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Grüne Auen, Kinderbanden und Internetkurse für Oma: Was Marzahn-Hellersdorf von einer Siedlung in Leipzig lernen kann

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11.01.2026

In der Nacht zum Valentinstag erschütterte ein lauter Knall die Alte Salzstraße. Gegen 1.20 Uhr zerschlugen die Täter die Glasscheibe der Eingangstür der alten Kneipe im Leipziger Ortsteil Grünau. Dann verwüsteten sie den Innenraum und zerstörten zwei Spielautomaten. Plötzlich brannte es. Die Randalierer ergriffen die Flucht – und blieben unerkannt.

Heute, zehn Monate später, ist von der Verwüstung in der Kneipe an der Alten Salzstraße nichts mehr zu sehen. Mitarbeiter – und Gäste – haben alles wieder aufgebaut. Auch Davina Ben-Khalifa. Sie ist Stammgast in der Kneipe und schrubbte die Toiletten, um sie vom Ruß zu befreien. „Wir halten alle zusammen. Egal wer kommt, egal was passiert“, sagt sie in feinstem Sächsisch.

In Leipzig-Grünau wurde vor fast 50 Jahren eine der größten Plattenbausiedlungen der DDR gebaut. Wie auch im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf fand die Grundsteinlegung Mitte der 70er-Jahre statt. Die Siedlung besteht aus acht Wohnkomplexen, die ursprünglich für rund 100.000 Einwohner konzipiert waren. In der Spitze hatte die Großwohnsiedlung in den 1980ern rund 85.000 Bewohner. Der Stadtteil verlor bis 2010 mehr als die Hälfte seiner Einwohner, tausende Wohnungen wurden abgerissen. Der Stadtteil am westlichen Stadtrand Leipzigs ist sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und erstreckt sich über eine Fläche von 4,5 Kilometern in Ost-West-Ausdehnung mal 2,5 Kilometern in Nord-Süd-Ausdehnung.

Mitten durch die Wohnkomplexe führt die Alte Salzstraße, ein breiter Weg, der in Teilabschnitten nur für Fußgänger und Fahrradfahrer zugänglich ist. Der Name erinnert an alte Handelswege, über die Salz von früheren Salinen über die Region nach Leipzig transportiert wurde. Sie verläuft als durchgehende Ost-West-Achse – vom östlichen Teil Grünau-Ost bis zum westlichen Rand bei Lausen-Grünau und WK 8. Nach dieser Straße wurde auch die Kneipe benannt, in der Davina Ben-Khalifa ab und zu gern ein Bierchen trinkt.

„Grünau wird in Leipzig als Ghetto beschimpft. Das ist so“, sagt die Bardame in der Alten Salzstraße. Stammgast Davina Ben-Khalifa, die von der Barfrau als „Lieblingszecke“ bezeichnet wird und in ihren 40ern ist, pflichtet ihr bei. Die „Salle“, wie sie sie liebevoll nennt, sei eine Ghettokneipe. Früher sei die Bar, die es sei 1984 gibt, aber eine Nazikneipe gewesen. Überhaupt seien in Leipzig-Grünau viele Nazis unterwegs gewesen – vor allem hinten in WK 7 und 8. Beide Begriffe prägen Leipzig-Grünau bis heute. Auch andere Bewohner reden davon. Mit den Ausländern sei es hier manchmal etwas herzhaft, sagt beispielsweise ein älterer Herr an seiner Haustür. „Aber wir haben es ja so gewollt.“

Tatsächlich zogen in den letzten Jahren immer mehr Migranten in den Bezirk. Die Situation ist vergleichbar mit der in Marzahn-Hellersdorf. Im gesamten Stadtbezirk Leipzig West hat sich ihr Anteil innerhalb weniger Jahre auf derzeit 25 Prozent erhöht. Im Ortsteil Grünau-Mitte ist der Anteil auf 36 Prozent gestiegen. Aus einer Langzeitstudie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung geht hervor, dass zwei Drittel der 54 Befragten mit nichtdeutscher oder doppelter Staatsbürgerschaft seit höchstens fünf Jahren in Grünau wohnen, die übrigen etwas länger.

Mehr als die Hälfte der Befragten mit nichtdeutscher oder doppelter Staatsbürgerschaft (58 Prozent) würde demnach auch einem guten Freund raten, nach Grünau zu ziehen. Begründet wird dies mehrheitlich mit guten Versorgungsangeboten und bezahlbaren Mieten. Eine mögliche Erklärung für die überdurchschnittlich positive Bewertung könne die kurze Wohndauer in Leipzig-Grünau sein: Alteingesessene Bewohner nähmen Veränderungen im Stadtteil möglicherweise kritischer wahr, da sie frühere Bedingungen........

© Berliner Zeitung