Wettlauf um den legendärsten Kindergeburtstag: Eierlaufen war gestern
Früher reichten ein Löffel, ein Ei und ein bisschen Gleichgewichtssinn, um einen Kindergeburtstag zu gestalten. Wer kennt es noch? Eierlaufen, Sackhüpfen, die „Reise nach Jerusalem“, Topfschlagen, ein Marmorkuchen mit Schoko-Glasur und Kerzen, vielleicht am Abend noch Würstchen mit Kartoffelsalat. Wurden die Kids dann erschöpft und glücklich von ihren Eltern abgeholt, drückten sie stolz ihre Preise an die Brust, die sie bei den Wettbewerben gewonnen hatten. Preise, das hieß ein paar Süßigkeiten, wie Lolly, Gummibärchen oder Esspapier – maximal ein Sachpreis wie ein Radiergummi in Schlumpf- oder Dinoform.
Heute dagegen wirkt so mancher Kindergeburtstag ungefähr so zeitgemäß wie ein Kassettenrekorder auf einer Streaming-Party. Ein Ausflug ins Kino sollte es schon sein – bestenfalls danach noch ein Einkehrschwung in ein Burgerrestaurant. Über die Grenze geschaut: Dass in puncto Kindergeburtstag stark aufgerüstet wird, wurde mir bewusst, als ich einen Artikel in einer Schweizer Zeitung las. Dort stand, dass so manche Feier in unserem Nachbarland in die Kategorie „kleiner Gebrauchtwagen“ falle: 400 bis 500 Franken gelten als Einstieg, auf einer nach oben offenen Skala. In Extremfällen kratzt die Feier an der 10.000-Franken-Marke.
Na ja – wenn man sich das leisten kann. Immer mehr Schweizer sollen wohl mittlerweile auf die Expertise professioneller Anbieter zurückgreifen. Durchgetaktete Programme, gemietete Chalets, ein Clown, Deko, Animationsteams – und irgendwo dazwischen – ein Geburtstagskind, das sich vermutlich einfach nur freut, wenn seine Freunde da sind. Klar, Kinder lieben Erlebnisse. Und wer will schon derjenige sein, dessen Party im Vergleich zu den Schulfreunden „voll langweilig“ war? Der soziale Druck steigt, das Konkurrenzdenken wird gefördert und Ausgrenzung ist fast vorprogrammiert. Und: Plant man wirklich noch für das Kind? Oder für das unsichtbare Publikum: andere Eltern, andere Kinder, die stille Benchmark der letzten Feier?
Es ist ein Wettbewerb ohne Jury, aber mit spürbaren Erwartungen. Da stellt sich doch die Frage: Macht mehr Aufwand tatsächlich mehr Freude? Oder verwechselt jemand Unterhaltung mit übermäßiger Inszenierung? Kinder sind erstaunlich genügsam, wenn man sie lässt. Ein Garten, ein paar Spiele, ein Kuchen – und vor allem Zeit. Zeit, die nicht durchgetaktet ist, sondern Raum lässt für Ausgelassenheit, Quatschmachen, Streit und Versöhnung. Für genau das, was Kindheit ausmacht. Vielleicht liegt der wahre Luxus gar nicht in der Hüpfburg XXL oder dem organisierten Lasertag-Parcours – bei dem ein Großteil der Gäste doch nur am Handy daddelt –, sondern im Mut zum Simplen. Ein Geburtstag, der nicht beeindrucken will, sondern verbindet. Und bei dem am Ende nicht die Rechnung in Erinnerung bleibt – sondern der Moment, als sich beim Eierlaufen herausgestellt hat, dass das heruntergefallene Ei doch tatsächlich ungekocht war.
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