10 Jahre Brexit-Referendum: Die alten Probleme Großbritanniens sind noch immer da
Über dem Kirchturm, den die Bewohner wegen seiner fehlenden Spitze nur „Stumpf“ nennen, türmen sich an diesem Dienstag im Juni weiße Wolken. Das Wetter ist britisch, Sonne und Regen wechseln sich ab. In der Fußgängerzone hasten Menschen mit Einkaufstaschen vorbei, Autos schieben sich durch den Feierabendverkehr. Nicola Todd ist auf dem Heimweg, als sie stehen bleibt und die Straße hinunterblickt. Früher, sagt die 51-jährige Engländerin, sei die Stadt ihr vertrauter gewesen. Heute sei Boston überbevölkert, das Krankenhaus ständig voll. Einen Zahnarzttermin zu bekommen, sei nahezu unmöglich. Für weniger als fünf Kilometer von ihrem Wohnort bis zur Arbeit brauche sie morgens mit dem Auto oft mehr als zwanzig Minuten. Und dann die Sache mit dem Brexit.
Viele Menschen hätten damals vor zehn Jahren für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt, weil sie glaubten, der Druck etwa auf den Wohnungsmarkt werde nachlassen, sagt Todd. Doch das sei ein Irrtum gewesen. Boston in der Grafschaft Lincolnshire, knapp 220 Kilometer nördlich von London, schrieb am 23. Juni 2016 Geschichte. Nirgendwo im Vereinigten Königreich stimmten mehr Briten für den Brexit. 75,6 Prozent votierten für „Leave“, landesweit waren es 51,9 Prozent. Und jetzt?
Nicht jeder, der 2016 für den Brexit stimmte, tat dies aus Fremdenfeindlichkeit
Schon die Anreise mit dem Zug erzählt etwas über diesen Ort. Das Land wird hier flacher und weiter. Boston liegt im Osten Englands, nicht weit von der Nordseeküste entfernt, mitten in einer der wichtigsten Agrarregionen des Landes. Der Landkreis zählt rund 70.000 Einwohner. Auf den Feldern wachsen Gemüse und Blumen, in großen Hallen werden Lebensmittel für ganz Großbritannien verarbeitet.
Gerade dieser Wirtschaftszweig machte Boston schon lange vor dem Referendum abhängig von Arbeitskräften aus dem Ausland. Viele kamen nach der EU-Osterweiterung aus Polen, Litauen und Lettland hierher, dann auch aus Rumänien und Bulgarien. Für die Betriebe waren sie unverzichtbar. Die Migranten verrichteten harte, oft monotone Arbeit, die Briten nicht machen wollten.
Die Bevölkerung wuchs. Neue Sprachen waren auf den Straßen zu hören. Gleichzeitig machten Schlagzeilen über zunehmende Kriminalität die Runde. Die Einheimischen hatten das Gefühl, ihre Stadt verändere sich schnell, zu schnell. Wer Boston besucht und mit den Menschen spricht, erkennt: Nicht jeder, der damals für den Brexit stimmte, tat dies aus Fremdenfeindlichkeit. Für viele war das Votum ein Protest gegen die aktuelle Politik. Die Erwartung vom Austritt aus der EU war: weniger Zuwanderung, weniger Druck auf die Infrastruktur, mehr Kontrolle über die Steuergelder. Das berühmte Versprechen der Brexit-Kampagne verfing: „Take back control“.
Großbritannien verließ die Europäische Union am 31. Januar........
