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„Der ideale Mann“ in Stuttgart: Aufstieg und Fall eines Staatssekretärs

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31.03.2026

Partytime bei den Chilterns! Wie an einem Abgrund steht Lady Markby (Silvia Schwinger) am Bühnenrand des Stuttgarter Schauspielhauses und plappert tapfer ins Leere: „Wen nimmst du heute Abend noch dran? Die Hartlocks? (…) - Ich auch. Die schaff ich hoffentlich, bevor sie mich schaffen. Absoluter Tiefpunkt. Zum Sterben langweilig“. Viel aufregender als die Familie Hartlock und das Gesabbel von Lady Markby ist deren Kostümierung, ein kühn drapierter Fummel aus Volants und Puffärmeln, dazu ein Wagenrad von Hut mit Federn auf grauer, aufgetürmter Lockenperücke, die auch Marie Antoinette gefallen hätte.

Dem wasserfallartigen Geschnatter der feinen Londoner Gesellschaft in Oscar Wildes Komödie „Der ideale Mann“ kann man in der Fassung der Textflächenvirtuosin Elfriede Jelinek und in der Regie von Marco Štorman am Stuttgarter Schauspiel nicht immer folgen. Dafür sprechen die Kleider der Kostümbildnerin Yassu Yabara eine deutliche Sprache. Von allem etwas und davon viel zu viel; die High Society, die Štorman hier vorstellt, ist ein Konglomerat verschiedener Epochen. Versatzstücke aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert vereinen sich zu einem ästhetisch grellen Modemischmasch. Die Aussage dahinter: Wohlstandsverwahrloste hat es zu allen Zeiten gegeben, und immer waren sie auf oberflächlichen Pomp und eitle Selbstdarstellung aus.

Solche Typen hat der Dandy, Dichter und von seinen Zeitgenossen wegen seiner Homosexualität zu Haft und Zwangsarbeit verurteilte Freigeist Oscar Wilde immer wieder beschrieben. Er selbst existierte als teils bewunderter, teils verachteter Paradiesvogel am Rand der Gesellschaft. Unterm Titel „An ideal Husband“, zu deutsch: „Ein idealer Gatte“, im Jahr 1894 veröffentlicht, beschreibt Wildes Drama den drohenden Fall eines reichen Staatssekretärs im Auswärtigem Amt namens Sir Robert Chiltern, der sich als junger Mann durch Insiderhandel sozialen Stand und Vermögen ergaunert hatte. Als zu einer Party in seinem Haus Lady Cheveley erscheint, um Chiltern mit einem schriftlichen Beweis zu dessen Verfehlung zu erpressen, steht Chilterns soziale Reputation und die Ehe mit Lady Chiltern auf dem Spiel. Die hatte ihren Ehemann bisher stets als moralisches Ideal verherrlicht.

Marco Štorman katapultiert die feine Blase aus dem viktorianischen England in das abstrakte Vakuum des offenen Bühnenraums. Zu den Aktwechseln heben und senken sich Traversen mit Vorhängen aus fliederfarbenen Kunststoffstreifen, auf dem Rund der Drehbühne thront eine elektrische Droschke wie ein vorsintflutlicher SUV in erdähnlich braunem Granulat. Dazwischen wuseln die Chilterns (Gábor Biedermann, Celina Rongen) und deren Freunde herum. Lord Goring (Felix Strobel), ein affektierter, aber lustiger Lebemann mit homoerotischen Tendenzen und jungenhaft nackten Knien im babyblauen Plastikanzug, ist der beste Freund von Sir Chiltern. Dessen Vater, Lord Caversham (Sven Prietz) stolziert wie der Sonnenkönig höchstpersönlich mit Gehstock, Cape und großem Stern auf der Brust umher. Den eigenen Sohn diskreditiert er als „Weichei“.

Mrs. Cheveley (Christiane Rombach) überstrahlt die Runde in Signal-Pink und schwenkt in entscheidenden Momenten ihre qualmende Handtasche wie ein Weihrauchgefäß in der Kirche. Mabel Chiltern (Gabriele Hintermaier), die Schwester von Robert, ist in Wildes Stück eine junge, in Lord Goring verliebte Schönheit. Yassu Yabara macht aus ihr eine halb verwelkte Seniorin in Hosen und Gamaschen, die Lord Goring zum Schluss mutmaßlich bloß wegen ihres Vermögens heiraten wird.

Lady Chiltern paradiert mit riesiger blassblauer Taftschärpe und aufgesticktem Namen für alle sichtbar in ihrer Funktion als Ehefrau eines vermeintlich untadeligen Gatten umher, der das kleine hässliche Geheimnis eines Bauchansatzes hinter elfenbeinfarbenem Seidenkummerbund und passendem Überrock verbirgt.

Wer diese Knallchargen genau betrachtet, erfährt schon anhand der Kleider viel über deren Habitus. Wie Oscar Wilde geht auch die in ihrer Heimat Österreich oft als „Nestbeschmutzerin“ geächtete Dichterin Elfriede Jelinek hart ins Gericht mit jenen, die sich für mächtig und wichtig halten. Die Konfrontation von Wilde und Jelinek, die dessen fein ziselierte Sprache in umständliches Phrasendreschen übersetzt, ist eigentlich gut und konsequent. Nur das Zuhören fällt im Fall von Jelineks Version schwerer, weil sie die Sprache der Figuren als mäanderndes Nichts entlarvt, was bei Wilde noch nach drolliger Plauderei klingt. Marco Štorman macht daraus eine anspielungsreiche, aber teils auch zähe Party.

Kommende Vorstellungen: am 2., 9., 17., 26. April, 19.30 Uhr. Weitere Informationen: www.schauspiel-stuttgart.de

Oscar Wildes Drama „Ein idealer Gatte“ erschien 1894 als Kritik an den politischen Intrigen der Londoner High Society. 2011 bearbeitete Elfriede Jelinek den Text unterm zugespitzten Titel „Der ideale Mann“ als Reaktion auf den Skandal um die österreichische Bank Hypo Alpe Adria. Sowohl Oscar Wilde (1854–1900) als auch Elfriede Jelinek (*1946) galten ihren Zeitgenossen oft als Nestbeschmutzer, die soziale und politische Missstände thematisierten. Während Wilde in seiner Dichtung bei aller inhaltlichen Schärfe auf Schönheit setzte, entlarvt Jelinek Sprache als Machtinstrument, das Inhalte zu verschleiern versucht. Oscar Wilde starb 1900 wenige Jahre nach seiner Haftentlassung verarmt in Paris. Elfriede Jelinek erhielt 2004 den Nobelpreis für Literatur. Sie lebt in Wien und München. (hrs)

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