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Der unsichtbare Preisschock: Wie der Iran-Krieg unser Essen verteuert

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24.03.2026

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Der unsichtbare Preisschock: Wie der Iran-Krieg unser Essen verteuert

24. März 2026 | Oliver Stock

In Wittenberg entscheidet sich, was bald im Supermarkt passiert. Steigende Gaspreise treiben Düngerpreise nach oben und setzen eine Kettenreaktion in Gang, die Verbraucher erst mit Verzögerung trifft, dann aber umso härter.

Frühmorgens in Wittenberg. Hinter meterhohen Rohrleitungen zischt es leise, Dampfwolken steigen in den grauen Himmel, irgendwo schlägt ein Ventil. Es ist ein Ort, an dem Energie nicht abstrakt ist, sondern hörbar, sichtbar, messbar wird: das Werk der SKW Piesteritz ist nach Branchenangaben der größte industrielle Gasverbraucher Deutschlands noch vor dem Chemieriesen BASF in Ludwigshafen. Hier wird Erdgas nicht verheizt, sondern veredelt. Aus Molekülen entsteht Ammoniak, aus Ammoniak Dünger und damit die Grundlage für einen erheblichen Teil der europäischen Landwirtschaft.

Wenn hier der Gaspreis steigt, ist das keine abstrakte Zahl, sondern ein unmittelbarer Produktionsfaktor. Und der gerät gerade außer Rand und Band. Der Krieg im Iran hat die Energiemärkte in Unruhe versetzt und eine Kettenreaktion in Gang gebracht, die am Ende größere Auswirkungen hat als die aktuelle Horrorpreise an der Zapfsäule. Denn Gas ist nicht nur Energie, sondern der zentrale Rohstoff für Stickstoffdünger und damit ein Schlüssel zur globalen Nahrungsmittelproduktion. Was sich derzeit abzeichnet, ist kein isolierter Energieschock, sondern eine Verschiebung entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Chemieanlage bis zum Acker und schließlich bis in den Einkaufskorb.

Hier wird aus Gas unser Essen

Die ökonomische Logik ist unerbittlich. Nach Angaben des Branchen-Verbands der Düngemittelindustrie Fertilizers Europe macht Gas „bis zu 90 Prozent der variablen Produktionskosten“ beim Dünger aus. Steigende Gaspreise schlagen deshalb unmittelbar auf die Preise durch. Der weltweit wichtigste Stickstoffdünger Harnstoff kostet aktuell rund 650 US-Dollar je Tonne und damit bis zu 70 Prozent mehr als noch vor wenigen Wochen, begleitet von kurzfristigen Preissprüngen um 30 bis 40 Prozent. Das ist kein normaler Markt, sondern ein enormes Stresssignal.

Die Landwirtschaft reagiert darauf sofort. Bauernpräsident Joachim Rukwied warnt: „Die Preise für Dünger schießen nach oben“, für viele Betriebe seien die Kosten „schlichtweg nicht mehr tragbar“. Dahinter steht ein Mechanismus, der die Bauern in eine Krise stürzt: Wird weniger Stickstoff ausgebracht, sinken die Hektarerträge messbar, weil Pflanzen ihr Wachstum und ihre Kornbildung nicht vollständig ausbilden können. Was auf dem Feld nicht produziert wird, fehlt später im Markt. Der Chefökonom der Food and Agriculture Organization, Máximo Torero, beschreibt die globale Dimension und sagt: „Das wird die Aussaat beeinflussen.“ Weniger Dünger bedeutet geringere Ernten zunächst bei Getreide, dann entlang der gesamten Nahrungskette. Tierfutter verteuert sich, Fleisch und Milch folgen. Der Preisschub wandert langsam, aber zuverlässig durch das System.

Warum Dünger plötzlich zum Luxusgut wird

Europa ist in dieser Lage besonders verwundbar. Die energieintensive Düngemittelproduktion haben die europäischen Hersteller bereits in früheren Krisen zurückgefahren, weil sie bei hohen Gaspreisen nicht mehr wettbewerbsfähig war. Die Abhängigkeit von Importen ist gestiegen und damit die Anfälligkeit für globale Verwerfungen. Der Deutsche Bauernverband warnt, dass eine weiter schrumpfende heimische Produktion Europa in eine kritische Importabhängigkeit treiben könnte. Gleichzeitig wirken die Preisschocks global: Selbst Länder ohne direkte Lieferbeziehungen zur Golfregion zahlen mehr, weil Energiepreise und Handelsströme weltweit miteinander verflochten sind.

In Deutschland erscheinen die Lebensmittelpreise derzeit vergleichsweise stabil, doch das ist ein Echo der Vergangenheit. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung erwartet, dass steigende Energiepreise die Inflation wieder deutlich anziehen lassen. Auch das ifo Institut sieht in einem Szenario dauerhaft hoher Energiepreise eine Teuerung von bis zu rund drei Prozent. Besonders betroffen sind Produkte mit hohem Energie- und sogenanntem „Vorleistungsanteil“: Brot, Fleisch, Milch. Die Dynamik endet dann nicht dort. Die European Central Bank warnt, dass solche Energieschocks auf Dauer die gesamte Preisstruktur erfassen können von Löhnen bis zur Kerninflation. Damit wird aus einem Rohstoffproblem ein gesamtwirtschaftlicher Trend.

Die zweite Inflationswelle rollt an

Das Szenario, das sich damit jetzt abzeichnet, ist kein plötzlicher Schock, sondern eine schleichende Verschiebung. Wenn Gaspreise hoch bleiben und Lieferketten gestört sind, verteuert sich Dünger dauerhaft. Der Direktor der International Energy Agency, Fatih Birol, warnt vor „ernsten Folgen für die Weltwirtschaft“, sollten Energie- und Rohstoffströme länger unterbrochen bleiben.

Am Ende führt die Spur zurück nach Wittenberg. Dorthin, wo Gas zu Dünger wird – und Dünger zu Ernte. Von dort aus wandert die Welle weiter: über die Felder, durch die Lieferketten, bis an die Supermarktkasse. Der Iran-Krieg wirkt wie ein ökonomischer Zeitzünder. Erst trifft er die Industrie, dann die Landwirtschaft und am Ende uns alle.


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