstützt von Israel. Das Ziel war nicht kurdische Freiheit. Das Ziel war, Saddam Husseins pro-sowjetisches Regime in Bagdad zu beschäftigen, seine Armee an der Kurdenfront zu binden, seine Verhandlungsposition zu schwächen.
Der Pike-Report des US-Kongresses stellte 1976 fest, was Kissinger nie öffentlich zugab: Washington und der Schah wollten ausdrücklich nicht, dass die Kurden gewinnen. Sie sollten kämpfen – gerade genug, um Bagdad zu schwächen, aber nicht genug, um einen eigenen Staat zu errichten. Die Kurden wurden darüber nicht informiert.
Als der Schah 1975 im Algier-Abkommen seinen Grenzstreit mit dem Irak beilegte, drehte er den Kurden über Nacht den Hahn zu. Washington zog gleichzeitig den Stecker. Mustafa Barzani flehte Kissinger in einem persönlichen Schreiben um Hilfe an. Kissinger antwortete nicht. Später sagte er einem Kongressmitarbeiter den Satz, der zum Epitaph einer ganzen Beziehung wurde: „Verdeckte Aktionen sollten nicht mit Missionsarbeit verwechselt werden.“
Saddams Armee überrollte den Aufstand. Zehntausende Kurden flohen oder wurden getötet. Es war der erste große amerikanische Kurden-Verrat – und er setzte das Muster für alles, was folgen sollte.
1991: Der Aufstand, den Bush ermutigte – und dann nicht schützte
Sechzehn Jahre später, nach dem Golfkrieg gegen Saddam, erhoben sich Kurden im Norden und Schiiten im Süden des Irak. Zeitweise kontrollierten die Aufständischen vierzehn von achtzehn Provinzen. Dann schlug Saddam mit Panzern und Kampfhubschraubern brutal zurück. Die USA griffen zunächst nicht ein. Hunderttausende Kurden flohen in die Berge, Richtung Türkei und Iran.
Erst unter innen- und außenpolitischem Druck richtete die US-geführte Koalition eine Flugverbotszone im Norden ein – Operation „Provide Comfort“, später „Northern Watch“.
Truppen wurden stationiert, Flüchtlingslager errichtet, ein kurdischer Schutzraum de facto geschaffen. 1992 gründeten die kurdischen Parteien dort ein Parlament und die Kurdistan Regional Government. Es war zu spät für die Toten, aber nicht zu spät für die Lebenden.
Aus dem Schutzraum der Flugverbotszone entstand etwas, das es vorher nie gegeben hatte: eine faktisch autonome kurdische Region im Nordirak – für die irakischen Kurden einer der wenigen strukturellen Gewinne der US-Beziehung.
Aber es war ein Gewinn, der auf dem Leid von Hunderttausenden gebaut war. Und es war kein Staat.
2003: Peschmerga als Bodentruppen, Unabhängigkeit als Illusion
Im Irakkrieg 2003 kämpften kurdische Peschmerga erneut Seite an Seite mit den Amerikanern. Sie dienten als Bodentruppen der US-Koalition im Norden, sicherten Gebiete wie Kirkuk und Mossul, stellten später zentrale Kräfte im neuen irakischen Staatsaufbau. Die irakische Verfassung verankerte die Autonomie der KRG, Erbil baute eigene Institutionen, Sicherheitskräfte und außenpolitische Kontakte auf – darunter ein US-Konsulat. Manche Kurden glaubten, die Unabhängigkeit sei nur noch eine Frage der Zeit.
Sie irrten sich. Als die KRG 2017 ein Unabhängigkeitsreferendum abhielt, stellten sich die USA im Kern hinter die territoriale Einheit Iraks. Die KRG verlor durch eine irakische Gegenoffensive die Kontrolle über Kirkuk und andere umstrittene Gebiete. Washington schaute zu.
Die Botschaft war unmissverständlich: US-Unterstützung endet dort, wo sie zentrale Regionalpartner – Bagdad, Ankara – gefährdet. Die Kurden durften Partner sein, aber nicht gleichberechtigt.
Syrien 2014–2019: Helden und Bauernopfer
Nirgendwo war die Fallhöhe zwischen Kampfgefährtenschaft und Preisgabe so dramatisch wie in Syrien. Ab 2014 wurden die kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) zum wichtigsten Bodenkontingent der USA im Kampf gegen den „Islamischen Staat“. Die SDF eroberten 2017 Raqqa, die untejochte „Hauptstadt“ des sogenannten Kalifats. Sie bewachten Tausende IS-Gefangene in improvisierten Lagern. Sie zahlten mit Blut für einen Krieg, den die USA nicht mit eigenen Bodentruppen führen wollten.
Dann kam der 6. Oktober 2019. Ein Telefonat zwischen Donald Trump und Recep Tayyip Erdoğan. Danach zogen die USA ihre Soldaten von der türkisch-syrischen Grenze ab und machten eine türkische Offensive gegen die SDF möglich. Für Ankara waren YPG und SDF der syrische Arm der PKK – einer von der Türkei als Terrororganisation eingestuften Gruppe. Für die Kurden war der amerikanische Abzug ein Stich in den Rücken.
Verteidigungsminister Jim Mattis trat zurück. Er sah den Abzug als unakzeptable Preisgabe der kurdischen Verbündeten. Anfang 2026 erklärte dann der US-Sondergesandte für Syrien, Tom Barrack, der Zweck der Allianz mit den SDF sei „weitgehend abgelaufen“. Zuvor hatte die neue, US-verbündete syrische Regierung eine Militärkampagne im Norden des Landes gestartet, die auch gegen die kurdischen SDF gerichtet war.
2026: Und nun: iranische Kurden als Steigbügelhalter
Und jetzt also Iran. Laut dem CNN-Bericht befindet sich die Trump-Administration in aktiven Gesprächen mit iranischen Oppositionsgruppen und kurdischen Führern im Irak über militärische Unterstützung. Iranisch-kurdische bewaffnete Gruppen verfügen demnach über Tausende Kämpfer, die entlang der irakisch-iranischen Grenze operieren, vorwiegend in der kurdischen Autonomieregion des Irak.
Mehrere dieser Gruppen haben seit Kriegsbeginn öffentliche Erklärungen veröffentlicht, in denen sie auf bevorstehende Aktionen hindeuten und iranische Militärangehörige zur Desertion aufrufen. Die Islamischen Revolutionsgarden haben bereits mit Dutzenden Drohnen auf kurdische Stellungen geschossen.
Ein mit den Gesprächen vertrauter Beamter erklärte CNN die Idee so: Kurdische Kämpfer sollen die iranischen Sicherheitskräfte binden und festnageln, damit unbewaffnete Iraner in den Großstädten auf die Straße gehen können.
Ein anderer US-Beamter sprach davon, die Kurden könnten „Chaos in der Region säen“ und die militärischen Ressourcen des Regimes überdehnen. Weitere Überlegungen kreisten laut CNN um die Frage, ob die Kurden im Norden Irans Territorium einnehmen und halten könnten.
„Die USA versuchen eindeutig, den Prozess eines Regimesturzes durch die Iraner selbst in Gang zu bringen, indem sie die Kurden bewaffnen“, sagte Alex Plitsas.
„Wir glauben, dass wir jetzt eine große Chance haben“, sagte ein hochrangiger iranisch-kurdischer Funktionär CNN.
Fraktioniert, aber unverzichtbar
Was die aktuelle Lage besonders fragil macht, ist die innere Zersplitterung der kurdischen Bewegung. Es gibt nicht „die Kurden“ als einheitlichen Akteur. Weltweit leben schätzungsweise 25 bis 30 Millionen Kurden, verteilt auf Teile der Türkei, des Irak, des Iran, Syriens und Armeniens.
Kurdische Oppositionsgruppen gelten laut CNN als zersplittert, mit einer Geschichte von Spannungen, unterschiedlichen Ideologien und konkurrierenden Agenden.
Im Irak konkurrieren die KDP und andere politische Kräfte seit Jahrzehnten um Macht und Einfluss. Kurdische Oppositionsgruppen im Iran wie KDPI und Komala werden in den Quellen genannt; sie gelten als politisch unterschiedlich ausgerichtet und historisch nicht spannungsfrei.
Diese Fraktionierung ist kein Randproblem. Sie ist das Kernproblem. Denn eine Proxy-Strategie, wie sie in Washington diskutiert wird, setzt ein Mindestmaß an Kohärenz voraus. Waffen müssten über irakisch-kurdisches Territorium fließen – also wäre die Kooperation der kurdischen Regionalregierung im Irak erforderlich. Politische Zusagen müssten glaubwürdig sein – also bräuchte es Vertrauen, das historisch belastet ist.
Selbst US-Beamte äußern laut CNN Bedenken, ob die zersplitterte Struktur eine verlässliche Zusammenarbeit ermögliche. „Es ist vielleicht nicht so einfach, eine Stellvertretertruppe davon zu überzeugen, für Amerika zu kämpfen“, sagte ein Beamter.
US-Geheimdienstanalysen kommen laut CNN konsistent zu dem Schluss, dass die iranischen Kurden derzeit weder den Einfluss noch die Ressourcen haben, einen erfolgreichen Aufstand zu tragen. Iranisch-kurdische Parteien suchen ihrerseits politische Zusicherungen von der Trump-Administration, bevor sie sich festlegen. Die Quellen belegen jedoch nicht, aus welchem Motiv Washington solche Zusicherungen möglicherweise zurückhaltend formuliert.
Viele Beamte der Trump-Regierung haben laut CNN intern vor der Desillusionierung gewarnt, die kurdische Kräfte bei der Zusammenarbeit mit den USA in der Vergangenheit erfahren haben. „Es gibt die Sorge, dass ein gescheiterter Aufstand und ein anschließender US-Rückzug das Narrativ der Kurden-Preisgabe verstärken würde“, sagte Plitsas.
Das Muster wirkt aus kurdischer Perspektive bestechend klar. In den Siebzigerjahren wollten die USA Saddam schwächen. 1991 destabilisierten sie sein Regime weiter. 2003 betrieben sie den Sturz. Ab 2014 brauchten sie eine Bodentruppe gegen den IS. 2026 erhöhen sie den Druck auf das iranische Regime.
Ob man daraus jedoch eine eindeutig quantifizierbare Bilanz („fünfmal“) oder eine pauschale Schlussfolgerung über stets identische Endpunkte ziehen kann, wird in den Quellen nicht ausdrücklich so bewertet.
Man kann die aktuelle Entwicklung optimistisch lesen. Man kann sie als Teil einer größeren Strategie sehen.
Aber man muss sie auch mit dem Blick der Geschichte lesen.
Die Frage, die sich 2026 stellt, ist deshalb nicht, ob die Kurden kämpfen können. Die Frage ist, ob sie es noch einmal tun sollten – für eine Macht, mit der sie historisch ambivalente Erfahrungen gemacht haben.
Oder anders formuliert: Werden die Kurden erneut Teil einer amerikanischen Strategie, deren Ziele nicht zwingend deckungsgleich mit ihren eigenen sind?
Die Berge, so sagt das kurdische Sprichwort, sind ihr einziger Freund. Die Frage ist, ob das auch 2026 noch stimmt – oder ob diesmal jemand bereit ist, mehr zu sein als ein Freund auf Zeit.
Zukunft Iran: Hat der Schah-Sohn eine Chance?
