„Ich bin noch hier, am Leben“
Dieser Artikel behandelt Gewalt und Tod. Der Inhalt kann belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.
„Vielleicht werde ich jetzt sterben“, denkt Sam Askari. Er ist 16 Jahre alt, liegt neben seinem Tisch im Klassenzimmer, die Arme auf dem Boden überkreuzt, die Stirn auf den Armen abgelegt. Er hört die Schritte des Mannes mit der Pistole. Wie „ein Monster aus einem Computerspiel“, wird Sam Askari den Amokläufer später beschreiben. Schwarze Handschuhe, schwarze Stiefel, schwarze Brille. Es ist der 10. Juni 2025, in Graz.
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Sam denkt daran, dass er als Rapper noch so viel vorhat. An Songs, Bühnen, an ein Leben voller Musik. Er denkt, dass er zu jung ist, um jetzt zu sterben. Dass seine Eltern nicht wegen ihm traurig sein sollen. Am Vortag war er noch mit ihnen in München gewesen, in der Pause hat er seinen Freund:innen stolz die Fotos vom Ausflug gezeigt. Sam denkt an Gott – an den er eigentlich nie so wirklich denkt, aber jetzt schon. Und er denkt an die angebissene Wurstsemmel in seinem Rucksack: „Warum habe ich sie nicht aufgegessen?“ Nur einen Bissen mehr hätte er gerne gehabt. Dann denkt er, dass Sterben vielleicht so ist wie Einschlafen. Also dreht er den Kopf zur Seite, seine übliche Schlafposition. Dann plötzlich „das grelle, schmerzhafte Weiß“.
Die Kugel trifft Sam Askari in den Kiefer. Weil er seitlich liegt, verfehlt sie seinen Schädel. Sam bleibt bei Bewusstsein. „Ich wollte wach bleiben“, erinnert er sich. Er habe daran gedacht, dass er seinen Namen sagen muss, damit die Leute wissen, wer er ist. Damit sie ihn nicht für tot halten. Und er wollte wach bleiben, um anderen vielleicht noch helfen zu können. „Aber ich habe es leider nicht geschafft, jemandem zu helfen, weil ich selber eigentlich Hilfe brauchte“, sagt Sam heute, neun Monate nach dem Amoklauf am BORG Dreierschützengasse. Dort ermordete ein 21-jähriger ehemaliger Schüler zehn Menschen, bevor er sich selbst das Leben nahm. Das jüngste Opfer war 14 Jahre alt. Elf weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Einer von ihnen ist Sam Askari.
Zwei Tage lang lag er im Koma. In dieser Zeit träumte er. Vom Schachspielen. „Ich habe von Garri Kasparow geträumt, einem der besten Schachspieler auf der ganzen Welt. Und ich habe gegen ihn gewonnen.“ Sam lacht, wenn er das erzählt. Für ihn hat der Traum eine Bedeutung: „Ich glaube, das heißt: Dass ich noch viel besser sein kann und noch viel mehr draufhabe, als ich jetzt denke.“
Sam Askari hat den Amoklauf am BORG Dreierschützengasse überlebt. An diesem Montag neun Monate danach schlendert er durch die Grazer Innenstadt, mit den schwarzen Kopfhörern auf den Ohren. Daraus tönt oft sein Lieblingssong: „The Real........
