Die Gesellschaft der letzten Generation
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Die Gesellschaft der letzten Generation
27. Juli 2026 | Bernd W. Seiler
Selbstverwirklichung wurde zum höchsten Wert. Doch wer nur im Heute lebt, gefährdet die Zukunft von Familie, Gesellschaft und Sozialstaat.
Die Frage, nach welchem Grundsatz man leben soll, zu welchem Endzweck man auf der Welt sein will, hat sich Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende lang den Menschen nicht gestellt. Die Antwort auf sie war vorgegeben: man wollte und sollte ein gottgefälliges Leben führen. Aus dem einen Grund, um dereinst in den Himmel zu kommen, aus dem anderen, abschreckenden, um nicht der ewigen Verdammnis anheimzufallen. Bis in die ältesten Zeiten zurück, als es noch Götter waren, die belohnten und Strafen verhängten, reicht diese Lebensvorschrift zurück, und wie oft man sich ihr auch nicht unterworfen haben mag, keine Frage ist, dass das Gebot der Gottgefälligkeit für die Entwicklung der Menschheit die allergrößte Bedeutung gehabt hat. Auch heute noch kann man nach diesem Grundsatz leben und braucht sich andere Gedanken zu seinem Daseinszweck nicht zu machen.
Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, löste sich diese Gottesgewissheit aber langsam auf. Was, wenn es einen Gott, der uns täglich beobachtet und beurteilt, nicht gibt? Was soll man dann zur Richtschnur seines Handelns machen? So, wie im Lauf der Zeit immer mehr weltliche Autoritäten neben die göttlichen getreten waren, ersetzte ein weltliches Gebilde auch das Himmelreich, das „Vaterland“ trat an seine Stelle. „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen, hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft“, lautet eine Sentenz aus Schillers Wilhelm Tell, alsbald vertont und noch heute enthalten im Liederbuch der Bundeswehr. Nicht zu zählen die Gedichte, Sinnsprüche, Lieder, die die Vaterlandsliebe seither als den Höchstwert der Lebensorientierung gepriesen haben und es immer noch tun. „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“, haben wir gesungen, und nicht nur die Deutschen, auch alle anderen haben ihre Vaterländer so in den Himmel gehoben.
Wohin das geführt hat, ist bekannt, und man muss nur in die heutigen Debatten um die Wehrpflicht hineinhören, um zu erkennen, dass man der Liebe zum Vaterland für den Ernstfall nicht mehr viel zutraut. Und das nicht nur, weil das Vaterland heute Europa heißt und heißen muss. Auch unter denjenigen, die das rückgängig machen wollen und „Deutschland den Deutschen“ rufen, wird es nicht viele geben, die noch wie vormals erklären würden: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“. Den homogenen Volkskörper, von dem solche Anschauungen ausgegangen waren, hat es ohnehin nie gegeben, und wer auch nur über eine kleine Portion Realismus verfügt, wird ihn für die Zukunft erst recht nicht für möglich halten. Nur zur Verteidigung der eigenen Lebensweise ist der „Ruf des Vaterlandes“ heute noch denkbar und schließt so notwendig alle ein, die zu einem so herausgeforderten Gemeinwesen gehören.
Neben dem Wohl des Vaterlandes hat aber schon im 19. Jahrhundert auch das Wohl der Menschheit, aller Menschen, als Höchstwert zur Wahl gestanden. Es scheint heute schon fast vergessen, aber es gab sie wirklich, die Hingabe an den Sieg des Kommunismus, die Hoffnung auf eine klassenlose Weltgesellschaft durch die Beseitigung des Privateigentums. In den 1950er-Jahren musste in den Schulen der DDR eine russische Romanpassage auswendig gelernt werden, genannt „Das Wertvollste“, in der man aufsagte, das Wertvollste, was der Mensch besitze, sei das Leben, und benutzen solle er es so, dass er sterbend sagen könne, seine ganze Kraft habe er dem Herrlichsten in der Welt, dem Kampf für die Befreiung der Menschheit gewidmet. Dieser Lebenszweck war zwar noch viel weiter weg als das Wohl des Vaterlandes, aber das Ableisten von Arbeit ließ sich mit ihm immer einfordern.
Es begann mit dem Jodeldiplom
Inzwischen gilt das alles nicht mehr, doch wie weit wir uns wirklich von diesen Orientierungen entfernt haben, zeigt sich daran, dass immer auch eine lange, gleichsam unendliche Zukunft für sie mitgedacht war. Generation um Generation sollte in ihnen fortleben, stets bezog man Kinder und Kindeskinder ein. „Seid fruchtbar und mehret euch!“, heißt es für das christliche Selbstverständnis schon in der Schöpfungsgeschichte. Ebenso wollten alle „Vaterländer“, dass ihre Bevölkerungen wuchsen, und erst recht der marxistische Zukunftsblick war stets auf das Glück weiterer und noch weiterer Generationen gerichtet.
Doch was beschäftigt uns heute? Ressourcenverbrauch, Überbevölkerung, Klimawandel, Atomkriegsgefahr – das Bewusstsein vom möglichen Ende der Bewohnbarkeit der Erde ist allgegenwärtig. Und wie zur Bestätigung gehen die Geburtenraten überall in der westlichen Welt zurück. In manchen Ländern bekommt jede Frau in ihrem Leben statistisch nur noch ein Kind, sodass sich die Bevölkerung pro Generation dort rechnerisch halbiert. In Deutschland sind es – von Jahr zu Jahr abnehmend – noch 1,35 Kinder pro Frau, 300.000 Kinder jährlich fehlen, wenn ohne Zuwanderung der Bevölkerungsstand etwa gehalten werden soll. Der Wille, das eigene Lebenskonzept, die eigene Lebensart weiterzugeben, schwindet offenbar rapide, und so ist es am deutlichsten dieser Punkt, in dem sich die Orientierung unserer Gesellschaft von der aller früheren unterscheidet.
Macht sich deshalb aber Verzagtheit bemerkbar? Das keineswegs, eher dominiert das Gegenteil. So selbstgewiss und anspruchsvoll, wie die Menschen heute auftreten, sind sie ganz mit sich im Reinen, erscheint ihnen ihre Lebenseinrichtung in keiner Weise fraglich. An welchem Wert, welchem Maßstab aber orientiert man sich? Einen einvernehmlich umlaufenden Begriff für ihn gibt es nicht, aber alle Kennzeichnungen haben mit dem Wörtchen "selbst" zu tun. Selbstbestimmung, Selbstentfaltung, Selbstfindung, Selbstverwirklichung – das ist der Wertebereich, der an die Stelle von Gottergebenheit, Vaterlandsliebe oder Menschheitserlösung getreten ist. In den 1950er-Jahren wies der Duden nur erst ein paar Dutzend so zusammengesetzter Wörter aus, neben Selbstbestimmung auch Selbstbeherrschung, Selbstvertrauen, Selbstlosigkeit, in der Mehrzahl aber noch negative wie Selbstgefälligkeit, Selbstlob, Selbstsucht, Selbsttäuschung. Inzwischen gibt es weit über einhundert solcher Wörter und Ableitungen, darunter viele neue positive wie Selbstakzeptanz, Selbstaufmerksamkeit, Selbstwahrnehmung, Selbstvervollkommnung oder sogar Selbstoptimierung – auch sprachlich verlangt das Selbst offensichtlich nach einer immer differenzierteren Beachtung und Bestimmung.
Als in den 1970er-Jahren das Thema Selbstverwirklichung gesellschaftlich aufkam – nicht die Idee, die ist viel älter – machte es sich zunächst darin bemerkbar, dass man ein "Hobby" zu haben hatte. Menschen in guten Wohnverhältnissen hatten einen "Hobbykeller", zur Selbstkennzeichnung wies man auch auf seine Hobbies hin, und selbst in Fragebögen konnte bei den persönlichen Angaben die Rubrik "Hobby(s)" auftauchen. Darüber konnte man sich aber auch noch lustig machen. Jeder kennt den Loriot-Sketch Das Jodeldiplom, in dem die einfältige Frau Hoppenstedt erklärt, warum sie das Jodeln erlernt. Sie wolle gerade als........
