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Wenn Abschreckung zur Rechenaufgabe wird

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04.03.2026

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Wenn Abschreckung zur Rechenaufgabe wird

04. März 2026 | Jörg Nackmayr | Burghard Jepsen

Ein Krieg als mehrfacher Belastungstest: Israels und Amerikas mögliche Schwachpunkte im eskalierenden Konflikt mit dem Iran

VON JÖRG NACKMAYR UND BURGHARD JEPSEN

Die militärische Eskalation zwischen Israel, den USA und dem Iran ist mehr als eine Serie von Luftschlägen und Gegenschlägen. Sie ist ein strategischer Belastungstest – für Abschreckungssysteme, Produktionskapazitäten, Energieversorgung und politische Durchhaltefähigkeit.

Im Zentrum steht dabei nicht allein die Frage militärischer Überlegenheit, sondern die nüchterne Kalkulation von Beständen, Nachschub und Zeit.

Irans unterschätzte Tiefe

Der Iran verfügt über eine über Jahre ausgebaute unterirdische Militärinfrastruktur. Raketenstellungen befinden sich in weitverzweigten Tunnelsystemen unter Bergen, mit mehreren Ein- und Ausfahrten. Mobile Abschussfahrzeuge können kurzfristig aus geschützten Anlagen herausfahren, feuern und sich wieder zurückziehen. Selbst bunkerbrechende Munition kann solche Systeme nur schwer dauerhaft neutralisieren, wenn nicht alle Zugänge gleichzeitig ausgeschaltet werden.

Hinzu kommt die quantitative Dimension: Teheran setzt bislang erkennbar ältere Raketen- und Drohnentypen ein – mutmaßlich zur Abnutzung gegnerischer Luftabwehr. Schätzungen gehen davon aus, dass nicht nur rund 10.000, sondern bis zu 30.000 Drohnen verfügbar sein könnten. Die strategische Logik: Erst die Abwehrsysteme des Gegners erschöpfen, dann Eskalationsoptionen offenhalten.

Die strukturelle Schwäche der Abwehrsysteme

Israel stützt sich auf eine mehrschichtige Luftverteidigung – darunter der Iron Dome, das System MIM-104 Patriot sowie THAAD.

Ein entscheidendes Detail: Um eine eingehende Rakete oder Drohne mit hoher Wahrscheinlichkeit zu zerstören, werden in der Regel zwei Abfangraketen gestartet. Jede iranische Rakete erzwingt somit doppelten Ressourceneinsatz auf israelischer und amerikanischer Seite.

Die Produktionszahlen sind begrenzt. Für Patriot- und THAAD-Systeme werden jährlich Größenordnungen von etwa 700 bis 800 Einheiten genannt, einzelne Systeme liegen deutlich darunter – teilweise bei rund 150 Stück pro Jahr.

Rechnerisch kann eine Angriffswelle von rund 400 Raketen oder Drohnen – bei Doppelabfang – einen erheblichen Teil eines Jahresbestandes aufbrauchen. Die Frage ist daher weniger, ob die Systeme technisch funktionieren, sondern wie lange die Bestände ausreichen.

Die amerikanische Dimension

Die USA stehen vor einer doppelten Belastung. Im vergangenen Jahr wurden erhebliche Mengen amerikanischer Luftabwehrsysteme und zugehöriger Munition in die Ukraine geliefert. Unter der Regierung von Joe Biden war Kiew der größte Abnehmer westlicher Luftverteidigungssysteme. Patriot-Komponenten und Abfangraketen wurden in nennenswertem Umfang transferiert – mit entsprechenden Auswirkungen auf die amerikanischen Lagerbestände.

Gleichzeitig operieren US-Streitkräfte in der Region von ausländischen Basen aus – etwa in Saudi-Arabien, Jordanien oder Bahrain. Diese Standorte sind potenziell angreifbar. Während der Iran im eigenen geografischen Umfeld kämpft, sind amerikanische Kräfte auf lange Versorgungswege angewiesen.

Hinzu kommt die strategische Wahrnehmung Teherans: Die US-Interventionen im Irak und in Afghanistan endeten trotz militärischer Überlegenheit in langwierigen, kostspieligen Engagements. Diese Erfahrungen fließen in die iranische Kalkulation ein.

Geschlossene Reihen oder innere Erosion?

Eine verbreitete Annahme war, dass äußerer militärischer Druck innere Spannungen im Iran verstärken und das Regime destabilisieren könnte. Stattdessen zeigt sich bislang ein gegenteiliger Effekt. Berichten zufolge soll der oberste religiöse Führer Ali Chamenei im Alter von 86 Jahren angekündigt haben, im Falle seiner Tötung solle sein Tod als Märtyrertod verstanden und politisch instrumentalisiert werden. Eine solche Symbolik kann mobilisierend wirken und oppositionelle Kräfte in den Hintergrund drängen.

Zugleich ist die iranische Gesellschaft historisch geprägt von Erfahrungen mit Repression – sowohl unter dem Schah-Regime der 1970er Jahre als auch unter der heutigen Führung. Viele haben die Gewalt früherer Systeme nicht vergessen. Auch US-Sanktionen trafen über Jahre hinweg vor allem die Bevölkerung, während Eliten Wege fanden, sich abzusichern.

Das derzeitige Regime trägt selbst Verantwortung für massive Repression und tausende Todesopfer in jüngster Zeit. Der innere Unmut ist real. Doch externe Angriffe erzeugen häufig einen nationalen Schulterschluss. Historische Verletzungen, Sanktionserfahrungen und aktuelle Angriffe überlagern sich – mit dem möglichen Effekt geschlossener Reihen.

Energie als strategischer Hebel: Gezielte Schläge statt wahlloser Angriffe

Die Schließung der Straße von Hormus verschiebt den Konflikt in eine globale Dimension. Rund 21 Prozent des weltweiten Ölhandels passieren diese Meerenge. Die Märkte reagierten sofort: Der Brent-Rohölpreis stieg um rund 10 bis 13 Prozent und lag zeitweise bei über 82 US-Dollar pro Barrel. Bei anhaltender Blockade gelten Preise von über 100 US-Dollar als möglich.

Die europäischen Gaspreise legten um rund 40 Prozent zu. Dabei entsteht nach außen der Eindruck wahlloser Angriffe. Tatsächlich richten sich die Schläge gegen strategische Infrastruktur: ausländische Militärbasen, logistische Knotenpunkte, Energieanlagen sowie Standorte, die amerikanischen oder israelischen Kräften Unterschlupf bieten oder bieten könnten.

Einschläge in der Nähe zentraler Verkehrsdrehkreuze – etwa in Dubai – verdeutlichen die Verwundbarkeit wirtschaftlicher Zentren. Als internationales Tourismus- und Finanzzentrum reagiert Dubai besonders sensibel auf sicherheitspolitische Risiken. Bereits erste Entwicklungen deuten auf Rückgänge im Flugverkehr und Tourismussektor hin. Solche Effekte erzeugen langfristige Unsicherheit – selbst über das unmittelbare Konfliktgeschehen hinaus.

Ein weiterer Faktor ist die Rolle Chinas. Als größter Abnehmer iranischen Öls hat China in den vergangenen Monaten seine Importe aus dem Iran deutlich ausgeweitet. Berichten zufolge wurden strategische Reserven aufgefüllt. Das verschafft sowohl Peking als auch Teheran kurzfristig Spielraum. Für den Iran bedeutet das: Selbst bei temporären Exportstörungen oder Preisschwankungen ist die Staatskasse nicht sofort existenziell bedroht. Energie wird damit nicht nur zur Waffe gegen den Westen – sondern auch zu einem geopolitischen Stabilitätsfaktor innerhalb neuer Allianzen.

Das strategische Dilemma Israels – und der USA

Sollten die Abfangkapazitäten erschöpft werden und die Produktion nicht Schritt halten, stehen Israel und die USA vor einer fundamentalen Entscheidung.

1. Massive und dauerhafte US-Unterstützung Dies würde bedeuten, Abfangraketen von amerikanischen Stützpunkten im Ausland – und gegebenenfalls auch von inländischen Standorten – abzuziehen und Israel zur Verfügung zu stellen. Die Folge: US-Basen weltweit würden angreifbarer. Die globale Abschreckung gegenüber anderen Akteuren könnte geschwächt werden.

2. Direkte militärische Ausweitung Massive Luftschläge oder sogar Bodenoperationen zur Zerschlagung iranischer Infrastruktur wären eine Eskalationsstufe. Doch der Iran ist nicht der Irak von 2003. Das Land hat sich über Jahre gezielt auf einen solchen Konflikt vorbereitet – mit asymmetrischer Kriegsführung, unterirdischen Anlagen und regionalen Verbündeten. Eine Bodenoffensive würde mit erheblichen Verlusten einhergehen.

3. Strategische Eskalation auf höchster Ebene Sollte die konventionelle Abschreckung – etwa durch Erschöpfung des Iron Dome – versagen und die Zivilbevölkerung massiv bedroht sein, stünde die Frage im Raum, wie Israel geschützt werden kann. In einem Extremszenario würde auch eine nukleare Eskalation Teil der strategischen Überlegungen werden. Für Israel geht es um Existenzsicherung. Für die USA um Bündnisverpflichtungen und Glaubwürdigkeit. Die Folgen einer solchen Schwelle wären global!

Was sich abzeichnet, ist kein kurzfristiger Schlagabtausch, sondern die Möglichkeit eines systematischen Abnutzungskrieges. Raketen gegen Abfangraketen. Produktionsraten gegen Produktionsraten. Durchhaltefähigkeit gegen Durchhaltefähigkeit. Energiepreise gegen wirtschaftliche Stabilität.

Am Ende entscheidet nicht allein militärische Technologie, sondern industrielle Kapazität, wirtschaftliche Resilienz – und politischer Wille.

Der Konflikt zwischen Israel, den USA und dem Iran wird damit zu einer strategischen Rechenaufgabe. Zeit ist in diesem Szenario die entscheidende Währung.


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