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Wann ist die Vergangenheit vergangen?

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12.05.2026

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Wann ist die Vergangenheit vergangen?

12. Mai 2026 | Helmut Ortner

Schon 1945 wehrten sich viele Deutsche dagegen, über die eigene Vergangenheit reden. Und heute will die AfD die Erinnerungskultur grundsätzlich verändern. Sie spricht von einem "Schuldkult"

Im Oktober 1944 bekommt Saul K. Padover, ein junger amerikanischer Offizier, der zur Abteilung für psychologische Kriegsführung gehört, von seinen Vorgesetzen den Auftrag, im besetzten Aachen die Einstellungen und Erwartungen der Deutschen zu erkunden. Dabei soll er Menschen aus allen Schichten und Berufsgruppen befragen, um Erkenntnisse über deren »Mentalität« zu bekommen. Das Ergebnis ist ernüchternd.

„Seit zwei Monaten sind wir hier zugange”, notiert er, „wir haben mit vielen Menschen gesprochen, wir haben jede Menge Fragen gestellt – und wir haben keinen einzigen Nazis gefunden. Jeder ist ein Nazi-Gegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Sie sind schon immer gegen Hitler gewesen. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterstützung irgendeines Deutschen durchgezogen hat…”.

Einen Monat später übergibt Padover seinen Bericht der Militärverwaltung. Sein Fazit: „Psychologisch gesehen wollen sich die Deutschen Strafe und moralischer Verantwortung entziehen, indem sie der Welt einen Schuldigen präsentieren, den sie noch vor kurzer Zeit als Halbgott angehimmelt haben… In dieser Neigung, sich vom auserwählten Führer abzuwenden, entdeckt man nicht den Schimmer eigenen Schuldbewusstseins ...”.

Antworten, wie sie Saul Padover in seiner Aachener Mikroanalyse zusammenfasst, hätte er im besiegten »Tausendjährigen Reich« auch in anderen Städten auf seine Fragen bekommen.

Im Nachkriegs-Deutschland wollten die Deutschen nicht mehr über die allerorten gegenwärtige Vergangenheit sprechen. Sie wollten nicht an die deutschen Großverbrechen erinnert werden. Daran, wie es möglich war, dass ein moderner, fortschrittlicher und kultivierter Staat in kürzester Zeit in Barbarei sinken konnte, die in kaum vorstellbarer Brutalität und einem beispiellosen Völkermord gipfelte. Sie wollten nicht darüber reden, wieso so viele Adolf Hitler gegenüber loyal waren, der aus seinem Judenhass und seinen Kriegsplänen nie einen Hehl gemacht hatte. Warum sie dem Nazi-Regime treu dienten und so seine Verbrechen ermöglichten. Warum sie ihrem »Führer« schließlich bis in den Untergang folgten.

"Der Führer" als solitärer "Verführer"

Ein Volk mühte sich, das zu vergessen, was es verschwieg: seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei. Geschichts-Verleugnung und Geschichts-Umdeutung hatten Hochkonjunktur. So verloren sich der Schrecken und die Einzigartigkeit, den der Zivilisationsbruch des Holocaust und die Vernichtungskriege bedeuteten, im kollektiven Verdrängen und Vergessen. Der nationalsozialistische Wahn wurde zur austauschbaren Metapher des Bösen, persönliche Schuld relativiert. Hitler allein sollte es gewesen sein, verantwortlich für das Verderben der Deutschen und ihre millionenfachen Verbrechen. Wenn nicht allein, dann allenfalls eine kleine verbrecherische Nazi-Elite und ihre fanatischen Getreuen.

Zur Bereinigung des kollektiven Scham- und Schuldenkontos passte dieses Bild: »der Führer« in der Rolle als solitärer Verführer, Verursacher und Verbrecher. Ein Volk auf der Flucht vor seiner Vergangenheit – unter der Sündenbock-Schirmherrschaft Hitlers.

Was Max Horkheimer in Frankfurt erlebte

1947 reiste der weltweit renommierter Sozialphilosoph Max Horkheimer 1947 erstmals wieder aus dem Exil in den USA nach Deutschland, um mit der Frankfurter Universität über die Wiedereröffnung des »Instituts für Sozialforschung« zu sprechen, das er einst geleitet hatte. Dabei stellte er fest, dass dort noch immer alte Kollegen saßen: „Täter scheint es hier keine zu geben, nur unbeteiligte Zeitgenossen, unideologische Bürokraten und Oppositionelle, die in der ‚inneren Emigration‘ tapfer das Martyrium der Nazi-Herrschaft auf sich genommen haben”, notierte er sarkastisch.........

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