Kampf um Inklusion: Maxi trotzt dem System und wird zur Pionierin an der Realschule Klettgau
Vier der Fragen kann Maxine mit je einem klaren Ja beantworten. Geht’s dir gut an der Schule? Fühlst du dich dort wohl? Helfen dir deine Mitschüler? Kommst du mit dem Unterricht gut klar? Nur bei einer Frage sagt sie nein: Weißt du schon, was du einmal werden willst? Maxine oder Maxi, wie sie hier alle nennen, ist 13 Jahre alt, kommt aus Küssaberg und ist körperlich und geistig behindert. Und doch besucht sie eine Regelschule, die Realschule Klettgau mit Sitz in Erzingen. Noch ist Maxi an diesem Morgen mit Schulassistentin Carina Radke am Frühstücken, weil sie zuvor Therapien hatte. Wenn sie fertig ist, geht sie rüber in den Unterricht – Englisch bei Rektorin Constanze Trumpf.
Maxi ist ein Mädchen mit mehrfacher Behinderung – und doch besucht sie kein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ), wie die Sonder- und Förderschulen in Trägerschaft des Landkreises Waldshut seit 2015 heißen. Sie nimmt ihr Recht auf Teilhabe, auf Inklusion an einer Regelschule wahr. Damit ist sie in der Region eine der ersten und an der Erzinger Realschule die erste.
Langer und harter Kampf
„Das war auch ein langer und harter Kampf“, sagt ihre Mutter Michaela. Die Familie hat ihn aufgenommen – und gewonnen. Unbedingt wollte sie verhindern, dass Maxi nach ihrer Grundschulzeit an der Tiengener Wutachschule aufs SBBZ-Internat nach Emmendingen hätte gehen müssen. Denn für ihren Förderschwerpunkt, körperlich-motorische Entwicklung, gibt es am Hochrhein nach der Grundschule kein weiterführendes SBBZ.
Gemäß Rudolf Schick, Leiter des Staatlichen Schulamts Lörrach, seien bisher viele von der Wutachschule nach Emmendingen gewechselt und wie deren Eltern damit zufrieden gewesen. Aber die Familie B. nicht. War doch Maxis größere Schwester, auch sie behindert, wenn auch nicht im Rollstuhl sitzend, zuvor im Emmendinger SBBZ und litt sehr unter der Unterbringung so weit weg von zuhause. „Ich habe doch kein Kind in die Welt gesetzt, um es dann wegzugeben“, sagt die Mutter.
Aber bei ihrer Suche nach einer Alternative vor Ort fühlte sich die Familie alleingelassen, auch vom Schulamt. Das habe Maxi auf die Rudolf-Graber-Schule in Bad Säckingen schicken wollen, obwohl diese gar nicht barrierefrei sei. Schick will sich aus Datenschutzgründen, wie er sagt, nicht zu personenbezogenen Details äußern. Man sei aber um „Konsens mit den Erziehungsberechtigten“ bemüht. Er wirbt um Verständnis dafür, dass der Rechtsanspruch auf Inklusion nicht an jeder allgemeinbildenden Schule eingelöst werden könne. Um der Ausstattung mit sonderpädagogischem Fachpersonal willen, sei eine Bündelung des Angebots an ausgewählten Schulen zielführender, so Schick.
Die Mutter sagt, Maxi zuhause unterrichten zu lassen, sei eine Alternative gewesen. Aber das hätte Isolation und fehlende Sozialkontakte eingeschlossen. Schließlich wurde die Familie auf die Realschule Klettgau aufmerksam und ihr schnell deutlich: Constanze Trumpf ist eine Rektorin, die hinter Inklusion steht und an ihrer Schule gelebt sehen möchte. Zu Beginn des Schuljahres 2025/26 gelang der Wechsel.
Wertschätzung erfahren und Begegnungen machen
„Maxi ist vom ersten Tag an super aufgenommen worden“, sagt Trumpf. Ihre Mitschüler spielen mit ihr und gehen mit ihr in die Mensa zum Mittagessen. Sie hat Freundinnen gefunden und alle lieben ihre positive und stets gutgelaunte Art. Trumpf: „Maxi ist ein Mega-Türöffner für alle.“ Aus der Begegnung mit ihr könnten Mitschüler und Lehrer lernen, „dass es noch etwas anderes gibt als ihre eigene heile Welt“, wie es Michaela B. formuliert.
Mit Maxi verbal zu kommunizieren, ist zwar nur eingeschränkt möglich. „Dafür versteht sie alles ganz genau“, sagt die Mutter. Das kann Carina Radke bestätigen. Nur mit ihrer Hilfe kann die 13-Jährige den Schulalltag meistern. Der Aufwand für Pflege, Begleitung und Betreuung ist immens. Dafür stimmt aber auch der Ertrag: Maxi kann am Leben teilhaben, Wertschätzung erfahren, Begegnungen machen, die ihr sonst verwehrt wären. In der Schulband mitzuspielen, liebt sie über alles. Bald wird die im Umbau befindliche Realschule Klettgau noch mehr Kinder mit Behinderungen aufnehmen. Die positiven Erfahrungen mit der „Türöffnerin“ Maxine sollen Schule machen.
Seit 2015 bieten Regelschulen in Baden-Württemberg inklusiven Unterricht für Schülerinnen und Schüler mit Anspruch auf ein Sonderpädagogisches Bildungsangebot an. Im Schuljahr 2024/25 waren es 9532. 43 Prozent besuchten die Grundschule, 57 Prozent eine weiterführende Regelschule, unter denen die Gemeinschaftsschulen dominierten, gefolgt von Werkreal-/Hauptschulen und mit nur 2,7 Prozent Anteil weit abgeschlagen die Gymnasien.
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