Charli xcx: „Brat“ ist tot, lang lebe „Brat“!
Charli xcx widersetzt sich Popstar-Konventionen und dehnt mit „Brat“ bewusst die Grenzen des Mainstream-Hypes aus.
Sie thematisiert in Musik und Film die sexistische Erwartung, dass weibliche Popstars sich ständig neu erfinden müssen.
„Brat“ steht für zeitlosen Pop, der jenseits von Hype und Überdruss immer wieder relevant bleibt.
Charli xcx veröffentlichte 2024 das Album „Brat“ und ein Remix-Album.
Sie ist an neun Filmprojekten beteiligt, darunter „Wuthering Heights“ und „The Moment“.
Charli xcx gewann mehrere Grammys und wurde Mainstream-Popstar.
Charli xcx widersetzt sich Popstar-Konventionen und dehnt mit „Brat“ bewusst die Grenzen des Mainstream-Hypes aus.
Sie thematisiert in Musik und Film die sexistische Erwartung, dass weibliche Popstars sich ständig neu erfinden müssen.
„Brat“ steht für zeitlosen Pop, der jenseits von Hype und Überdruss immer wieder relevant bleibt.
Charli xcx veröffentlichte 2024 das Album „Brat“ und ein Remix-Album.
Sie ist an neun Filmprojekten beteiligt, darunter „Wuthering Heights“ und „The Moment“.
Charli xcx gewann mehrere Grammys und wurde Mainstream-Popstar.
Taylor Swift tut es, Beyoncé tut es, Harry Styles tut es. Ihr checkt: Jede:r tut es. So gut wie alle mittelgroßen bis großen Popstars bedienen ihre Fans in Form von fein säuberlich kuratierten „Eras“. Das heißt, mit jedem Album liefern sie eine neue, weiterentwickelte oder ganz andere Ästhetik, ein in sich abgeschlossenes Narrativ, im besten Fall einen neuen Look und – natürlich am wichtigsten – einen neuen Sound.
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Obwohl so manche Männer mittlerweile auch in „Eras“ denken, besteht der Anspruch, sich ständig zu wandeln, vor allem gegenüber Frauen: Sie dürfen nie gleich bleiben, denn das wäre immerhin „langweilig“ und zeuge von fehlender „künstlerischer Vision“, heißt es da hin und wieder von Facebook-Boomern oder Kulturkritikern, wenn eine Frau zwei Alben mit demselben Sound veröffentlicht. Klar, Ausnahmen wie Lana Del Rey bestätigen die Regel, aber bei vielen anderen lässt sich all das so oder so ähnlich beobachten.
Eine, die seit dem verheißungsvollen Sommer 2024 auf alle Popstar-Regeln pfeift, ist Charli xcx. Mit ihrem Album „Brat“ schaffte sie den Sprung vom Liebling der queeren Hyperpop-Fans in den ultimativen Mainstream und landete mit einem Album über Kokain (ok, nicht nur) direkt in Kamalas Präsidentschaftskampagne. Seitdem ist bei Charli so einiges passiert: Sie veröffentlichte ein viel beachtetes Remix-Album, sackte Grammys ein und wurde zum Fixpunkt auf allen großen roten Teppichen.
„Brat“ als Popkultur-Experiment
Ein anderer Popstar hätte das große Momentum vermutlich genutzt, um noch während der Erfolgswelle von „Brat“ ein neues Projekt samt neuer Ära anzukündigen, das die Mainstream-Crowd bei Laune hält. Oder hätte sich zurückgezogen, um nicht zu hungrig zu wirken.
Charli xcx hat sich anders entschieden und machte aus all dem ein Popkultur-Experiment. Sie wollte herausfinden, wie sehr man einen Moment in die Länge ziehen kann und darf, ohne dafür abgestraft zu werden. Bei einer Show fragte Charli ihre Fans: „So tell me the truth, will you hate me if I stick around?“ Auf Instagram schrieb sie, dass sie die „tension of staying too long“ spannend finde.
Genau das passiert weiblichen Popstars nämlich oft: Die sexistische Logik der „Overexposure“ besagt, dass eine Frau in der Öffentlichkeit nicht zu „nervig“ und „penetrant“ (also einfach nur präsent) sein darf, denn sonst wendet sich das Publikum von ihr ab. Das Komische an der Sache: So etwas hört man nur selten über männliche Artists wie Coldplay oder Schauspieler wie Jacob Elordi.
„The Moment“: Wann wird ein künstlich am Leben erhaltener Hype peinlich?
Vor gut einem Jahr sagte Charli xcx in einem TikTok, dass sie nicht bereit sei, „Brat“ loszulassen, weil es zu einem so großen Teil ihres Lebens geworden sei. „Ich habe (...) darüber nachgedacht, dass, wenn man einen gewissen Erfolg erreicht, die Leute wollen, dass man verschwindet, was ich durchaus nachvollziehen kann“, so Charli in dem Video. Sie sei eigentlich eine Anhängerin dieser Denkweise und finde es „cool“, wenn jemand erst hyper-präsent ist – und dann einfach verschwindet.
Aber auch heute ist keine Spur von Loslassen und Verschwinden: Aktuell flattert Charlis Name durch die Credits ganzer neun Filmprojekte. Einer davon ist der vieldiskutierte „Wuthering Heights“, für den Charli ein tolles und an vielen Stellen überraschend poppiges Companion-Album geliefert hat. Viel wichtiger ist hier aber ihr Film mit dem treffenden Titel „The Moment“, eine Mockumentary, in der sie sich selbst spielt – und die die große Frage behandelt, wie sehr ein popkultureller Moment ausgeschlachtet und ausverkauft werden darf, ohne zur verzweifelten Shitshow einer Person zu werden, die sich an ihrer besten Zeit festkrallt.
Brat Summer is forever
Im Trailer für „The Moment“ ist Kylie Jenner zu hören: „The second people are getting sick of you, that’s when you have to go even harder!“ Eine Attitüde, die in der heutigen Mainstream-Popkultur, die schnell abstraft, viel zu kurz kommt. Und die am Ende des Tages doch inhärent „Brat“ ist. „If you love it, if you hate it, I don’t fucking care what you think“, singt Charli immerhin auf dem Album-Opener „360“.
Ihr zur Schau gestellter Kampf mit dieser görigen Behauptung ist die beste Pop-Nabelschau seit langem. Bleibt nur zu hoffen, dass ihre jüngsten Aussagen, „Brat“ sei jetzt endgültig vorbei und „The Moment“ sei der Abschluss des Albumzyklus, nur eine Moment-Aufnahme sind.
In dieser ganzen Debatte gibt es nämlich eine Sache, die vergessen wird: Es gibt da auch noch etwas zwischen den beiden Extremen „Hype“ und „Over“. Es gibt zeitlosen Pop. Und genauso, wie Mariah Carey ihre Stimmbänder ölt, sobald die Temperaturen ins Minus purzeln, wird „Brat“ immer wieder perfekt für den Moment sein, wenn der Sommer startet, man das erste Mal ohne Jacke und – noch wichtiger – ohne BH rausgeht und sich gegen jedes Wissen und Gewissen eine Zigarette anzündet.
Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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Far Out Magazine: Stop demanding silence from female artists: The misogynistic argument of ‘overexposure’
Cosmopolitan: Charli XCX Admits She Isn’t “Ready” to Let Go of ‘Brat’ Summer
The Guardian: Goofy! Pouty! Unvampy! With nine films on the go, can Charli xcx act?
