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„Ficken statt Facebook“: Wie der Protest gegen Smartphones an Fahrt aufnimmt

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27.03.2026

Wer sich in letzter Zeit durch die belebteren Ecken Berlins bewegt hat, dürfte ihnen längst begegnet sein: weiße, postkartengroße Zettel, auf denen meist nur drei Wörter stehen. „Tanzen statt Twittern“, „Lieben statt Liken“ oder auch „Ficken statt Facebook“. Mit Kreppband fixiert, kleben häufig gleich mehrere davon über-, unter- oder nebeneinander an Hauswänden, Laternen oder Geländern.

Hinter der Aktion steckt die Berliner Initiative RASF – kurz für Radikale Anti-Smartphone-Front. Sie existiert bereits seit zehn Jahren und war lange kaum sichtbar. Wie der einprägsame Gruppenname bereits verrät, ist das Ziel, dem exzessiven, ausufernden Smartphone-Gebrauch in der Gesellschaft den Kampf anzusagen. Eine wahre Mammutaufgabe also. Wie soll das gelingen?

Wir haben mit dem Gründer Benno Flügel über die hehren Ziele der RASF gesprochen, darüber, wie er sie gemeinsam mit seinem Kollegen Wenzel Gerstner verfolgt – und wie ernst das alles tatsächlich gemeint ist. Außerdem ging es im Gespräch um die zahlreichen Risiken radikaler Smartphone-Nutzung und die Frage, warum man in den vergangenen Jahren so wenig von der Initiative gehört oder gesehen hat.

Herr Flügel, die RASF verfolgt das Ziel, Menschen weg von Bildschirmen zurück ins „echte Leben“ zu holen. Ist das Anbringen postkartengroßer Zettel an Laternen und Wänden dafür nicht der falsche Weg? Wäre Ihre Werbung auf Instagram, TikTok oder WhatsApp nicht besser platziert? Zu Beginn hatten wir ein paar Wochen lang eine eigene Facebook-Seite. Bis uns auffiel, dass das alles, aber nicht authentisch ist. Wenn wir als Anti-Smartphone-Front selbst auf Facebook aktiv sind, passt das nicht zusammen. Also haben wir die Seite wieder gelöscht, eine Website erstellt und unser Manifest veröffentlicht. Dann kamen die Flyer. Unser Konzept ist also Teil unserer Botschaft: Auch in einer von Social Media dominierten Zeit kann man mit Kreativität und einer Prise Witz Menschen erreichen.

Wie kamen Sie auf die Idee einer Radikalen Anti-Smartphone-Front? Das war vor zehn Jahren, als ich bei Wenzel in Lissabon zu Besuch war. Damals ist uns beiden aufgefallen, wie sehr die Leute durch ihre Handys abgelenkt sind und dass Social Media einen immensen Einfluss hat – auch wenn uns die ganze Tragweite nicht bewusst war. Als wir dann unsere ersten Schlachtrufe wie „Ficken statt Facebook“, „Lieben statt Liken“ oder „Tanzen statt Twittern“ entwickelt haben, war das zunächst eher als satirischer Impuls gedacht, um Menschen zum Lachen oder Nachdenken zu bringen. Das Ganze hatte damals etwas von den 68ern (lacht): Wir hatten ein großes Treffen im WG-Wohnzimmer mit 20 Leuten und diskutierten über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Smartphones, später wuchs unser Unterstützerkreis auf rund 50 Menschen. Dann ist das Projekt versandet. Vor gut einem Monat habe ich die RASF reaktiviert. Auch weil ich meinen Job als Berater gekündigt habe und ausgebrannt war. Deswegen hingen die Flyer jahrelang nirgendwo. Heute existiert eine Chatgruppe mit alten Unterstützern, von denen ich mir gerne mal Feedback einhole. Die Lust zu unterstützen wächst aber.

Ich habe mal nachgeschaut: Vor zehn Jahren hat Apple gerade das iPhone SE als Nachfolger des iPhone 6s vorgestellt. Mit Ihrer Kritik an Smartphones waren Sie bemerkenswert früh dran. Das stimmt, wir waren damals Mitte 20. Wenzel und ich gehören zu einer Art Scharnier-Generation: Zum einen hatten wir noch eine analoge Kindheit, zum anderen bin ich aber auch mit der Digitalisierung aufgewachsen – ich hatte einen Super Nintendo und einen Nintendo 64. Das Internet kam bei mir mit zehn oder elf Jahren, damals noch mit AOL. Wir waren also in der besonderen Lage, beide Welten hautnah erlebt zu haben. Uns ist damals schon aufgefallen: Hier stimmt etwas nicht. Dazu kam eine politische Ebene. 2016: Brexit, die Wahl von Donald Trump, Debatten über Fake News. Das hat uns ebenfalls sensibilisiert.

Wieso haben Sie sich gerade jetzt dazu entschieden, die RASF zu reaktivieren? Das waren unterschiedliche Faktoren. Wenn ich heute unser Manifest lese, bin ich selbst überrascht, wie aktuell es noch ist. Viele Probleme sind viel schlimmer geworden: Polarisierung, digitale Gewalt, psychische Erkrankungen bei Jugendlichen, sinkende Leistungsfähigkeit. Also bin ich wieder raus auf die Straße, um das direkte Gespräch mit den Menschen zu suchen.

Warum ist Ihnen dieses Thema überhaupt so wichtig? Den meisten Menschen ist es offensichtlich egal, was ihre Mitmenschen so am Smartphone treiben. Klar, ich könnte sagen: Betrifft mich nicht. Aber ich sehe mich als Teil der Gesellschaft. Diese Vereinzelung hat Auswirkungen auf uns alle, auch auf mein eigenes Leben. Technologien sind immer eine kollektive Entscheidung. Wir müssen uns fragen: Wie wollen wir als Gesellschaft damit umgehen? Es reicht nicht, wenn Einzelne aussteigen. Wir sind voneinander abhängig. Deshalb will ich die Debatte mitgestalten.

Wie reagieren Passanten auf die Flyer? Sehr positiv. Vor zehn Jahren gab es noch mehr Kritik. Von einigen wurden wir damals als technologiefeindlich bezeichnet oder als Maschinenstürmer (lacht). Heute sind 98 Prozent der Reaktionen wohlwollend. Ich war kürzlich eine Woche in Hamburg und habe täglich acht Stunden Flyer verteilt. Jeden Tag hatte ich etwa ein Dutzend Gespräche mit Menschen – und fast alle waren positiv. Natürlich gibt es immer diese paar Leute, die sich über Vandalismus beschweren, aber viele nehmen die Zettel auch mit und sehen den Sinn hinter der Aktion. Ich gehe oft zurück und schaue, wie damit interagiert wird, klebe nach, beobachte. Das sind wie kleine öffentliche Skulpturen im Stadtraum.

Acht Stunden am Tag? Wie finanzieren Sie diese Arbeit? Ich finanziere das einzig und allein aus meinen privaten Ersparnissen. Für die Aktionen in Berlin und Hamburg habe ich etwa 1500 Euro in die Hand genommen – vor allem für Unterkunft, Essen und Material. Aber: Ich bin auch Autor und verweise auf der Website auf meine Bücher. Das ist meine zusätzliche Motivation. Ich arbeite gerade an einem zweiten Roman und hoffe, ihn bei einem Verlag unterzubringen. Aufmerksamkeit hilft dabei natürlich. So viel Ehrlichkeit muss sein.

Sie teilen die Flyer sowohl am Hackeschen Markt als auch an der Möckernbrücke aus. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Orte aus, an denen Sie plakatieren? Ich habe spezielle Strategien entwickelt, auch basierend auf unseren Erfahrungen von früher. Einerseits setze ich auf neuralgische Punkte wie den Hackeschen Markt, den Rosenthaler Platz oder die Weinmeisterstraße, wo viele Menschen unterwegs sind. Andererseits gehe ich gezielt in Kieze mit Märkten, Gastronomie oder kulturellen Einrichtungen – zum Beispiel den Kollwitzplatz oder den Boxhagener Platz. Ich versuche, die Stadt überall abzudecken. Dafür fahre ich mit dem Fahrrad durch Berlin und arbeite eine Liste von vorher ausgesuchten Orten ab.

In Ihrem Manifest schreiben Sie, dass Social Media unser soziales Leben vergiftet. Was heute fast schon eine Binsenweisheit sein dürfte, war vor zehn Jahren sicher noch nicht so weitverbreitet. Nach heutigem Kenntnisstand: Wie toxisch sind soziale Medien? Ein offensichtlicher Punkt sind Hasskommentare. Aber es gibt auch subtilere Formen. Ich glaube, viele Menschen fühlen sich heute weniger gesehen. Social Media schafft eine sichtbare Hierarchie. Ganz oben stehen Superstars wie Cristiano Ronaldo oder Beyoncé, darunter eine breite Masse mit wenig Aufmerksamkeit. Früher war das eher wie eine Zwiebel mit vielen Schichten, heute ist es eine steile Pyramide. Aufmerksamkeit verteilt sich anders. Und dadurch verlieren viele Menschen das Gefühl von Anerkennung – im Alltag, im Verein, in der Familie. Das ist soziales Gift.

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Anhand der Flyer lässt sich bereits erahnen, worauf Sie aus sind. Aber was ist Ihre konkrete Forderung? Erstens: Smartphones sollen Werkzeuge sein, mit denen man Zeit spart – nicht verschwendet. Zweitens: Wir rufen Menschen dazu auf, ihr Smartphone regelmäßig auszuschalten und echte Gemeinschaft zu erleben – am Küchentisch, im Verein, in der Schule. Dazu kommen unsere Slogans wie „Exit Social Media“, „Regulate Big Tech“ oder „weSociety instead iPhone“. Es geht darum, Menschen wieder als gesellschaftliches Subjekt zu begreifen – nicht als vereinzelte Individuen vor Bildschirmen.

Es geht also um den bewussten Umgang jedes Einzelnen mit dem Smartphone. Gibt es auch politische Forderungen? Jein. Wir wollen keine parteipolitische Organisation sein und keine Lobbyarbeit machen. Es geht uns vor allem darum, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Aber „Regulate Big Tech“ ist schon eine klare Forderung. Die Tech-Konzerne müssen stärker reguliert werden.

Gerade diese Woche hat ein Geschworenengericht in den USA Instagram und YouTube für die Suchterkrankung einer jungen Frau haftbar gemacht und Meta und Google zu insgesamt drei Millionen Dollar Schmerzensgeld verurteilt. Welche Rolle spielen Tech-Konzerne generell in Ihrem Kampf gegen das Smartphone? Die Konzerne wissen, dass ihre Produkte süchtig machen. Und sie wissen auch, warum. Es gibt unzählige A/B-Tests, um Features in den Anwendungen zu optimieren, die Nutzer möglichst lange binden. Ich habe VWL studiert, und ein gutes Bild dafür ist das Marshmallow-Experiment: Kinder können ein Marshmallow sofort essen oder zwei bekommen, wenn sie warten. Smartphones sind ein permanentes Marshmallow-Experiment in der Hosentasche. Viele Menschen wollen ihr Nutzungsverhalten ändern – schaffen es aber nicht, weil die Systeme genau darauf ausgelegt sind.

Konnten Sie mit der RASF bereits konkrete Erfolge verzeichnen? Durchaus! Vor zwei Tagen hat uns eine Hamburgerin geschrieben, wir seien der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat – nach eigenen Angaben hat sie all ihre Social-Media-Accounts gelöscht. Und wir bekommen täglich Nachrichten von Menschen, die uns unterstützen. Für uns ist das Erfolg: wenn Gespräche entstehen und eine Debatte angestoßen wird. Ich glaube nicht, dass Verbote die Lösung sind. Entscheidend sind Aufklärung und Medienkompetenz.

Gibt es konkrete Ziele für die Zukunft? Kurzfristig wollen wir die Kampagne in andere Städte tragen – auch europaweit. Wir haben bereits französische Slogans entwickelt, weitere Sprachen folgen. Langfristig geht es um größere Ziele: weniger psychische Erkrankungen bei Jugendlichen, weniger Hass. Für eine stabile Demokratie.

Wie realistisch ist das? Man muss Optimist sein. Natürlich kann man sagen, das ist eine Schnapsidee. Aber es ist eine Aktion, die Spaß macht. Ich freue mich darauf, mit Menschen in ganz Europa ins Gespräch zu kommen. Und ich halte es mit Gandhi: Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.


© Berliner Zeitung