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„Man gewöhnt sich daran, mit dem Krieg zu leben“: Szenen aus Tel Aviv, einer Stadt unter Beschuss

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Nadine Avidan ist vertraut mit dem Klang des Krieges. Sie kennt das dumpfe Knallen, wenn eine israelische Abfangrakete ein feindliches Geschoss vom Himmel holt. Und sie weiß, wie es klingt, wenn eine Rakete in ein Gebäude rast. Die 39-Jährige, gebürtige Deutsche, lebt seit vier Jahren in Israel, sie hat Raketenbeschuss aus Gaza und dem Libanon erlebt und den ersten Krieg zwischen Israel und dem Iran im letzten Sommer. Als sie an jenem Samstag vor zwölf Tagen den Knall hörte, tief und gewaltig, da sei ihr sofort klar gewesen: Das war ein Einschlag, ein „direkter Treffer“, wie es in Israel heißt. In dem öffentlichen Bunker in Tel Aviv, in dem Nadine Avidan am 28. Februar zusammen mit zahlreichen anderen Menschen Schutz gesucht hatte, verlosch die Lampe – der Einschlag hatte die Stromversorgung gekappt. „Wir alle hatten gleich das Gefühl: Das muss hier in der Gegend sein.“

Sobald die israelische Armee an jenem Abend per App-Mitteilung Entwarnung gab, verließen Nadine Avidan und ihr Partner den Bunker. Der Anblick, der sich ihnen auf der Straße bot, erschütterte sie. „Überall lagen Glassplitter, wir mussten wahnsinnig aufpassen, weil wir mit unserem Hund unterwegs waren“, erzählt sie Tage später im Videocall. „Auch vor unserem Gebäude lag der ganze Vorgarten voller Glas. Ich dachte: Was werde ich in unserer Wohnung vorfinden?“

Der Krieg, über den alle Welt spricht, ist plötzlich erschreckend nah

Wie sich herausstellte, hatten Avidan und ihr Partner vergleichsweise Glück: Weil ihre Wohnung auf der Seite des Gebäudes liegt, die nicht vom Einschlag getroffen wurde, waren nur zwei Fenster gesprungen, aber nicht herausgefallen. Einige ihrer Nachbarn jedoch mussten wegen der Schäden an ihren Wohnungen in Sicherheit gebracht werden. „Das klingt vielleicht absurd, weil wir ja wissen, dass Krieg herrscht“, sagt Avidan, „aber dass unsere Nachbarn in Sicherheit gebracht wurden, hat mich am meisten schockiert.“ Dieser Krieg, über den alle Welt spricht, war plötzlich erschreckend nahegekommen.

Seit dem frühen Morgen des 28. Februars, an dem Israel und die USA ihren Angriff auf das iranische Regime begannen, herrscht in Israel Ausnahmezustand. Vor allem das Zentrum des Landes steht unter starkem Beschuss. In Tel Aviv schrillen seit Kriegsbeginn jeden Tag und jede Nacht mehrfach die Sirenen, die vor eingehenden Raketen warnen. Manchmal heult der Alarm gar mehrmals pro Stunde auf, treibt die Menschen immer wieder in Bunker und Schutzräume. Immerhin dürfen die meisten von ihnen darauf hoffen, ihr gewohntes Leben wieder aufzunehmen, sobald der Krieg endet – wann immer das sein mag. Doch nicht auf alle wartet die Rückkehr in den Alltag.

In Tel Aviv schrillen seit Kriegsbeginn jeden Tag und jede Nacht mehrfach die Sirenen, die vor eingehenden Raketen warnen

Zwölf zivile Todesopfer hat der Krieg in Israel bis Donnerstagmittag gefordert. Bei jenem Einschlag in Tel Aviv, der die Fenster in Nadine Avidans Wohnung zersplittern ließ, starb eine philippinische Altenpflegerin, die bei ihrer Patientin blieb, statt in den Schutzraum zu eilen. In der Kleinstadt Bet Shemesh nahe Jerusalem kamen am zweiten Tag der Kämpfe neun Menschen ums Leben, darunter drei minderjährige Geschwister. Für ihre Familien hat der Krieg schon jetzt alles verändert, egal, wie die kommenden Tage und Wochen verlaufen werden.

Seit fast zwei Wochen hält dieser Krieg den Nahen Osten in Atem. Und schon jetzt scheint klar: So absehbar, wie US-Präsident Donald Trump es anfangs darstellte, ist ein Ende dieser Kämpfe nicht. Stattdessen eskaliert die Situation in der Golfregion. Der neue iranische Führer schwört Rache. Modschtaba Chamenei forderte in einer ersten im Staatsfernsehen verlesenen Stellungnahme Rache für die Kriegsopfer.

Israel meldete am Donnerstag einen Angriff auf eine iranische Atomanlage; auch die iranische Hauptstadt Teheran kam erneut unter Beschuss. Die USA und Israel besitzen die Lufthoheit über Iran und können nach Belieben ihre Ziele auswählen und bombardieren. Der Iran schlägt mit Raketen und Drohnen in Israel und in den arabischen Golf-Staaten zurück. Eines der Ziele am Donnerstag sei die Zentrale des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Beth gewesen, meldete die iranische Nachrichtenagentur Tasnim unter Berufung auf die Revolutionsgarde.

Iran setzt darauf, dass den USA und Israel die Geschosse für die Raketenabwehr ausgehen

Etwa 90 Prozent der iranischen Geschosse werden abgefangen, wie das US-Institut für Kriegsstudien mitteilte. Teheraner Regierungspolitiker sagen jedoch, die Arsenale der Islamischen Republik seien noch lange nicht erschöpft. Das Regime setzt zudem darauf, dass Amerikanern und Israelis die Geschosse für die Raketen- und Drohnenabwehr ausgehen.

Und obwohl die meisten iranischen Raketen abgefangen werden, richten die iranischen Angriffe große Schäden an, besonders in der Öl- und Gasindustrie am Golf. Der Irak stoppte am Donnerstag die Verladung von Öl auf Schiffe, nachdem zwei Tanker von iranischen Geschossen getroffen wurden und in Brand gerieten. Ein Öl-Terminal in Oman stellte die Arbeit ein. Bahrain meldete, zwei Treibstofflager seien getroffen worden. Auch Dubai wurde wieder angegriffen. Der Iran berichtete zudem, die Revolutionsgarde habe einen Tanker eines US-Unternehmens im Persischen Golf beschossen.

Und dann ist da noch die Straße von Hormus, jene Meerenge im Persisichen Golf, durch die etwa ein Fünftel der weltweit gehandelten Menge an Öl und Gas transportiert wird. Der Iran hat sie inzwischen für geschlossen erklärt. Die Folgen bekommen deutsche Autofahrer an den Tankstellen und Verbraucher, die derzeit Heizöl tanken müssen, hautnah mit. Die Internationale Energieagentur IEA spricht von der „größten Versorgungsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarktes“. Die IAE-Mitgliedsstaaten haben inzwischen beschlossen, 400 Millionen Barrel Öl aus ihrer Strategischen Reserve freizugeben, um den weltweiten Preisanstieg zu bremsen. US-Präsident Donald Trump droht dem Iran, „20 Mal härter“ zuzuschlagen, wenn die Meerenge vollständig gesperrt werden sollte.

Inzwischen geht es nicht mehr nur ums Öl: Teheran eröffnet eine neue Phase im Krieg und droht auch offen, Banken und Tech-Firmen im ganzen Nahen Osten zu beschießen. Man sei berechtigt, als Antwort auf die Angriffe von USA und Israel auf eine iranische Bank die „Zentren der Wirtschaft und Banken“ der Kriegsgegner zu bombardieren, sagte ein iranischer Armeesprecher. Angriffe auf die Finanzwirtschaft und Hochtechnologie wären eine weitere Katastrophe für die Golf-Staaten: Diese Branchen sind wichtig bei der geplanten Modernisierung der arabischen Volkswirtschaften. Der Iran will die arabischen Länder mit dem Beschuss dazu bringen, Trump zur Beendigung des Krieges zu bewegen.

In Tel Aviv geht das Leben währenddessen irgendwie weiter – trotz der Trümmer, trotz der Zerstörungen. Auch für Yaniv Graziani. „Es ist nur materieller Schaden“, sagt er und schaut zu dem Gebäude hinüber, in dessen Erdgeschoss bis zum ersten Tag des Krieges das Café Graziani stand, ein beliebtes Nachbarschaftscafé gegenüber einem kleinen Park. Yaniv Graziani, 48, hatte es vor zwölf Jahren gegründet, zusammen mit seiner Frau. Nun ist die zerstörte Frontseite mit grauem Bauzaun abgesperrt, Reporter und Passanten stehen davor und fotografieren. Graziani führt zur Rückseite des Gebäudes und schließt die Hintertür auf. Drinnen liegt die Einrichtung in Trümmern. Schutt, Staub und Glassplitter bedecken den Boden. „Noch ein paar Stunden vor dem Einschlag haben wir hier Essen serviert“, erzählt Graziani. Nun liegt Mehl verstreut in der Küche, es riecht nach dem Kot wilder Tiere.

Yaniv Graziani saß mit seiner Familie im Schutzraum, als er am vorvergangenen Samstagabend erste Textnachrichten von Bekannten erhielt: Es hat dein Café getroffen. Es sieht übel aus.

Der Krieg hinterlässt Spuren: im Straßenbild der Stadt ebenso wie in der Psyche ihrer Bewohner

„Ich bin noch in derselben Nacht hingefahren“, erzählt er gut eine Woche nach dem Angriff. „Das Café so zerstört zu sehen, hat wehgetan.“ Mit Klagen will er sich dennoch nicht aufhalten: „Ich glaube nicht, dass es mir hilft, zu jammern.“ Stattdessen schaut er nach vorn, plant Reparaturen, Renovierung, Neueröffnung. Vom ersten Moment an sei ihm klar gewesen, dass er das Café wieder aufbauen will, sagt er, und zwar am selben Ort. „Entweder hier oder gar nicht.“

Seine Haltung passt zu dem, was ausländische Beobachter oft mit einer Mischung aus Irritation und Bewunderung als „israelische Resilienz“ bezeichnen. Diese Widerstandsfähigkeit, gewachsen aus einer langen Reihe von Kriegen und Konflikten, erklärt wohl auch, warum nur eine halbe Stunde nach dem letzten Luftalarm junge Mütter mit Babys in der Trage durch den Park am Café Graziani schlendern. Warum das Einkaufszentrum nahe der Einschlagstelle, bekannt für seine internationalen Luxusboutiquen, geöffnet und moderat besucht bleibt; und warum die Menschen, die der nächste Luftalarm zufällig in denselben Bunker treibt, trotz Sirenen im Hintergrund miteinander scherzen.

Man gewöhnt sich daran, mit dem Krieg zu leben, wenn es schon nicht anders geht.

Und doch hinterlässt er Spuren: im Straßenbild der Stadt ebenso wie in der Psyche ihrer Bewohner. Manche Scherze mögen bloß dazu dienen, die eigene Angst zu verbergen.

Auch Nadine Avidan geht weiter mit ihrem Hund spazieren, obwohl sie dabei an zertrümmerten Fassaden vorbeigehen muss. Und doch, sagt sie, hat der Einschlag in ihr etwas verändert. Das Heulen der Sirenen erscheint bedrohlicher als vorher. Wenn sie ihre Route plant, achtet sie darauf, in der Nähe von Bunkern zu bleiben. Für Menschen wie sie wird der Krieg wohl nie mehr so abstrakt sein wie zuvor. „Wer so etwas nicht erlebt hat, für den ist es anders“, sagt sie. „Aber ich sehe immer noch diese zerbrochenen Scheiben vor mir.“

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