Mexikos Drogenboss getötet: Ein Fanal nach jahrelanger Untätigkeit
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Mexikos Drogenboss getötet: Ein Fanal nach jahrelanger Untätigkeit
23. Februar 2026 | Frank Priess
Der Militäreinsatz gegen "El Mencho", gefordert von Washington und unterstützt vom US-Geheimdienst, wirft ein Schlaglicht auf das organisierte Verbrechen und seinen Einfluss in Lateinamerika
„El Mencho“, der mutmaßlich mächtigste Drogenboss Mexikos, ist bei einem Militäreinsatz getötet worden. In mehreren Bundesstaaten reagierten Kartellmitglieder mit verheerender Gewalt auf den Tod von Nemesio Oseguera Cervantes.
Jahr für Jahr dehnt das Organisierte Verbrechen (OK) seinen Einfluss in Lateinamerika aus – und nicht nur dort. Sichtbar wird das oft nach spektakulären Schlägen des Staates, die zu Festnahmen, oder wie jetzt in Mexiko, zur Enthauptung von Kartellen führen: „El Mencho“, Nemesio Oseguera Cervantes, der Anführer der Verbrecherorganisation „Jalisco Nueva Generación (CJNG)“ ist tot. 15 Millionen Dollar hatten die USA auf seinen Kopf ausgesetzt. Seine schwerbewaffnete Organisation antwortet mit Anschlägen in zahlreichen mexikanischen Bundesstaaten, was nicht nur Deutschland zu Reisewarnungen veranlasst. Alles nicht ganz neu. Als 2016 der Chef des Sinaloa-Kartells Joaquín Guzman, „El Chapo“, festgenommen werden konnte, ereignete sich ähnliches. Die Syndikate zeigen ihre über lange Zeit akkumulierte Macht.
Man erinnert sich an Mexikos Präsident Felipe Calderón, der bald nach seiner Wahl im Jahr 2006 zum „Krieg gegen die Drogen“ aufrief und das Militär zur Bekämpfung der Kartelle in die Fläche beorderte. Das Militär, weil die Polizei einerseits der Bewaffnung der Gangster hoffnungslos unterlegen war, aber auch, weil sie so von Korruption durchsetzt war (und vermutlich weiter ist), dass jede Aktion sofort an die Gegenseite verraten wurde. Am Ende musste sogar die abgelegen stationierte Marineinfanterie eingesetzt werden, weil Bestechung und Druck auch die Soldaten erreichten. „Plomo o plata“, der alte Slogan von „Blei oder Silber“, bekannt aus den Zeiten Pablo Escobars und seines Medellín-Kartells der achtziger und neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, kam nicht aus der Mode. „Ruhig“ war es oft dort, wo ein Kartell dominierte wie in Tijuana, „unruhig“ dort, wo sich mehrere Organisationen bekriegten wie in Ciudad Juarez.
Signal der Politik an die Kartelle: Stört nicht zu viel
Spektakuläre Schläge gelangen auch Calderón, allerdings nahm die Gewalt eher zu: Jeder Verhaftung und Enthauptung folgten unweigerlich blutige Nachfolgekämpfe innerhalb der Kartelle und Gebietskämpfe mit Konkurrenten, die das entstandene Vakuum für sich nutzen wollten. Erhebliche „Kollateralschäden“ unterminierten zudem die Legitimation innerhalb der Bevölkerung. Entsprechend kehrte Calderóns Nachfolger Enrique Pena Nieto zurück zur alten Politik seiner „Partei der institutionalisierten Revolution (PRI)“ und fand ein Auskommen mit den Kriminellen: macht eure Geschäfte, zahlt, aber macht nicht zu viele Schwierigkeiten und haltet euch aus der Politik heraus, hieß das. Mit Andrés Manuel López Obrador erreichte das dann unter dem Motto „Abrazos, no balazos“ („Umarmungen statt Schüsse“) einen vorläufigen Appeasement-Höhepunkt.
Dem wäre wohl auch die aktuelle Präsidentin Claudia Sheinbaum weiter gefolgt, müsste sie nicht angesichts der martialischen Rhetorik ihres US-amerikanischen Amtskollegen Donald Trump fürchten, dass dieser die Sache selbst in die Hand nehmen könnte. Das Weiße Haus betont denn auch, zum Einsatz gegen „El Mencho“ geheimdienstliche Unterstützung geleistet zu haben. Gleichwohl haben US-Interventionen in Mexiko traditionell einen schlechten Klang, große Teile des Staatsgebiets hat man im 19. Jahrhundert im Krieg mit dem „Nachbarn“ im Norden verloren. Auch sonst haben Aktionen der USA im Zeichen der Monroe-Doktrin selten gutes bewirkt, von Panama, den „Bananenrepubliken“ und Guatemala seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts, der Inselkaribik, den Sympathien für diverse Militärdiktaturen bis zum Umsturz in Chile 1973. Die Liste ist lang.
„Armes Mexiko, so weit von Gott, so nah bei den Vereinigten Staaten“, dieser bekannte Stoßseufzer dürfte in mexikanischen Regierungskreisen einmal mehr zu hören gewesen sein. Ohnehin ist die „Gewaltbilanz“ der Sheinbaum-Regierung eher trist: 25.000 Morde stehen in ihrem ersten Amtsjahr zu Buche – eine Rate von 17,5 Tötungsdelikten je 100.000 Einwohner. 130.000 Verschwundene zählt Mexiko zudem aktuell. 63 Prozent der Bürger fühlen sich laut einer aktuellen Umfrage unsicher.
Dass man parallel durch eine umstrittene Justizreform die Gewaltenteilung schwächt und nun über Wahlrechtsreformen versucht, die Dominanz der eigenen „Morena-Bewegung“ weiter zu stärken, dürfte Vertrauen weiter unterminieren.
Albanische Auftragskiller im einst friedlichen Ecuador
Bei all dem hat sich die Macht der Kartelle nur immer weiter ausgeweitet. Ihre territoriale Kontrolle in zahlreichen Bundesstaaten hat zugenommen, sie durchsetzt zunehmend den Staat. Zu lange hat man weggeschaut. Während Kolumbien und andere Koka-Produzenten in den Anden schon in den achtziger Jahren kämpfen mussten, ihre Zertifizierung als kollaborierende Staaten in den USA zu erhalten und weiter mit diesen Geschäfte machen zu können, hatte Mexiko diese Schwierigkeiten kaum. Man machte sich einen schlanken Fuß: „In Südamerika werden die Drogen produziert, jenseits unserer Nordgrenze konsumiert, wir sind nur das Transitland und eigentlich ein Opfer“, hieß es, die Malaise komme rein von außen. In der nördlichen Industriehochburg Monterrey etwa tröstete man sich damit, dass Mexikaner eigentlich kaum beteiligt seien...
Mittlerweile hatten die mexikanischen Kartelle längst die dominierende Rolle übernommen, die die kolumbianischen „Kollegen“ aus Medellin und Cali früher hatten, wie sich in der bekannten „Narcos“-Serie nach wie vor besichtigen lässt. Auch profitieren sie davon, dass Mexiko längst nicht mehr nur Durchgangs- und Produktionsland ist, sondern selbst einen veritablen Drogenkonsum verzeichnet.
Gleichzeitig wurde die „Angebotspalette“ diversifiziert. Drogen sind immer noch das „Brot-und-Butter-Geschäft“, allerdings auch hier vielfältiger als früher: Kokain kommt nach wie vor aus dem Süden, Marihuana, Opiate und Amphetamine aber produziert man längst selbst. Hinzu kommen Produkte wie Fentanyl, die eine Schneise menschlicher Verwüstung reißen, wo immer sie sich ausbreiten. Und dabei bleibt es nicht: Menschenschmuggel über die US-Grenze ist längst ein einträglicher Erwerbszweig, dazu kommen die Kontrolle legalen und illegalen Glücksspiels, Prostitution, Schutzgelderpressung, illegaler Organhandel.
Bei all dem spielen auch die USA keineswegs nur die Rolle eines Opfers: ein Großteil der Bewaffnung der Kartelle kommt aus dem Norden, an der gemeinsamen Grenze soll es mehr Waffengeschäfte als WalMarts geben, bei vergleichsweise laschen Kontrollen und einem ausgefeilten Strohmannsystem. Auch leben bekanntermaßen die Familien mexikanischer Drogenbosse auf der US-Seite der Grenze. Bekannt sind die Fälle, wo deren Frauen ihre Kinder in den USA zur Welt bringen, damit die Babys automatisch die Staatsbürgerschaft bekommen. Auch bei der Kontrolle von Verteilerrouten und Geldwäsche gibt es starken Optimierungsbedarf, vieles wäre ohne stillschweigende Kollaboration – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglich.
Die territoriale Kontrolle, Liefer- und Schmugglerrouten, die kriminelle Vernetzung gehen dabei weit über Mexiko hinaus. Hafenstädte haben einen besonderen Reiz. An der Pazifikküste kontrollieren die Kartelle die Häfen von Baja California Sur bis hinunter nach Ecuador und Peru. Das im einst so friedlichen Ecuador inzwischen albanische Gangster im Auftrag mexikanischer Kartelle morden, spricht Bände. In Kolumbien hat das längst auch wahltechnisch Relevanz: in den südlichen Pazifikdepartments ist staatliche Präsenz seit je limitiert, bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen warfen dortige Ergebnisse mit bis zu 85 Prozent zugunsten von Gustavo Petro Fragen auf.
Wenn Musiker Drogen-Balladen singen
Der kolumbianische Friedensprozess – ähnlich wie in Mexiko meint man gerade im linken Spektrum, mit Kriminellen auf Augenhöhe verhandeln zu können – hat eher dazu geführt, dass sich das Spektrum der früheren Narco-Guerilla FARC fragmentiert hat. Eine Vielzahl krimineller Banden setzt das lukrative Geschäft unbehindert fort. Im Nordosten ist die ELN nach wie vor mit einem ähnlichen Angebotsspektrum unterwegs, geschützt von Kollaboration auf Seiten Venezuelas. Ob sich daran nach der US-Intervention gegen Nicolás Maduro etwas ändert? Die Koka-Produktion im Land ist jedenfalls hoch wie nie.
Venezuela ist nur einer der Ausgangspunkte für den Schmuggel nach Norden und über den Atlantik. Auch aus Brasilien und bis hinunter nach Argentinien starten Boote und Flugzeuge, oft mit dem Ziel Westafrika. Durch fragile und dysfunktionale Staaten geht es dann durch die Wüsten ans Mittelmeer, in den Nahen Osten und weiter, auf dem Rückweg werden gern Waffen und illegale Migranten mitgenommen – das sind logistische Meisterleistungen! Die beschlagnahmten Drogenmengen auch in europäischen Häfen und Abwassermessungen europäischer Städte zeigen zudem, welch steigender Umfang dieser Geschäfte zu verzeichnen ist.
Auf dieser Höhe des Gefechts fällt es schwer, an ein Zurückdrängen krimineller Strukturen durch oft schwache Staaten zu glauben. Korruption und Druck haben sie durchsetzt, Vertrauen ist Mangelware. Gern würde man glauben, dass ermordete Polizisten, Richter, Staatsanwälte, Politiker, Journalisten per se zu den „Guten“ gehören, leider muss das nicht immer so sein. Möglich, dass sie schlicht auf der „payroll“ eines Syndikats standen und dessen Mitglieder beschützten - was man bei der Konkurrenz nicht goutierte und zuschlug.
In Mexiko traf es sogar schon die Mitglieder von Musikgruppen, die mit sogenannten „Narcocorridos“ (Drogen-Balladen) die Heldentaten „ihrer“ Drogenbosse besangen und von dessen „Wettbewerbern“ auf brutalste Weise ausgelöscht wurden. Mögliche Zeugen schweigen da lieber, das Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden ist gering. Wer kann, geht ins Exil, oft erstmal im eigenen Land. Wenige Mutige kämpfen unter höchster Lebensgefahr weiter.
Die Kollateralschäden eines härteren Kurses
Für Demokratie und Rechtsstaat ergeben sich – vom allgemeinen Vertrauensverlust abgesehen – weitere massive Probleme. Plötzlich werden Politiker wie Nayib Bukele in El Salvador mit dem Versprechen populär, die Kriminalität auszumerzen – und wie der massive Rückgang der Mordrate im Land zeigt, gelingt ihm das sogar. Nur um welchen Preis? Rechtsstaatliche Verfahren geraten unter die Räder, „Kollateralschäden“ werden in Kauf genommen. Mega-Gefängnisse sind Visitenkarte und Exportartikel, gleichzeitig aber sind solche Strafanstalten in Lateinamerika schon lange eher Kriminalitätsfabriken.
Nicht nur der philippinische Präsident Duterte oder Präsident Fujimori in Peru setzten schon früher auf die gleiche Karte: Letzterer gab in den neunziger Jahren seinen Militärs und Geheimdienstlern „carte blanche“, die Terrororganisation „Leuchtender Pfad“ wurde in die Knie gezwungen. Massive Menschenrechtsverletzungen, Verschwundene, Massengräber - all das ein zynisches Beiprodukt. Die Wahlergebnisse für seine Tochter zeigen allerdings noch heute, wie dankbar viele Peruaner waren und sind – das ist mehr als ein Dilemma.
Für ein „Wehret den Anfängen“ ist es also längst zu spät, für entschlossene und international koordinierte Maßnahmen zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität möglicherweise noch nicht. Dass die OK international besser abgestimmt agiert als ihre rechtsstaatlichen Gegner, ist kein Naturgesetz. Vorschläge aus Polizei, Justiz und Geheimdiensten gibt es reichlich, grenzübergreifende Strukturen gilt es dringend zu stärken. Es braucht vernetzte Ansätze. Alles kein Grund, mit dem Finger auf Lateinamerika zu zeigen: auch in Europa und in Deutschland selbst finden sich längst bedenkliche Entwicklungen. Und es ist nicht zuletzt der Drogenkonsum in Europa und in den USA, der die Kassen der Kartelle klingeln lässt.
