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Make MAGA Great Again: Warum Trump Krieg gegen Iran führt

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02.03.2026

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Make MAGA Great Again: Warum Trump Krieg gegen Iran führt

02. März 2026 | Maurice Dorffer

Politische Bewegungen scheitern nicht an ihren Gegnern – sondern an dem Moment, in dem ihnen die Zukunft abhandenkommt. Das droht jetzt Trump, analysiert unser Autor

VON MAURICE OLIVIER DORFFER 

Revolutionen scheitern selten an ihren Gegnern. Gefährlicher ist der Moment, in dem ihnen die Richtung abhandenkommt. Anfang der 1790er Jahre hatte die Französische Revolution genau diesen Punkt erreicht. Die Monarchie war zwar politisch entkernt, eine neue Ordnung jedoch nicht entstanden. Nach der gescheiterten Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes im Juni 1791 herrschte ein Zustand eigentümlicher Schwebe: zu viel Revolution für Stabilität, zu wenig Stabilität für Normalität. 

Der französische Historiker François Furet erkannte darin den eigentlichen Wendepunkt der Revolution. In Penser la Révolution française (1978) brach er mit der marxistischen Lesart, die soziale Zwänge als Triebkraft sah. Für Furet lag das Problem in der Logik der Bewegung selbst: Wer moralische Absolutheit beansprucht, kann im Alltag des Regierens nicht bestehen – er braucht ständige Dringlichkeit, um sich zu legitimieren. 

Der Krieg gegen Österreich im April 1792 lieferte diese Dringlichkeit. Plötzlich besaß die Revolution wieder Klarheit. Kritik erschien als Illoyalität, Zweifel als konterrevolutionäre Gefahr. Der äußere Feind löste keine inneren Konflikte, er machte sie unsichtbar. Aus politischer Unsicherheit wurde moralische Gewissheit. Furets eigentliche Pointe lag dabei weniger im Krieg selbst als in seiner Funktion. Der Ausnahmezustand wurde damit nicht zur Folge der Revolution, sondern zu ihrer stabilsten Existenzform – zumindest vorerst. 

Gespaltene MAGA-Bewegung vor den Midterms

Historische Analogien sind riskant, doch politische Bewegungen neigen dazu, ähnliche Lösungen für ähnliche Krisen zu finden. MAGA als politische Bewegung in den USA steht heute, wie die Französische Revolution damals, an dem Punkt, an dem Aufbruch seine Richtung verliert und Legitimation neu erkämpft werden muss. Die Bewegung begann 2016 als eruptive Revolte gegen das Establishment, getragen von Wut auf das politische System, der Hoffnung auf Durchbruch und dem Gefühl, das Land korrigieren zu müssen. Sie erneuerte ihre politische Identität selbst, verstand Mobilisierung als Motor und Opposition als Legitimation. 

Heute wirkt vieles davon erschöpft. Permanente Mobilisierung ist zur Normalität geworden, die ursprüngliche Aufbruchsstimmung versiegt. Laut einer Pew-Umfrage von Januar 2026 liegt Trumps Gesamtzustimmung bei 37 Prozent, während nur 27 Prozent der volljährigen Amerikaner alle oder die meisten seiner politischen Pläne unterstützen. Der harte Kern seiner Anhänger bleibt ihm gegenüber loyal, ist aber zahlenmäßig kleiner geworden.  

Zugleich spaltet sich die Bewegung: Hardliner, die den ursprünglichen Anspruch hochhalten wollen, stehen skeptischen Figuren gegenüber, die Distanz wahren oder pragmatisch reagieren. Skeptiker kritisieren, dass die unbegrenzte Unterstützung Israels weder den Interessen des Steuerzahlers noch der nationalen Sicherheit diene. Stimmen wie Tucker Carlson oder Marjorie Taylor Greene sehen Engagement gegen den Iran im Gefolge Israels als Bruch mit dem America-First-Prinzip. Loyalität wird so nicht mehr nur intern geprüft, sondern an außenpolitischen Entscheidungen.  

Die kommenden Midterms von November 2026 könnten somit zum existentiellen Prüfstein werden. Niederlagen bei diesen Zwischenwahlen für alle Kongressabgeordnete und ein Drittel der Senatoren würden nicht nur Mandate kosten, sondern die Erzählung von MAGA als historischer Korrekturbewegung ins Leere laufen lassen. Die MAGA-Bewegung steht somit am Scheideweg zwischen der Erinnerung an den Aufbruch und der Gefahr der Bedeutungslosigkeit.  

Trump bleibt kaum eine andere Wahl, als sichtbare Erfolge zu liefern, will er nicht selbst zur lame duck werden und MAGA als flackerndes Strohfeuer enden sehen. Da Reformen Zeit brauchen und Innenpolitik kurzfristig kaum Resultate liefert, richtet sich der Blick zwangsläufig nach außen: Außenpolitik erzeugt Ereignisse statt Debatten, Entscheidungen statt Abwägungen. Sie kann schnelle Siege liefern und einer erschöpften Bewegung neues Leben einhauchen. Hier beginnt die strukturelle Versuchung des Konflikts. 

Trumps letztes Aufgebot: Regimewechsel im Iran

Trump sucht verzweifelt nach einem Sieg, der ihn in die Geschichte schreiben und MAGA als dauerhafte Bewegung verankern könnte. Bisher waren seine Bemühungen alles andere als triumphal. Noch vor seiner Wahl prahlte er, Konflikte wie den in der Ukraine „über Nacht“ zu beenden – doch die Realität belehrte ihn eines Besseren. Auch die Behauptung, er habe in seiner zweiten Amtszeit bereits acht Kriege beendet, ist fragwürdig. 

Gewiss gibt es auch Erfolge. Das greifbarste Beispiel bleibt Venezuela. Darüber hinaus kann sich Trump die Freilassung der Hamas-Geiseln sowie diplomatische Initiativen im Ukraine-Konflikt zuschreiben. Doch trotz dieser punktuellen Erfolge wirkt seine außenpolitische Bilanz insgesamt fragmentarisch – reich an Ankündigungen, arm an endgültigen Entscheidungen. Was fehlt, ist ein Erfolg von historischer Wucht, ein Sieg, der sich dauerhaft ins politische Gedächtnis einbrennt. Trump braucht daher mehr als einzelne Episoden: Er braucht eine big beautiful victory. 

Gerade darin liegt aber das Problem. Gegen Russland oder China kann Washington keinen militärischen Sieg erzwingen, ohne selbst existenzielle Risiken einzugehen. Jede direkte Konfrontation mit einer nuklearen Großmacht würde unkontrollierbare Eskalationsstufen eröffnen. Der Handlungsspielraum amerikanischer Machtpolitik verengt sich damit auf Gegner, die stark genug für einen symbolischen Sieg, aber schwach genug sind, um durch sie nicht einen globalen Krieg gezogen zu werden. In dieser Logik rückt der Iran beinahe zwangsläufig ins Zentrum. 

Genau hierin liegt die strategische Versuchung. Ein Krieg mit dem Iran erscheint kalkulierbar: groß genug für einen demonstrativen Sieg, klein genug, um keine Großmachtkonfrontation auszulösen. Gelingt es Trump im Rahmen der Operation „Epic Fury“, den Iran von der Mullah-Herrschaft zu „befreien“, wäre dies ein außenpolitischer Coup mit historischem Anspruch. Ein Erfolg könnte die Spaltung innerhalb von MAGA überbrücken, die Anhänger hinter den Anführer einen und das Prestige liefern, um gestärkt in die Midterms zu gehen und die politische Zukunft der Bewegung zu sichern. 

Sieg, Untergang und der drohende Thermidor

Dieses strategische Kalkül, man könne gegen den Iran einen schnellen Sieg erzwingen, beruht allerdings auf einer gefährlichen Verkürzung. Die Stärke Teherans liegt nicht in konventionellem Vermögen, sondern in asymmetrischer Eskalationsfähigkeit: Stellvertretermilizen, Raketenarsenale, Angriffe auf Handelsrouten und die Fähigkeit, regionale Konflikte gleichzeitig zu entfachen. Frühere Auseinandersetzungen zeigen, dass selbst technologisch unterlegene Akteure amerikanische Operationen empfindlich verteuern können – man denke nur an die Huthis. Hinzu kommt: Ohne Bodentruppen wurde bislang kein Land wirklich „befreit“. 

Damit entsteht ein paradoxes Szenario. Der Tod oder die Ausschaltung einzelner Führungsfiguren könnte das Mullah-Regime kurzfristig destabilisieren, ohne seine Machtstruktur zu brechen. Sollten die Revolutionsgarden die Kontrolle behalten und ein schneller Erfolg ausbleiben, würde aus einem kalkulierten Schlag rasch ein offener Konflikt ohne klares Endziel. Genau hier beginnt der strategische Zugzwang: Ein begrenzter Krieg erzeugt politischen Druck nach Ausweitung, während jeder Rückzug wie Niederlage erscheint. 

Der Iran wird so weniger zur freien Entscheidung als zur Konsequenz einer politischen Lage, in die sich Trump selbst manövriert hat. Der große Sieg, der innenpolitische Schwäche überdecken soll, birgt zugleich das Risiko, dass die Dynamik außer Kontrolle gerät und aus dem Versuch, die Bewegung zu retten, eine Demütigung wird.  

Der Krieg verlieh der Französischen Revolution zunächst Stabilität, löste jedoch keine inneren Konflikte. Er beschleunigte die Radikalisierung und mündete in die Terrorherrschaft, die erst mit dem Sturz von Maximilien Robespierre am 9. Thermidor (27. Juli 1794) gebrochen wurde, bevor eine neue Phase beginnen konnte – ein warnendes Beispiel, dass militärische Abenteuer eine Bewegung nicht retten, sondern ihre Probleme nur verschieben.  

Möge Trump genau wissen, was er tut – sonst könnte aus „Epic Fury“ schnell „Epic Fail“ werden und ihm am Ende vielleicht selbst ein Thermidor drohen. 


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