„Ein Schlag ins Gesicht“: Berliner Autozulieferer IAV droht Schließung
Die deutsche Automobilindustrie ist das bekannteste Gesicht der Wirtschaftskrise im Land. Vor allem die Autozulieferer kämpfen mit steigenden Kosten in Deutschland, dem zunehmenden Wettbewerb aus China und den Zöllen von US-Präsident Donald Trump. Seit 2018 hat die Branche rund 120.000 Jobs verloren. Nun steht mit IAV in Berlin der nächste Zulieferer vor dem Aus.Autoexperten sehen darin ein Symptom einer viel größeren Entwicklung. „Wir wissen seit Jahren, dass die deutsche Automobil- und vor allem die Zuliefererindustrie durch die Transformation von Stellenkürzungen betroffen sein wird“, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, auf Anfrage der Berliner Zeitung. Dieser Prozess werde durch die schwache Konjunktur in Europa und „externe Schocks“ wie US-Zölle oder den Iran-Krieg zusätzlich verstärkt.
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Das Berliner Unternehmen will deutschlandweit 1500 Stellen abbauen. „Das ist hart. Aber die Alternative wäre, nichts zu tun. Dann hätte das Unternehmen insgesamt keine Zukunft“, sagte Geschäftsführer Jörg Astalosch in einem Interview mit t-online vergangene Woche. Auf einer Kundgebung am Dienstag demonstrierten zahlreiche der rund 1200 Mitarbeiter von IAV in Berlin gegen die Pläne.
„Es hieß, alle Standorte sollen erhalten bleiben“, sagte die Betriebsratsvorsitzende Tanja Schneider dem RBB. Nun habe man erfahren, dass die Standorte Stollberg (Sachsen) und Berlin schließen sollen. „Das hat uns kalt überrascht.“ Sind die IAV-Pläne der Beginn einer neuen Entlassungswelle im Land?
IAV-Geschäftsführer kritisiert Bürokratie in Deutschland
Der IAV-Geschäftsführer Astalosch begründete die harten Sparmaßnahmen mit der wirtschaftlichen Lage in Europa. Die Region schwächele sehr – und auch Deutschland stecke „in ernsten Problemen“, so Astalosch. Sein Unternehmen habe sich lange Zeit sehr stark auf die deutschen Premiumhersteller konzentriert, was hervorragend funktioniert habe. „Doch in der aktuellen Marktsituation gehen die extern vergebenen Entwicklungsaufträge zurück.“
Gleichzeitig hätten viele Wettbewerber früher und konsequenter internationale Standorte aufgebaut, um ihre Kosten zu senken. „Darauf müssen wir reagieren.“
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Der Chef des Autozulieferers bemängelt vor allem die überbordende Bürokratie in Deutschland. Auf einer kürzlichen Tagung habe er erfahren, dass bei einer noch nicht fertig gebauten Autobahn schon die Geschwindigkeitsschilder stehen würden. „Das sagt sehr viel aus. Wir sind als Industriestandort extrem überreguliert“, kritisierte er. Es fehle oft die Balance zwischen Aufwand und Nutzen. Deutschland habe lange von seinem Vorsprung gelebt – „aber andere Länder holen massiv auf“.
Für ihn sei der angekündigte Stellenabbau ein „sehr schmerzhafter“ Schritt. „Gleichzeitig ist es meine Verantwortung, das Unternehmen so aufzustellen, dass es auch in fünf und zehn Jahren stark ist.“ Es gehe um Menschen, um Existenzen.
IG Metall Berlin kritisiert IAV-Stellenabbau scharf
Bei der Kundgebung in Berlin wurde das Unverständnis vieler der rund 1200 Beschäftigten deutlich spürbar. „Ich kenne leider nichts anderes in der Welt, also muss ich hierbleiben“, sagte Mario Lange, Techniker und Fahrer bei IAV, dem RBB. „Ich bin Berliner, ich bin hier verwurzelt und will hier bleiben, an meinem Standort.“ Auch Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey war bei der Kundgebung vor Ort und betonte, der IAV-Standort in Berlin und die Arbeitsplätze müssten erhalten bleiben.
Aus Sicht der IG Metall ist der angekündigte Stellenabbau von IAV ein „weiteres Alarmzeichen“ für die angeschlagene Zulieferindustrie, vor allem für die Beschäftigten. „Uns fehlt die Strategie nach vorne“, kritisiert die zweite Bevollmächtigte und Geschäftsführerin der IG Metall Berlin, Ines Beeck, auf Anfrage der Berliner Zeitung. Man müsse verhindern, dass die Mitarbeiter am Ende die Leidtragenden von Managementfehlern sind. Der Stellenabbau sei „ein Schlag ins Gesicht“.
Die Beschäftigten würden bislang kaum über ihre weitere Zukunft informiert. Die Stimmung unter den Mitarbeitern sei „so, wie man es erwartet, wenn der Arbeitsplatz bedroht ist“, erzählt Beeck. Es sei schließlich nicht nur der Job gefährdet – „da hängen ganze Familien dran, deswegen herrscht eine große Unsicherheit“. Bei einigen Beschäftigten gebe es zudem schlicht kaum noch Möglichkeiten, den Lebensmittelpunkt zu verschieben und sich einen neuen Job zu suchen. Daher brauche es jetzt Klarheit für die Beschäftigten und ein Bekenntnis zum Standort Berlin, fordert die IG-Metall-Geschäftsführerin.
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Autoexperten warnen vor weiteren Entlassungen
Die Entwicklung bei IAV ist für Branchenexperten Teil eines größeren Strukturwandels. 2017 hat eine Studie des CAM ergeben, dass bis 2030 rund 20 bis 25 Prozent der Arbeitsplätze in der deutschen Zuliefererindustrie verloren gehen werden. „Wir sind aber schon jetzt in dieser Größenordnung, und wir sind noch weit weg vom Jahr 2030“, sagt Bratzel dazu.
Der Experte warnt, dass es in den kommenden Jahren viele weitere Stellenstreichungen, Produktionsverlagerungen und auch Insolvenzen in der Branche geben wird. Im Vergleich zu 2019 seien die Neuzulassungen in Deutschland im vergangenen Jahr um 16 Prozent eingebrochen, mittlerweile würden rund 2,5 Millionen Autos weniger gebaut werden. „Und wenn weniger gebaut wird, braucht es weniger Zulieferer und weniger Menschen, die diese Teile bauen.“Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gern! briefe@berliner-zeitung.de
