„Ostdolce Vita“: Bildband über Sachsen wird zum Überraschungserfolg
Einen Sommer lang sind Justus Geilhufe und Tobias Westen durch Sachsen gereist. Der sächsische Pfarrer und der in Westfalen geborene Fotograf haben eine Reise durch den ostdeutschen Alltag unternommen, sind in Werkstätten, Wohnzimmern, auf Friedhöfen und Straßen unterwegs gewesen. Das Ergebnis: der Bildband „Ostdolce Vita“ mit Fotos und Texten auf 156 Seiten.Das kleine Büchlein erschien im vergangenen Dezember – und es hat hohe Wellen geschlagen. Wohl auch, weil „Ostdolce Vita“ einen unverstellten Blick auf den Osten Deutschlands und speziell auf Sachsen richtet. Mit viel Charme zeigt das Buch ein anderes Bild einer oft gescholtenen und ebenso oft missverstandenen Region.
Dass die beiden Verfasser auf Instagram zehntausende Follower haben und ziemlich coole Werbung für ihr Werk machten, tat das Übrige. In Nullkommanichts war die erste Auflage ausverkauft.
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Pfarrer Geilhufe, 1990 in Dresden geboren, bezeichnet sich selbst als Ost-Influencer. In einem Interview sagte er kürzlich, an manchen seiner Mitbürger im Osten störe ihn das Gejammere. Er wirbt lieber für ein positives Bild: „Es gibt für die schlechte Laune hier keinen Grund. Hier werden Unternehmen gegründet, die Kita-Dichte ist hoch, die Leute haben zwei Autos vor dem Eigenheim stehen.“
Ehrliche, praktische Schönheit
Das Bild einer nach vorn gewandten, anpackenden Region zeigt auch der Kunstband „Ostdolce Vita“. Der Fotograf Tobias Westen, der in den USA aufwuchs und heute in der Schweiz lebt, ist durch seinen Job in der ganzen Welt unterwegs. Vor Jahren war er für ein Kinderbuchprojekt in Thüringen bei Kunsthandwerkern: Pfeifenmacher, Glasbläser, Hersteller von Weihnachtsschmuck. Er sagt, dabei habe er zum ersten Mal diese „ehrliche, praktische Schönheit entdeckt – und auch einen gewissen ostdeutschen Stolz. Das hat mich fasziniert“.
Dann fielen ihm beim Scrollen durch seinen Social-Media-Feed überall nostalgische Italienbilder auf: sanfte toskanische Hügel, bröckelige Hausfassaden, die Nonna, die die Pasta noch selbst macht. Er fragte sich, warum alle das so feiern, aber nicht sehen, dass es hier eine ähnliche Schönheit gibt. Nicht inszeniert, nicht für Instagram hergerichtet, sondern einfach da. „Genau das habe ich im Osten Deutschlands oft gespürt – und das haben wir in unserem Bildband eingefangen.“
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Im Juli und August 2025 waren Justus Geilhufe und Tobias Westen in Meißen, Großschirma, Freiberg und Bautzen unterwegs. Die schöne Stimmung der Sommermonate war dem Fotografen wichtig: „Damit es nicht so graue Klischeebilder werden.“
Porträts zupackender Persönlichkeiten
Im Buch sind viele Porträts zupackender Persönlichkeiten versammelt. Von Nora Seitz aus Chemnitz zum Beispiel, Fleischermeisterin in vierter Generation und seit 2025 Bundestagsabgeordnete für die CDU. Von Christian Neuber, der in seiner Manufaktur in Seiffen traditionelles Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge weiterführt. Von einem syrischen Geflüchteten, der heute als ITler arbeitet und richtig angekommen ist in Sachsen.
Oder von der Wirtin im Imbissstübl „Zum Borkenkäfer“. Das Stübl sind genau genommen zwei Container auf einem Waldparkplatz in Brand-Erbisdorf, in denen mit viel Herzlichkeit einfache Küche serviert wird: Bier, Currywurst, Leber mit Kartoffelstampf. Tobias Westen erlebt in seinem Fotografenalltag oft Skepsis, wenn er jemanden ablichten möchte. Die Imbisswirtin aber habe sofort zugestimmt: „Dieses Gesehenwerden, diese Freude daran, dass jemand ihre tägliche Arbeit wertschätzt – das war für mich einer der schönsten Momente.“
Die Bilder sprechen für sich, sie wollen nichts beweisen oder erklären. Er sei nicht mit dem Anspruch losgegangen, ein bestimmtes Bild über den Osten zu widerlegen, sagt der Fotograf. „Ich wollte beobachten – und das zeigen, was ich sehe.“ Vorgefunden habe er praktische, uninszenierte Schönheit. „Es wird viel gemeckert, ja – aber gleichzeitig ist man stolz auf das Eigene. Das fand ich großartig.“
Dass ihr Buch innerhalb kürzester Zeit vergriffen war, war für die Verfasser die größte Überraschung. Sie hätten eine viel größere Auflage wagen können. „Alle Exemplare waren am zweiten Tag restlos ausverkauft. Ich musste aufpassen, dass ich noch ein paar für meine Familie übrig behalte“, erzählt Tobias Westen. Den Erfolg von „Ostdolce Vita“ erklärt er sich so: „In einer Welt, die immer globaler wird und in der wir tagtäglich vorgezeigt bekommen, dass es an anderen Orten schöner und lebenswerter ist als bei uns in den eigenen vier Wänden, wächst vielleicht auch die Sehnsucht danach, mit dem, was man hat, zufrieden zu sein – egal, wie banal das eigentlich sein mag.“
Der Stolz und die Verbundenheit zur eigenen Region bekomme „bei all den digitalen Nomaden, die uns weismachen wollen, wie schön es ist, nirgends beziehungsweise überall zu Hause zu sein, eine neue Bedeutung“. Zwar könne man die Welt erkunden, keine Frage: „Aber ich bewundere auch all die Menschen, die zu 100 Prozent damit zufrieden sind, wenn sie einfach nur zu Hause mit ihren Freunden, die sie schon seit 50 Jahren kennen, in der Stammkneipe ein kühles Bier trinken und sich Anekdoten aus vergangenen Tagen erzählen.“
Eine zweite Auflage ist derzeit nicht geplant. Er habe das Buch nicht gemacht, um daraus den größten Profit zu schlagen, sagt Westen. „Dieses Buch sollte für mich ein Kunstprojekt sein, an dem ich einfach Spaß habe. Wenn sich daraus nun weitere Möglichkeiten ergeben, die mir genauso viel Spaß bereiten, werde ich sicher nicht Nein sagen. Nichtsdestotrotz habe ich noch ganz viele weitere Projekte, die ich gerne umsetzen möchte, und darauf freue ich mich genauso sehr wie über den Erfolg von ,Ostdolce Vita‘.“
