INSA-Chef Binkert: "Eine Minderheits-Regierung wäre die einzige Alternative"
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INSA-Chef Binkert: "Eine Minderheits-Regierung wäre die einzige Alternative"
07. März 2026 | Ansgar Graw
Manuel Hagel oder Cem Özdemir? Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz? Der Demoskop im Interview zu den Gründen für das Aufholen der Grünen gegenüber der CDU und mögliche Konstellationen im künftigen Landtag
Am Sonntag wird in Baden-Württemberg gewählt. In den Umfragen lag die mitregierende CDU lange vorn, aktuell haben aber die Grünen, die den scheidenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann stellen, zu ihnen aufgeschlossen. Wer von also übernimmt die Geschäfte in der Villa Reitzenstein in Stuttgart, Fraktionschef Manuel Hagel (37) als Spitzenkandidat der CDU oder der vormalige Grünen-Bundesminister Cem Özdemir (60)? Darüber sprachen wir mit dem Demoskopen Hermann Binkert, Gründer und Geschäftsführer des 2009 gegründeten Markt- und Sozialforschungsinstituts INSA-Consulere und regelmäßiger Autor in The European.
THE EUROPEAN: Gleichstand zwischen CDU und Grünen zwei Tage vor der Wahl. Woran liegt es, Herr Binkert, dass die Grünen in Baden-Württemberg zu den lange führenden Christdemokraten so stark aufgeholt haben?
HERMANN BINKERT: Es gibt eine große Schnittmenge in Baden-Württemberg zwischen Unions- und Grün-affinen Wählern. In anderen Bundesländern oder im Bund haben wir diese Wählerschnittmenge zwischen Union und SPD. Hinzu kommt der wichtige Punkt, dass den Leuten eigentlich klar ist: Entweder kommt es zu Schwarz-Grün oder zu Grün-Schwarz. Damit scheint die Regierungskonstellation gewissermaßen abgehakt, jetzt geht es nur noch um die Frage des Ministerpräsidenten.
Der bisherige Ministerpräsident Kretschmann gehört den Grünen an, aber die taz schreibt heute: „Er war kein grüner Ministerpräsident“. Darum werden die Grünen im Ländle weniger negativ gesehen als andernorts im Bund?
BINKERT: Ob Kretschmann grüne Politik gemacht hat oder nicht, können die Menschen vor Ort besser beurteilen. Jedenfalls führen die Grünen jetzt seit 15 Jahren die Regierung in Stuttgart und haben sich für diese lange Zeit recht stabil gehalten…
…aber sicher auch durch ihr anderes Auftreten als im Bund?
BINKERT: …in der Tat, ihr Selbstverständnis in Baden-Württemberg ist anders als im Rest der Republik. Das hat sich bei den Menschen auch schon eingefleischt. Ihr Spitzenkandidat Cem Özdemir hat ja wohl gesagt, „wir sind praktisch die Schwesterpartei der Bundesgrünen“.
Wirtschaftsfreundlichkeit
Nun war Baden-Württemberg stets ein Vorzeigewirtschaftsland. Aber aktuell steckt die Autoindustrie in der Krise, es gibt viele Insolvenzen. Da sollte der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel, der ein ausgesprochen wirtschaftsfreundliches Profil hat, doch eigentlich gut ankommen.
BINKERT: Darum allein geht es aber nicht. Die CDU hat in Baden-Württemberg zwei Schwierigkeiten. Zum einen regiert sie seit nunmehr zehn Jahren an der Seite der Grünen als deren Juniorpartner. Das führt zu einem „Mitgegangen, mitgehangen“-Moment. Und gleichzeitig regiert die Union im Bund, die CDU stellt dort den Kanzler. Das macht die Ausgangsposition für die Landespartei nicht besser, weil gewöhnlich Parteien, die im Bund regieren, in den Ländern abgestraft werden. Aus dieser doppelt schwierigen Position muss die Union den Wahlkampf führen. Und sie kann den wahrscheinlichsten Koalitionspartner Grüne dabei nicht so angreifen, wie sie das machen würde, wenn sich andere Koalitionsoptionen abzeichneten.
Wie wichtig sind die Personen? Hagel ist ein Mann mit klaren Positionen, ein guter Redner und ein Hoffnungsträger der CDU, aber noch längst nicht so bekannt. Özdemir bringt aus dem Bund einen hohen Bekanntheitsgrad mit und im Ländle ist er als „der anatolische Schwabe“ den Menschen vertraut. Hat er deshalb so stark aufgeholt?
BINKERT: Ja, aber dieses starke Aufholen fand ja nicht nur in den letzten Tagen statt, sondern über Monate. Im Oktober betrug der Abstand zwischen Union und Grünen noch 14 Prozentpunkte. Jetzt sind sie so nah beieinander, dass es praktisch innerhalb der statistischen Fehlertoleranz liegt.
War das acht Jahre alte Video entscheidend, in dem Hagel von einem Termin mit Realschülerinnen erzählt und Grüne skandalisiert haben, dass er eines der Mädchen als offensichtlich attraktiv beschrieb?
BINKERT: Diese Entwicklung, dass sich die Schere zwischen Union und Grünen schließt, hatten wir schon vor diesem Video. Trotzdem war das für Hagel natürlich nicht hilfreich, während es für die Grünen und Özdemir den Vorteil hatte, dass es Unsicherheit in die Unionsreihen gebracht hat. Und Özdemir konnte sich gleichzeitig sehr generös verhalten, indem er sagte, na ja, der Hagel hat es doch nicht so gemeint und er hat entschuldigt. Man kann also sagen, es hat Hagel weniger geschadet als es Özdemir genutzt hat.
Worauf kommt es im Endspurt an?
BINKERT: Der Ausgang wird sehr stark davon abhängen, wem es gelingt, seine Wähler zu mobilisieren. Da hat Özdemir die Chance, auch im Linken- und SPD-affinen Bereich noch Wähler zu holen, die sagen, im Zweifel ist er uns doch lieber als Hagel. Und Hagel muss auf Themenfeldern mobilisieren, die letztlich auch wieder die FDP gefährden könnten.
Die FDP kämpft in ihrem einstigen Stammland darum, überhaupt im Parlament zu bleiben. Für die Regierungsbildung werden sie kaum eine Rolle spielen. Müsste Hagel da nicht ganz machiavellistisch sagen: Auf die liberale Partei nehme ich keine Rücksicht, die brauche ich eh nicht, mir geht es nur um die Wähler?
BINKERT: Nun ja, nach der Wahl ist vor der Wahl. Für die Union könnte es mittel und langfristig nützlich sein, auch eine FDP im Parlament und in ihr einen potenziellen Koalitionspartner zu haben.
Aber auch mit der FDP gäbe es keine Alternative zu Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz. Oder sehen Sie eine?
BINKERT: Die einzige realistische Alternative zu Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz wäre eine Minderheitsregierung, wenn CDU und Grüne in grundlegenden Fragen keine Einigung finden sollten.
Rechnerisch könnte es auch mit der AfD gehen, aber dagegen hat sich die CDU ja deutlich festgelegt.
BINKERT: Ja. Mit der AfD wird es keine Koalition geben, das ist definitiv.
FDP und Linke kommen nach jetzigem Stand beide knapp rein?
BINKERT: Beide liegen bei der Potenzialanalyse, also der Sonntagsfrage bei 6 Prozent. Aber bei den sicheren Stimmen sind beide noch unter 5 Prozent. Das bleibt knapp.
Warum könnte es ausgerechnet Die Linke schaffen in diesen Zeiten der allgemeinen Hoffnung auf wirtschaftsfreundliche Reformen?
BINKERT: Das ist natürlich auch eine Folge der Positionierung der Grünen, die ja in anderen Bundesländern weit links stehende Wähler einsammeln können. Aber die Grünen in Baden-Württemberg sind dafür nicht aufgestellt. Und die SPD ist im Verständnis der Menschen eher weniger links als die Grünen, dahin geht man auch nicht.
BINKERT: Das ziehen wir bitte am Sonntagabend..,
