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Team Deutschland trainiert im Konstanzer Industriegebiet

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Ein Sonntagmittag in einer kleinen Halle, 17 Menschen in Kampfanzügen, alle hoch konzentriert: Willkommen im Yoseikan Budo Konstanz, einer kleinen Sportgruppe mitten im Industriegebiet.

Judo, Karate, Kickboxen – von all dem hat man mal gehört, aber was ist Yoseikan Budo, kurz Yoseikan? Es handelt sich um eine moderne japanische Kampfsportart, die verschiedene traditionelle Kampfstile mit zeitgenössischen verbindet. In anderen europäischen Ländern, wie der Schweiz, Frankreich oder Italien, ist sie weitverbreitet, in Deutschland ist der Verein jedoch einmalig. Gegründet hat er sich auf Initiative des St. Galleners Hassen Douiri im Jahr 2022, um Yoseikan auch in Deutschland populär zu machen.

Im Logo des Vereins steckt die Philosophie

Douiri ist inzwischen gemeinsam mit Soufiane Ouechtati Trainer in Konstanz, wo die beiden außer Dienstag und Freitag jeden Tag Gruppen leiten, für die Altersgruppen vier bis acht Jahre, acht bis 13 Jahre und ab 14 Jahren. So versuchen sie, schon den Allerjüngsten Disziplin, Selbstbewusstsein und Körperkontrolle nahezubringen. Denn hinter der Kampfsportart steckt eine ganze Philosophie, die auch das Logo des Vereins zeigt, wie die 1. Vereinsvorsitzende Jennifer Knaus erklärt: weiße Berge, blaues Wasser und eine orangefarbene Sonne im Hintergrund.

Die Berge symbolisieren Standfestigkeit und Disziplin, das Wasser fließende, weiche Bewegungen, Gewaltfreiheit sowie das Umlenken von Kraft. Und die Sonne als Feuerball stehe für Leidenschaft, so Knaus. Diese Philosophie zeigt sich auch deutlich im Training. „Wir wollen keine Aggression, nur Kontrolle“, weist Trainer Ouechtati die Trainierenden an und erklärt, sie sollen fließende Bewegungen machen anstelle von bloßem Schlagen.

Gekämpft wird dabei auf ganz unterschiedliche Arten – eins gegen eins oder in verschiedenen Gruppenkonstellationen, mit bloßen Händen oder mit Waffen, wie zum Beispiel dem Langschwert, dem sogenannten Katana. Die Waffen sind natürlich gepolstert und alle Beteiligten mit Schutzausrüstung ausstaffiert. Außerdem tragen alle beim Yoseikan einen speziellen blauen Anzug, der sich Gi nennt. Im Gegensatz zum Judo sieht man hier aber keine unterschiedlichen Gürtelfarben, sondern alle tragen den gleichen, ganz unabhängig von ihrem Können. Denn das Leben sei ein „dauerhafter Prozess des Lernens“, und jeder lerne von jedem, so Jennifer Knaus.

Konstanzer Verein vertritt Deutschland

Die beiden Trainer haben trotzdem beide einen Dan, den besten Gürtel. Aber auch ihre Schülerinnen und Schüler können mehr als zufrieden sein, sind sie doch erst im Februar mit vier Medaillen von einem internationalen Turnier in Frankreich zurückgekehrt. Und auch an der Yoseikan-WM hat der Konstanzer Verein 2024 als Deutschlandvertretung mit drei Kämpfern teilgenommen und wurde mit einem vierten Platz und Bronze prämiert. Das alles kostet allerdings einen Haufen Geld – für Ausrüstung oder Startgelder bei Wettbewerben. Geld, das dem kleinen Verein laut Knaus oft fehlt. Daher versuche der Vorstand gerade Stück für Stück, mehr Werbung zu machen und Sponsoren zu finden.

Trotzdem gibt er den Gi im Notfall kostenlos heraus, wenn sich Neumitglieder mit der Bezahlung schwertun. Denn im Verein trainieren auch einige Menschen mit eher geringen Mitteln und immer wieder Geflüchtete. So bringt der Verein Menschen mit verschiedensten Hintergründen zusammen. Da könne eine Sommerfestplanung schon mal komplex werden, wenn vegan, muslimisch und christlich beim Buffet unter einen Hut gebracht werden müssen, erzählt Knaus lachend. Man lerne aber enorm viel voneinander und sehe, dass alle Kulturen in Harmonie zusammenkommen können.

Die Trainer übersetzen an der ein oder anderen Stelle auch mal ins Arabische oder Französische, wenn es Bedarf gibt. Und eine Sprache ist für die allermeisten neu im Yoseikan: Japanisch. Im Training fallen immer wieder Begriffe wie Kama (Kampfposition), Gebadaski (Grundstand) und vor allem Yame (Stopp), womit die Kämpfe unterbrochen werden. Das Training ist hart; Ouechtati und Douiri korrigieren ständig, motivieren die Kämpfenden aber gleichzeitig, weiter ihr Bestes zu geben und aufmerksam zu sein.

„Jeder macht Fehler. Der eine schläft und merkt es erst nach einem Jahr, der andere ist wach und bemerkt es sofort“, spornt Ouechtati einen Jungen an. Und es funktioniert: Alle sind voller Energie dabei, wenn im Emono, dem Gruppenkampf mit Schwertern, alle 30 Sekunden die Kämpfenden ausgewechselt werden. Zehnjährige kämpfen dabei teilweise auch mit 30-Jährigen, da sonntags die beiden älteren Gruppen eine Zeit lang gemeinsam trainieren.

Yoseikan ist eine moderne japanische Kampfsportart, die verschiedene traditionelle Kampfstile mit zeitgenössischen verbindet. Der Konstanzer Verein bietet an fünf Tagen die Woche Training an, für fast jedes Alter. Außerdem gibt es montags ganz neu eine Selbstverteidigungsgruppe explizit für Frauen.

Dabei wird hier gar nicht von kämpfen, sondern von ,miteinander spielen‘ gesprochen. Auch eine leichte Verbeugung vor dem Gegenüber gibt es zu Beginn, am Ende des Trainings und immer wieder zwischendrin – denn letztlich ist das alles nur zum Spaß. Es ist eben ‚ein Spiel‘ und vor allem ein Miteinander, das wird sehr deutlich in zwei Stunden Training. Im Fokus steht die Anwendung „im echten Leben“, deutlich mehr als bei den klassischen Kampfsportarten. Deswegen wird auch mit beiden Händen trainiert, statt nur mit der Schreibhand, um flexibel zu bleiben.

Außerdem hat der Verein neu ein Selbstverteidigungstraining nur für Frauen im Repertoire. Dort sollen gezielt umsetzbare Verteidigungsstrategien erlernt werden. Trainer Douiri bringt dafür über sein Kampfkönnen hinaus noch einiges an praktischer Erfahrung im Straßenkampf mit, als früherer Türsteher. Mehr Infos gibt es unter yoseikan-budo.de oder per E-Mail unter info@yoseikan-budo.de.

Marie Julie Dürr Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

78465 Konstanz Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

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