Wie man respektvoll streitet: „Wenn ich den anderen bekehren will, scheitert das Gespräch“
Respektvoll streiten – geht das? Damit beschäftigt sich die Journalistin Ellen Heinrichs. Warum ist Zuhören für das Zusammenleben auch im Klassenzimmer so wichtig?
ELLEN HEINRICHS: Weil das die Voraussetzung für ein gutes Gespräch ist. Gerade bei gesellschaftlichen Streitfragen erleben wir viel Lautstärke: Jeder kontert sofort, anstatt erst einmal zu verstehen, worum es dem Gegenüber eigentlich geht.
Wenn wir miteinander sprechen, hören wir doch zu?
HEINRICHS: Das glauben wir. Tatsächlich sind wir aber oft mit einer Antwort beschäftigt, während der andere noch spricht. Wirkliches Zuhören bedeutet, sich auf das zu konzentrieren, was das Gegenüber ausdrücken möchte, ohne gedanklich bereits die eigene Reaktion zu formulieren. Zuhören ist anstrengend und verlangt Aufmerksamkeit. Die gute Nachricht ist: Es lässt sich trainieren.
Wie kann man das üben?
HEINRICHS: Indem man sich bewusst vornimmt, die eigene Sichtweise in den Hintergrund zu stellen. Dabei hilft es, nachzufragen oder das Gehörte mit eigenen Worten zusammenzufassen, zum Beispiel so: „Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann ist dir wichtig, dass …“ Besonders wertvoll ist das in Situationen, in denen einen etwas aufregt. Dann kann man sagen: „Ich merke, dass mich das gerade ärgert. Hilf mir bitte zu verstehen, wie du das meinst.“ Das verschiebt den Fokus weg vom Recht haben hin zum Verständnis.
In vielen Debatten geht es aber genau darum: Wer hat Recht?
HEINRICHS: Das ist ein Grundproblem. Wir gehen oft mit der Erwartung in Gespräche, andere zu überzeugen oder zu gewinnen. Besser ist es, das Gespräch als Chance zu sehen, andere Sichtweisen kennenzulernen. Wer seine Erwartungen senkt, kann deutlich gelassener diskutieren.
Welche Fehler werden in Debatten besonders häufig gemacht?
HEINRICHS: Der Grundfehler ist genau diese Überzeugung: im Besitz der........
