menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Wohlan, ihr fast vergessenen Worte

8 0
15.04.2026

Veraltete Worte sind wie von Spinnenweben durchzogene Dachböden der Sprache: ein bisschen staubig, manchmal hören sie sich muffig an – und doch steckt Sprache immer noch voller überraschender Schätze. Das fiel mir kürzlich auf, als ich einen historischen Roman las, dessen Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts spielte. Artig bedankte sich eine junge Frau für den famosen Vorschlag, im Park zu lustwandeln, während zwei Seiten später ein Säugling greinte und das ältere Geschwisterchen nach Mutti und Vati rief. Da fiel mir auf, wie sehr sich unsere Sprache immerzu verändert.

Wer ist heute noch dünkelhaft?

Gar trefflich war das höchste Lob, und wer damals wohlfeil einkaufte, ist heutzutage schlichtweg ein Schnäppchenjäger, der am Black Friday einen Mega-Deal gelandet hat. Aus „lieblich“ und „reizend“ wurde im Laufe der Zeit „voll krass“; aus „tadellos“, „keck“ oder „prächtig“ wurde ein schlichtes „Cool“.

Während man heute auf den Partnerplattformen ein Foto achtlos wegswiped, schmachtete vor 100 Jahren noch so mancher Jüngling das Antlitz seiner Auserwählten an. Die Arroganz wurde als „dünkelhaft“ bezeichnet und ein weiblicher Teenie war ein „kichernder Backfisch“. Manch Lausebengel „trieb Schabernack“ oder machten „Fisimatenten“. „Potzblitz“ oder „Donnerlittchen“ waren Ausdrücke der Überraschung. Worte wie diese hatten einmal Hochkonjunktur.

Die Sprache verändert sich mit uns und zwischen den Generationen wird sie manchmal sogar zur Fremdsprache. Briefe und Postkarten mit Füller geschrieben? Fehlanzeige. Stattdessen heißt es: „Es lebe der Minimalismus“. In Folge sparen gerade in der schnellen Kommunikation per iPhone oder Handy manche gänzlich mit Worten und drücken nur noch auf einen Emoji.

Ein bisschen aus der Zeit gefallen

Worte kommen, gehen, stolpern wieder herein, man findet sie in Nischen, wie in der Literatur oder – dann meist von einem Augenzwinkern begleitet – in ironischen Gesprächen. Bis dahin dürfen wir uns an hier und da auftauchenden alten Wörtern erfreuen wie an vergessenen Liedern: ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber mit einem Charme, den kein Trend ersetzen kann. Denn wer Sprache nur modern hält, verpasst ihre Geschichte – und manchmal auch ihren Witz. Fürwahr, alldieweil die holden Worte hinfort zu entschwinden drohen, ziemt es sich wohl, ihrer eingedenk zu bleiben – auf dass uns nicht alles gar zu unerquicklich erscheine, alldieweil doch manch famoser Ausdruck unser Antlitz zu erhellen vermag.

Nicola Maria Reimer Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

78224 Singen Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

Südkurier Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis


© Südkurier