Zoff unter Radlern auf dem engen Bodenseeradweg: Wie ein Psychologe die Lage bewertet
Ein Mittwochmorgen Anfang März, eigentlich herrscht Gute-Laune-Wetter. Trotzdem führen Gereiztheit und mangelnde Toleranz zu einem vermeidbaren Konflikt auf dem Bodenseeradweg. Eine 75-jährige Frau schiebt ihr Rad durch eine Engstelle bei Maurach. „Fahrradfahrer absteigen“ steht auf einem Schild. Ihr kommt ein Fahrradfahrer entgegen, er steigt nicht ab. Sie geht von einem Rechtsverstoß aus und filmt den Radler. Der ist empört, entreißt ihr das Handy und klaut es ihr. Darüber berichtete die Polizei. Beim Abdruck in der Zeitung ging unsere Redaktion ebenfalls fälschlicherweise von einem Fahrradverbot aus und schrieb, dass der Radler absteigen hätte müssen.
Stimmt nicht, schrieb Georg Schömer aus Überlingen in einem Brief an unsere Redaktion. Schömer bezeichnet sich als „Radler und Dozent“. Er ist Diplom-Psychologe. Für ihn seien die Situationen in Maurach, aber auch an anderen Stellen rund um den Bodensee, „wie ein soziales Experiment“. Die Dynamik auf Radwegen, die Konflikte zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern, das lebensbedrohliche Aufeinandertreffen von Auto und Fahrrad: Viele gefährliche Begegnungen ließen sich in seinen Augen leicht entschärfen – mit gegenseitiger Rücksichtnahme, Gelassenheit und einer Portion Humor.
Das Schild bei Maurach am Bodenseeradweg verwirrt
Das Schild bei Maurach führt die Leute laut Schömer ins „Radel-Nirvana“. Es sei kein selbstständiges Verkehrszeichen, sondern nur ein Zusatzzeichen ohne rechtliche Bindung. Ein Blick in die Straßenverkehrsordnung zeigt, dass das Schild mit der Nummer 1012-32 lediglich andere Verkehrszeichen ergänzt, insbesondere Schild 254 (Fahrrad verboten) oder Schild 239 (Sonderweg für Fußgänger). Nach Schömers Beobachtung schürt es Konflikte. Die einen sehen im Schild fälschlicherweise ein absolutes Verbot, die anderen ignorieren es mit Fleiß. Und mancher Radler fühlt sich in seiner Ehre gekränkt, wenn er zum Absteigen genötigt wird. Schömers Rat: Abmontieren!
Georg Schömer ist Dozent an der Hochschule für soziale Arbeit in Villingen-Schwenningen und Lehrer an der Marie-Curie-Schule in Überlingen. Er entwickelte das „Integrative Modell der Sozialpsychologie“, in dem er Motivation, Emotion, Wahrnehmung und soziale Interaktionen in Beziehung zueinander setzt. Sein Modell zeigt, dass Konflikte nicht nur durch Fehlverhalten einzelner entstehen, sondern durch wechselseitige Beziehungen von Akteuren und Umwelt. Soeben erschienen ist sein Buch „Schömers Gedanken am See“, in dem er 289 Begebenheiten des Alltags, über Eifersucht und Demut, über den Auszug der Kinder oder Abschied vom Vater, fachlich beobachtet, vor allem aber aus menschlich nachsichtigem Blick. Selbstverlag.
Analyse eines radelnden Psychologen
Den Bodensee hat Schömer schon mehrfach umrundet, er kennt die Strecke zwischen Atlantik und Süddeutschland, er ist mit seiner Frau an die Ostsee und zurück gestrampelt und hat die Alpen überquert. Zusammengerechnet radelte er mindestens einmal um den Globus. Seine Beobachtung: „Für den Autofahrer ist der Fahrradfahrer ein Hindernis, für den Fahrradfahrer der Autofahrer eine Gefahr. Dabei sind sie eigentlich alle das gleiche: Verkehrsteilnehmer.“
Zurück mit Schömer nach Maurach: „Es gibt entspannte Fußgänger und Radfahrer, aber auch militante Fußgänger, die brüllen: ‚Absteigen!‘“ Schömer bedauert es, dass gerade hier die Radler übereinander herfallen. Wenn eine Gesellschaft schlecht geplant ist, „dann kämpfen die Kleinen gegeneinander“. Schömer findet: „Hier müssten die Kleinen gemeinsam die Verkehrsplaner angehen und in die Pflicht nehmen.“ Es gehe nämlich nicht an, dass am Bodenseeradweg so eine Engstelle ständig für Verwirrung sorgt. „Der Bodenseeradweg ist wie eine Bundesstraße für Fahrradfahrer.“ Entsprechend müsse er von behördlicher Seite gewürdigt und ausgebaut werden.
Ausbau? Ja, zwischen Meersburg und Hagnau fand er statt. Verkehrsminister Hermann rief bei der Eröffnung im Herbst 2025 den „Qualitätspakt Bodensee“ aus. Die Realität jedoch sieht anders aus. Jahrelang qualifizierte der ADFC den Bodenseeradweg als Qualitätsradroute mit vier von fünf Sternen. Bei der letzten Zertifizierung durch den ADFC entzog die Jury einen Stern, womit er nur noch im Mittelmaß der deutschen Radfernwege rangiert. Ausschlaggebend für die Herabstufung war die Überlastung, die auf einen schlechten Ausbau trifft.
Und was wurde aus dem Vorfall von Anfang März? Hat sich ein Zeuge bei der Polizei gemeldet oder der Fahrradfahrer das Handy reumütig zurückgegeben? Darüber gibt es nach Anfrage bei der Polizei noch keine neuen Erkenntnisse. Vielleicht trägt dieser Bericht dazu bei, dass beide Akteure den Vorfall nochmal mit neuer Brille betrachten.
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