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Hoch lebe die Freundinnenschaft!

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08.03.2026

Eva Sager: „Ich habe meine Freundinnen, also bin ich“

Wirklich real werden die Dinge in meinem Leben erst, wenn ich sie meinen Freundinnen erzählt habe. Die ganz großen Sachen – „ich habe gerade den Mietvertrag unterschrieben“ – genauso wie die kleinen – „ich glaube, meine Hausverwaltung hat mich abgezogen, da gibt’s überhaupt keinen Keller.“ Sie sind meine Zeuginnen, waren bei jedem Fest, jedem Nervenzusammenbruch dabei, erlebten jedes Ende, jeden Neuanfang mit mir mit.

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Philosophin Hannah Arendt sagt, in Freundinnenschaften verbindet einen das gemeinsame Interesse an der Welt. Diese Übereinstimmungen werden mit der Zeit immer deutlicher, sie entwickeln sich und werden zu einer kleinen Oase. Bei ihr sind Freundinnenschaften keine banalen privaten Verschwisterungen, sondern eine politische Praxis und der Grundstein für eine solidarische Gesellschaft.

Meine Freundinnenschaften sind dafür der beste Beweis. Egal wie düster diese Welt momentan auch aussehen mag, durch meine Freundinnen weiß ich, dass es da draußen ganz viel Gutes gibt. Sie sind für mich der Inbegriff von feministischer Solidarität, von Verständnis und Lebensfreude. Alles, was ich über diese Welt weiß, habe ich durch meine Freundinnen gelernt. Sie sind der Ort, an dem ich mich zuhause fühle.

Wenn ich im Kaffeehaus alte Damen sehe, die sich gemeinsam einen Spritzwein nach dem anderen hinter die Binde kippen und danach mit ihren Rollatoren kichernd auf die Toilette wanken, sage ich zu meinen Freundinnen: „Wir in vierzig Jahren.“ Freundinnenschaften geben einem Sicherheit. Und die Gewissheit, dass das hier nicht alles umsonst ist.

Alles, was ich über diese Welt weiß, habe ich durch meine Freundinnen gelernt.

Am feministischen Kampftag will ich also auch Folgendes feiern: Die Bauchschmerzen, die ich vor lauter Lachen mit meinen Freundinnen bekommen habe. Den Stolz, wenn eine von ihnen ihr Gegenüber wieder einmal mit eleganter Wucht in den Boden argumentiert hat. Das Vertrauen, wenn sie mich auf der Tanzfläche im Club in ihre Mitte gezogen haben, weil ein Mann meinen Hintern mit einem Reibebaum verwechselt hat. Die Zufriedenheit, wenn sie Marty Supreme genauso scheiße gefunden haben wie ich.

Jane Fonda hat in einem Interview einmal gesagt: „I don't know what I would do without my women friends. I have my friends, therefore I am.“ – „Ich weiß nicht, was ich ohne meine Freundinnen machen würde. Ich habe meine Freundinnen, also bin ich.“ Mir geht es genauso: Wirklich real werden Dinge erst, wenn ich sie meinen Freundinnen erzählt habe.

Die ganz großen Sachen – „wie steht ihr zum neuen Charli xcx Album?“ – genauso wie die kleinen – „schaut’s, ich habe einen Text über euch geschrieben!“

Eva Stanzl: Freundinnen fürs Leben

Ich habe mehr gute Freundinnen als ich an einer Hand abzählen kann, und ohne sie wäre das Leben weniger schön. Wir ermuntern, ermutigen und trösten einander, denken gemeinsam über die Dinge unseres Lebens und des Lebens der anderen nach, geben einander neue Perspektiven und unterstützen einander dabei, die Monster der Erde auf ihre natürliche Größe zu reduzieren. Neben persönlichen Themen reden wir über Politik und den Job, Kunst, Kleidung und unsere Partner und Dates, helfen einander beim Übersiedeln, fahren gemeinsam auf Urlaub und teilen Interessen. Die Gesellschaft meiner Freundinnen entspannt mich und wir bringen einander zum Lachen. Meine Freundinnen tragen mich auch gewissermaßen durch mein Leben. Gleichermaßen hinterlässt es mich schlaflos, wenn es einer von ihnen schlecht geht.

Freundschaft ist eine freiwillige Verbindung, die auf gegenseitiger Zuneigung, Vertrauen und Sympathie beruht, und eine tiefe Beziehung zwischen Menschen. Gibt es einen Unterschied zwischen Frauen- und Männerfreundschaften? An dieser Stelle wäre es ein spannendes Abenteuer, wie eine Yogini in die seelische Verfassung des anderen Geschlechts schlüpfen zu können. Wären dann die Frauen komplexe Gewebe und die Männer eindimensionale Scheiben? Ich glaube das eher nicht.

Zwar führen manche Männer ins Treffen, dass sie weniger über ihre Gefühle reden als Frauen. Aber das muss nicht heißen, dass Nähe an sich für sie einen geringeren Stellenwert hat, sondern es kann bedeuten, dass sie gelernt haben, ihre Emotionen anders zu kommunizieren. Viele Männer zeigen sich außerdem direkt sowie ziel- und lösungsorientiert in ihrer Kommunikation, während für viele Frauen die Lösung ein Weg zu sein scheint, der damit beginnt, über ein Problem zu reden. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob Frauenfreundschaften tatsächlich „emotionaler“ oder „intimer“ sind, und ob Männerfreundschaften sich darin erschöpfen, schweigend gemeinsamen drei bis vier Krügerl zu trinken. Ganz sicher labern doch auch sie dabei über alles Mögliche, auch über uns – so wie wir über sie.

Meine Freundinnen tragen mich auch gewissermaßen durch mein Leben.

Freundschaft als „Männersache“?

Historisch gesehen wurden harte Trennlinien zwischen Frauen- und Männerfreundschaften gezogen. Lange wurde nämlich geglaubt, nur Männer könnten die perfekte Freundschaft eingehen. In seinem Essay „Über die Freundschaft“ schrieb der Dichter Michel de Montaigne, „dass in Wahrheit das geistige Vermögen der Frauen gewöhnlich den Anforderungen des engen Gedankenaustauschs und Umgangs nicht gewachsen ist, aus denen der heilige Bund der Freundschaft hervorgeht“. Es gab sogar eine Frau, die diese Sichtweise noch untermauerte: Die englische Adelige, Wissenschaftlerin und erste Science-Fiction-Autorin Margaret Cavendish schrieb im 17. Jahrhundert, dass weibliche Gehirne „zu schwach“ seien, um „die komplexen Anforderungen einer Freundschaft zu bewältigen“.

Die literarische Strömung, die im 18. Jahrhundert als „Epoche der Empfindsamkeit“ bekannt wurde, stellte dem rationalen Verstand der Aufklärung das Gefühl entgegen. Man beschrieb auch hingebungsvolle, sinnlich-romantische Frauenfreundschaften. Die dann im Laufe des 20. Jahrhunderts als „Schwärmereien“ und nachgerade als schlechter Umgang abgetan wurden.

Gute Freundin, schlechte Freundin

Die Entwicklung der gesellschaftlichen Sicht auf Frauenfreundschaften zeichnet die britische Kulturhistorikerin Tiffany Watt Smith in ihrem neuen Buch „Gute Freundin, schlechte Freundin“ nach. Selbst heute noch ist die Wahrnehmung von Freundinnenschaften nämlich voller Vorurteile. Nach wie vor wird tatsächlich geglaubt, dass Frauen unzertrennliche Besties sein müssen, die einander alles erzählen. Oder konkurrenzgesteuerte Intrigantinnen, die, wenn es um Männer geht, keine Skrupel hätten, einander in den Rücken zu fallen. Oder dass Frauen ihre Freundinnen kurzerhand aufs Abstellgleis schieben, wenn sie Mütter werden.

Keine Frage: Das gibt es. Doch auch Freundschaften unter Frauen sind nicht nur Produkte des Herzens, sondern auch der Sozialisation. Und es ist selbst heute noch ziemlich viel Arbeit, einen Mann zu finden, der versteht, dass wir gerne Zeit mit unseren Freundinnen verbringen, und dass nährende Freundinnenschaften auch jenen Ausgleich herstellen können, der zum Glück in einer Beziehung beitragen kann.

Im Übrigen könnten aktuell in der Generation X, der ich angehöre, die Freundinnen als Rettungsanker in Existenzkrisen besonders gefordert sein. Denn viele Frauen ab dem Alter von Mitte 50 sehen einer Zukunft der Altersarmut entgegen, weil Arbeitgeber:innen lieber jüngere Menschen beschäftigen und Ältere keine Jobs mehr bekommen. Und das ist eine Lage von großer Ernsthaftigkeit, die sich derzeit besonders in den Medien-, Kreativ- und Eventbranchen abzeichnet, und die auch mit psychischen Krisen einhergehen kann, insbesondere bei Alleinstehenden. Und da können Freundinnen helfen.

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