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Bürgergeld: Jobcenter-Termine sollen „nichts bringen“ – warum viele Langzeitarbeitslose unzufrieden sind

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22.03.2026

Ab dem 1. Juli 2026 soll das Bürgergeld nach dem Willen der Bundesregierung schrittweise einer neuen Grundsicherung weichen. Ein wichtiges Ziel der Reform ist es, mehr Empfängerinnen und Empfänger in Arbeit zu bringen und die Zusammenarbeit zwischen Leistungsbeziehenden und Jobcentern zu stärken. Ein hoher Stellenwert wird dabei den Terminen im Jobcenter eingeräumt. Wer sie mehrfach versäumt, muss künftig mit verschärften Sanktionen rechnen. Doch wie sinnvoll sind diese Termine in den Augen der Bürgergeldbeziehenden überhaupt? Das hat nun eine Studie der Bertelsmannstiftung untersucht.

Bürgergeld-Studie: Wie bewerten Langzeitarbeitslose die Arbeit der Jobcenter?

Die am 17. März 2026 veröffentlichte Studie befasst sich insbesondere mit der Frage, wie Langzeit-Bürgergeldbeziehende die Unterstützungs- und Beratungsleistung ihrer Jobcenter wahrnehmen. Die Ergebnisse weisen auf ein geteiltes Meinungsbild hin: Während der Großteil insgesamt mit der Arbeit der Jobcenter und ihrem Personal zufrieden ist, üben viele aber auch Kritik am Austausch mit den Einrichtungen und der wahrgenommenen Qualität der Termine.

Methodik der Studie: Wer wurde befragt?

Die Studie basiert auf der Befragung von 1006 erwerbsfähigen Bürgergeldbeziehenden im Alter von 25 bis 50 Jahren, die zum Zeitpunkt der Erhebung arbeitssuchend waren und seit mindestens einem Jahr Bürgergeld bezogen. Knapp 60 Prozent der Personen erhielten bereits drei Jahre oder länger Leistungen der Grundsicherung. Zusätzlich zu der standardisierten Umfrage, die alle Studienteilnehmenden absolvierten, wurden mit 20 Befragten tiefergehende Einzelinterviews geführt.

Ein Blick auf die Ergebnisse der Umfrage zeigt zunächst: Die Mehrheit der befragten Langzeitarbeitslosen beurteilt die Leistungen des für sie zuständigen Jobcenters positiv. 68 Prozent geben an, mit der Arbeit des Jobcenters zufrieden zu sein. 72 Prozent schätzen die Mitarbeitenden als kompetent ein. Und 60 Prozent der Befragten sind der Ansicht, das Jobcenter unterstütze sie genau da, wo sie Hilfe bräuchten.

Ein nicht unerheblicher Teil der Befragten bewertet die Arbeit ihres Jobcenters jedoch kritisch. So schätzt knapp die Hälfte der Studienteilnehmenden den Nutzen der Termine im Jobcenter als gering ein. 47 Prozent stimmen der Aussage zu, dass ihnen diese Termine „nichts bringen“, also ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern würden. 44 Prozent teilen die Auffassung, ihnen würden im Jobcenter nur Forderungen gestellt, statt dass ihnen wirklich geholfen werde. Zudem bemängeln 39 Prozent der Befragten, dass Mitarbeitende häufig schlecht erreichbar seien.

Warum sind viele Langzeitarbeitslose mit der Beratung der Jobcenter unzufrieden?

In den Einzelinterviews wurden ausgewählte Studienteilnehmende zu den Gründen für ihre Unzufriedenheit mit der Arbeit der Jobcenter befragt. Dabei stellte sich heraus, dass sich viele Bürgergeldempfänger nicht ausreichend unterstützt fühlen – unter anderem, weil das Jobcenter selten mit ihnen in Kontakt trete und sie beispielsweise nur alle sechs Monate zu einem Termin einlade. Einige Befragte wünschen sich jedoch einen häufigeren, regelmäßigeren Austausch und baten daher selbst um Termine. Die Terminfindung gestalte sich allerdings bisweilen schwierig und teilweise müsse man lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Als Grund hierfür identifizieren die Befragten vor allem strukturelle Probleme. Die Jobcenter-Mitarbeitenden werden häufig als überarbeitet wahrgenommen, da sie zu viele Fälle gleichzeitig bearbeiten müssten. Darunter leide die Qualität der Beratungsgespräche: Die Vermittlungskräfte könnten sich nicht ausreichend Zeit für den einzelnen Leistungsempfänger nehmen, eine individuelle, persönliche Betreuung sei so kaum möglich. Viele Befragte schildern, dass Gespräche im Jobcenter oft nur von kurzer Dauer seien, nach einem standardisierten Muster geführt und sich dadurch oberflächlich anfühlen würden. Der individuelle Nutzen solcher Termine wird von vielen Bürgergeldbeziehenden dementsprechend als gering beurteilt.

Bieten Jobcenter hingegen individuell zugeschnittene Unterstützungsangebote an, wirkt sich das positiv auf die Wahrnehmung der Betreuung aus. Diejenigen Befragten, die in der Vergangenheit durch das Jobcenter vermittelte Weiterbildungs- und Arbeitsvermittlungsmaßnahmen durchlaufen haben, zeigen sich deutlich zufriedener mit der Passgenauigkeit der Unterstützung sowie der Kompetenz und Erreichbarkeit der Mitarbeitenden.

Unzufriedenheit bei Bürgergeld-Empfängern: Welche Rolle spielen Sanktionen?

Die Autorinnen und Autoren der Bertelsmann-Studie stellten zudem fest, dass Langzeitarbeitslose, die in der Vergangenheit für Regelverletzungen mit Sanktionen belegt wurden, tendenziell unzufriedener mit dem Jobcenter sind. In der Befragung zeigte sich, dass diese Gruppe besonders häufig der Meinung ist, es würden nur Forderungen an sie gestellt, ohne dass ihnen wirklich geholfen wird. Auch die Kompetenz des Jobcenter-Personals bewerten sie negativer als andere Leistungsbeziehende. Einige äußern zudem den Eindruck, dass Mitarbeitende im persönlichen Gespräch die Androhung von Sanktionen als Druckmittel einsetzen würden, was zumeist als belastend und demotivierend empfunden wird.

Dabei spricht sich die Mehrheit der Befragten sogar dafür aus, dass mit dem Bürgergeldbezug auch Mitwirkungspflichten für Empfängerinnen und Empfänger einhergehen sollten: 55 Prozent stimmen der Aussage zu, dass von Bürgergeldbeziehenden eine Gegenleistung verlangt werden kann. Viele halten Sanktionen allerdings nur dann für gerechtfertigt, wenn die Mitwirkung wiederholt und bewusst verweigert wird. Diese Grundlage sehen sie jedoch oft nicht gegeben.

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